Wasser !!!

Bilder, die wir sonst nur von Berichten über Bangladesch oder sonstigen Länder weit weit weg kennen. Landschaften von apokalyptischen Fluten bedeckt. Häuser durch reißende Ströme zerstört. Unglaubliche Zahlen ertrunkener Menschen. Bei uns! Im lieblichen Ahrtal. Im beschaulichen Bad Münstereifel, in Hagen, von dem man bisher nur als Ort der Kinder-und Jugendzeit Nenas gehört hat und, und, und…

Zwei Menschen haben mir über den Schock der Katastrophe hinweggeholfen: Der eine war ein Dichter, göttlich begabt, und doch mit den Dämonen seiner Psyche kämpfend. Der andere, wie könnte es bei mir anders sein, jener Rabbi aus Nazareth, der vor 2000 Jahren lebte und nach dem, noch, unsere Zeit berechnet wird. Jesus Christus. Was kann mir der Religionsstifter und was kann mir der Poet Friedrich Hölderlin, welcher  im Jahre 1770 geboren wurde im Angesicht der Flut, im Deutschland des Jahres 2021 nach Christus, Tröstliches zusprechen?

Für die Antwort müssen wir einen kleinen wissenschaftlichen Umweg machen. Der Tiefenpsychologe C.G.Jung gilt als der Entdecker der „Archetypen“, d.h. er hat erforscht, daß es in allen Kulturen gemeinsame Urbilder gibt, die bei allen Menschen die gleichen Assoziationen und Gefühle auslösen. Diese Urbilder sind in die Geschichten, Mythen und Religionen aller Völker und Kulturen eingeflossen. Diese Archetypen sind so mächtig, daß sie das Positive und das Negative zugleich umfangen. Beispiel: Das Feuer. Wir wissen, daß die Beherrschung und Hütung des Feuers ein Quantensprung in der Geschichte der Menschheit war. Gleichzeitig wissen wir aber auch welche Katastrophen das Feuer auslösen kann. So wie es Schiller in seiner „Glocke“ beschreibt: „Wehe wenn es losgelassen…!“

Nicht anders ist es mit dem Urbild Wasser. Klar, das wissen wir auch alle; wo Wasser ist da ist Leben! Deshalb gibt es in allen Völkern das Märchen vom „Wasser des Lebens“, welches der Königssohn für seinen todkranken Vater finden soll. Deshalb ist in allen Religionen das Wasser ein heiliges Symbol für das Leben: Die rituellen Waschungen im Islam und im Judentum; jeder fromme Hindu steigt mindestens einmal in seinem Leben in die heiligen Fluten des Ganges und im Christentum? Klar – die Taufe.

Noch einmal: Wo Wasser ist, da ist Leben. Gleichzeitig haben wir nun aber erfahren müssen, daß Wasser auch Tod bedeuten kann. Und deshalb ist in den Märchen und Geschichten, ja vor allem auch in den Mythen der Religionen Wasser auch ein Symbol des Todes. Die Sintflut gibt es nicht nur in der Bibel mit Noah und seiner Arche. Deshalb wird Jona über Bord des Schiffes geworfen um im Strudel des abgrundtiefen Meeres im Tod zu versinken. Auch solche ähnlichen Geschichten finden wir in allen Kulturen. Wasser bedeutet auch Tod! Deshalb ist vielleicht einer der wichtigsten Geschichten im Evangelium der Christen die, wo Jesus über das Wasser geht. Eine Geschichte, bei der aufgeklärte Atheisten einen Lachanfall bekommen. „Ja ne, is klar! Jesus ging über das Wasser. Hahaha! Habt ihr se noch alle? An was für einen Quatsch glaubt ihr?!“

Ein Paradebeispiel dafür, daß man die Mythen der Religionen nicht vordergründig, sondern tiefgründig lesen und hören muß. Wenn Jesus über das Wasser geht ist das kein Zaubertrick, sondern bedeutet, daß Jesus über den Tod geht. Anders gesagt: Aus atheistischer Perspektive ist der Tod die letzte Station von Allem. Alles Leben geht in einem kalten Weltall, welches in Myriaden von Sternenhaufen völlig gleichgültig vor sich hinrollt, in die Verrottung auf den kosmischen Abfallhaufen des Nichts.

Die Perspektive des Glaubens sagt das Gegenteil: „Du Mensch hast eine Seele. Einmalig und kostbarer als das ganze Universum, und nichts, keine Krankheit, keine Pandemie, keine Flut, also auch nicht der Tod kann diese Seele zerstören. Michelangelo hat diese Glaubenssicht so wunderbar beschrieben: „Wenn wir sterben, gehen wir nicht ins Nichts, nein, wir wechseln nur die Räume.“ Das ist mein Trost: Unglück, Unheil, Schmerz und Tod gibt es in unserer Welt -fürwahr! Aber sie haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat für Jeden das Licht, das Leben und die Liebe.

Womit wir endlich zu Friedrich Hölderlin kommen. Er hat gesagt: „Und wo die Not am größten ist, da wächst das Rettende auch.“ Welch eine Welle der Hilfsbereitschaft und der Liebe folgte der Flutwelle des Todes! Diese großartige Seite der Menschlichkeit bestärkt mich in dem Glauben, daß die Liebe stärker ist als der Tod! Ich glaube, daß es wahr ist, daß der Mensch (und auch die Tiere) eine Seele haben, unzerstörbar und kostbar. Daß diese Seele nicht im Tod versinken kann, also „über das Wasser geht“. Und deshalb darf ich Allen die ein geliebtes Wesen – ob Mensch oder Tier verloren haben und beweinen sagen. Sei getrost, Du wirst deine Liebsten wiedersehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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