Kritische Lage auf dem Ausbildungsmarkt

Rheinisch-Bergischer Kreis Die aktuell kritische Lage auf dem Ausbildungsmarkt erfordert vielfältige Unterstützungsangebote für Bewerberinnen und Bewerber sowie für Unternehmen, um dem Rückgang an Ausbildungsverträgen entgegenzuwirken. Darin sind sich die IHK Köln, die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land und die Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach in ihrer Zwischenbilanz zum Ausbildungsjahr einig.

Agenturbezirk Bergisch Gladbach

Bis März 2021 sind im Agenturbezirk Bergisch Gladbach insgesamt 2.694 Berufsausbildungsstellen gemeldet worden. Dem gegenüber stehen 2.833 Bewerber und Bewerberinnen, die sich im Laufe des Berichtsjahres bei den Agenturen für Arbeit vor Ort gemeldet haben, weil sie für dieses Jahr einen Ausbildungsplatz suchen. Rechnerisch kommt damit auf eine/n Bewerber/in rund ein Ausbildungsplatz. Nachdem bereits einige Ausbildungsverträge abgeschlossen werden konnten, sind zurzeit noch 1.480 junge Frauen und Männer auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Gleichzeitig sind noch 1.571 Ausbildungsplätze unbesetzt. Somit kommen auf jede/n unversorgten Bewerber/in 1,1 unbesetzte Berufsausbildungsstellen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl von Bewerber/innen um 13,0 Prozent gesunken. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Ausbildungsstellen um 5,3 Prozent zurückgegangen.

Nicole Jordy, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach erläutert dazu: „Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist nach wie vor kritisch. Die Folgen der Pandemie wirken sich weiterhin dramatisch aus, was sich im Rückgang der Bewerberzahlen und einem reduzierten Angebot an Ausbildungsstellen ausdrückt. Aufgrund dieser Entwicklung setzen wir als Agentur für Arbeit alles daran, junge Menschen mit vielfältigen Beratungsangeboten in ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz zu unterstützen: Dies haben wir mit unserem digitalen Programm zur Woche der Ausbildung unter Beweis gestellt. Auch danach stehen unsere Berufsberater*innen mit Rat und Tat zur Seite – ob telefonisch, per Mail oder per Videochat.“

Auch Unternehmen finden weitreichende Unterstützungsangebote seitens der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach zur Vermittlung geeigneter Bewerberinnen und Bewerber: „Aufgrund der angespannten Lage auf dem Ausbildungsmarkt appellieren wir an die Arbeitgeber, sich an uns zu wenden und offene Ausbildungsstellen zu melden“, erklärt Jordy. „Unser Arbeitgeber-Service kann Sie umfassend zu den Fördermöglichkeiten für Unternehmen beraten.“ Aktuelles Beispiel sind die Ausbildungsprämien, die über das Frühjahr 2021 in bisheriger Höhe verlängert werden. Für Ausbildungsverträge, die ab 1. Juni 2021 beginnen, ist eine Verdoppelung der Prämien für Ausbildungen vorgesehen.

974 Jugendliche aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis haben sich seit Oktober 2020 an die Berufsberatung der heimischen Agenturen für Arbeit gewandt, um einen Ausbildungsplatz zu finden. Insgesamt sind das 152 Personen (-13,5 Prozent) weniger als im Vorjahr. 500 Jugendliche sind davon aktuell noch unversorgt: 133 Personen (-21,0 Prozent) weniger als ein Jahr zuvor. Der Vielzahl an Bewerbern und Bewerberinnen stehen derzeit 687 gemeldete Berufsausbildungsstellen gegenüber, von denen aktuell noch 399 Ausbildungsplätze unbesetzt sind. Im Vergleich zum Vorjahr sind seit Beginn des Berichtsjahres 97 Ausbildungsstellen (-12,4 Prozent) weniger gemeldet worden.

Die Zukunft braucht das Handwerk

Auf das Nennen von konkreten Ausbildungszahlen verzichtet die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land dieses Jahr ganz bewusst, da aufgrund der Coronapandemie valide Zahlen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorliegen.

Virtuelle Realität, Energiewende, alternative Antriebssysteme – in den nächsten Jahren warten große Herausforderungen und das Handwerk spielt dabei eine wichtige Rolle. In allen entscheidenden Zukunftsbereichen wird das Handwerk gebraucht. Der Bedarf an beruflich qualifizierten Fachkräften wird dementsprechend weiter steigen. „Die Pandemie sorgt für fehlende Orientierung bei vielen Jugendlichen. Halt und tolle Perspektiven kann ihnen das Handwerk bieten“, betont der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land, Marcus Otto.

„Es liegt ein anstrengendes Jahr hinter uns und die allgemeine Müdigkeit droht sich, auf den Ausbildungsmarkt zu übertragen. Dies muss mit aller Energie verhindert werden“, erläutert Otto weiter und richtet einen Appell an alle Handwerksbetriebe. „Bietet jungen Menschen eine Zukunft und gebt ihnen mit einem Ausbildungsplatz eine Chance! Auszubilden ist nicht leicht. Es gibt viele Rückschläge und Anstrengun- gen. Auch die Pandemie und die einhergehenden Herausforderungen mit Distanzlernen fordern ihren Tribut. Auszubildende sind unzufrieden und auch durch Corona gestresst – ebenso wie die Ausbilder. Trotz aller Spannungen: Wir müssen weitermachen, weiter ausbilden und uns gegenseitig eine Chance geben.“

Das Handwerk ist attraktiv und hat einiges zu bieten. Neben der klassischen dualen Ausbildung gibt es inzwischen ein Berufsabitur, duale und triale Studiengänge, in denen junge Leute in viereinhalb Jahren die Ausbildung machen können, den Meister und ein Betriebswirtschaftsstudium. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig. „Das Ausbildungsjahr 2021 braucht Betriebe mit Visionen und Mut und Jugendliche bzw. junge Erwachsene mit Neugierde und Enthusiasmus“, wirbt der Hauptgeschäftsführer Otto für eine Ausbildung im Handwerk.

Weitere Informationen finden für Betriebe und Ausbildungssuchende finden sich auf der Homepage:

Auch über die kostenlose App „Ausbildung im Handwerk“ (für iPhones über den App Store als auch für Android-Handys über den Play Store erhältlich) finden Sie weitere Informationen.

Solide Chancen auf Ausbildung jetzt nutzen

Die Corona-Krise bringt den Ausbildungsmarkt von mehreren Seiten in die Bredouille: Die Pandemie hat die Angebotspalette der Ausbildungsberufe verändert, die Unter- nehmen suchen aber weiterhin Azubis. Gleichzeitig verunsichert die aktuelle Situation die junge Generation und verengt ihren Blick auf die Zukunftschancen einer dualen Berufsausbildung.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Zahlen der IHK Köln zum Ausbildungshalbjahr wider. Bislang wurden im Bezirk der IHK Köln 1.134 neue Ausbildungsverträge in den insgesamt fast 200 Berufen in Industrie, Handel und Dienstleistung vereinbart, 19,9 Prozent oder 282 Verträge weniger als zum Vorjahresstichtag. Das zeigen die aktuellen Zahlen der IHK Köln zum Ausbildungshalbjahr. „Damit wächst das Risiko, dass uns nach dem Ende der Lockdown-Maßnahmen, wenn der Betrieb wie- der hochgefahren werden kann, die Fachkräfte fehlen“, fürchtet Christopher Meier, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK Köln. Meier appelliert deshalb an Jugendliche und ihre Eltern, die vielfältigen digitalen Angebote zur Berufsorientierung wahrzunehmen und sich mit den Themen Ausbildung und Bewerbung zu beschäftigen. Denn: „Es gibt noch zahlreiche interessante freie Ausbildungsstellen. Bei vielen Betrieben kommen bislang keine oder fast keine Bewerbungen an.“

Von den bislang registrierten 1.134 neuen Ausbildungsverträgen für das Ausbildungsjahr 2021/2022 wurden 76 im Rheinisch-Bergischen Kreis abgeschlossen, 19 Verträge oder 20 Prozent weniger gegenüber dem Vorjahresstichtag. Rückgänge gab es auch im Oberbergischen Kreis (190 Verträge – minus 70 Verträge oder minus 26,9 Prozent). Insgesamt waren im IHK-Bezirk kaufmännische Berufe (minus 170 Verträge) von dem Rückgang stärker betroffen als industriell-technische (minus 112 Verträge).

Duale Ausbildung ist auch in der Pandemie gut machbar

IHK-Geschäftsführer Meier warnt angesichts der Zahlen vor falschen Schlussfolgerungen: „Duale Ausbildung ist auch in der Pandemie gut machbar. Die Unternehmen halten, wenn es irgend möglich ist, an vorhandenen Ausbildungsangeboten fest. Auch bei bestehenden Ausbildungsverträgen gibt es keine ‚Kündigungswelle‘.“ Das Angebot an neuen Ausbildungsplätzen sei nur in Branchen zurückgefahren worden, in denen der Wirtschaftsbetrieb aufgrund von Lockdown-Maßnahmen kaum oder gar nicht möglich ist. „Auf der anderen Seite gibt es Wirtschaftsbereiche, in denen reichlich attraktive Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen, zum Beispiel in Transport, Logistik oder IT,“ so Meier.

Das bestätigte Anfang März auch eine Blitzumfrage der IHK Köln bei knapp 1.200 Ausbildungsbetrieben in Köln und der Region: Mehr als die Hälfte der Unternehmen bieten genauso viele Ausbildungsplätze an wie vor der Pandemie. Fünf Prozent bilden mehr Azubis aus als vor der Corona-Krise. Zehn Prozent mussten ihr Angebot etwas verringern, bilden aber weiter aus. „Im Vergleich dazu fällt der Rückgang mit einem Anteil von acht Prozent bei Betrieben, die wegen der Pandemie aus der Ausbildung ausgestiegen sind, immer noch glimpflich aus.“

Das Problem: Viele Unternehmen – vor allem kleinere und mittelgroße – werden von angehenden Azubis einfach sehr viel weniger wahrgenommen. Sie gehen bei Bewerbungen häufig leer aus. „Unser Rat an die Betriebe: Prüfen Sie, wie und ob Sie Praktika anbieten können, um Kontakt zu potenziellen Bewerbern zu bekommen.“ Zudem sollten auch KMU dafür sorgen, dass sie „im Netz mit einer kleinen ‚Karriereseite‘ sichtbar sind.“

Unternehmen und auch Schülerinnen und Schülern der Abschlussjahrgänge empfiehlt er außerdem, Kontakt mit der Ausbildungsstellenvermittlung der IHK Köln aufzunehmen

Unterstützung beim Azubi-Marketing bietet insbesondere für kleine und mittelgroße Unternehmen das Projekt Ausbildung 4.0:

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