Wohnen Pur

Odenthal Ein Haus ist erst dann perfekt, wenn man nichts mehr weglassen kann, könnte man frei nach Jil Sander sagen. Die Modeschöpferin ist ebenso Freundin klarer Linien wie das Ehepaar Wenzel aus Odenthal. „Wir lieben offene, klare Räume und mögen Beton“, sagt die Hausherrin. In dem Kölner Architektenpaar Trint und Kreuder fanden sie Partner, die die Reduktion auf die Spitze trieben. Drei Ebenen, zwei tragende Seitenwände und sechs Fensterfronten über die komplette Breite des Hauses. Nichts, was den freien Raum stört, keine tragenden Zwischenwände, keine Säulen. Keine Heizkörper, keine sichtbaren Fensterrahmen oder Lichtschalter.

Unverbaubarer Blick aus Wohn- und Esszimmer auf das nahe Naturschutzgebiet

Wie in alten Zeiten öffnen Fenster und Türen nach außen, weil man sie auf die Fassade setzte. Mehr Platz innen und die Illusion eines grenzenlos offenen Raums sind das Ergebnis. Dieser Kunstgriff nimmt auch der spiegelglatten Sichtbetondecke ihre Schwere. Schalter, Steckdosen und Lüftung sind dezent in Fugen neben den Fenstern versteckt. 

Elternschlafzimmer mit Badewanne unterm Sternenzelt

Zum Heizen ließen die Architekten die eher in Industriebauten genutzte Technik der Betonkernaktivierung einbauen. Rohrleitungen in Fußböden, Decken und Wänden nutzen die thermische Masse des Betons und können Heiz- oder Kühlwasser befördern. Die Nachteile einer reinen Fußbodenheizung, wie das ständige Aufwirbeln von Staub, entfallen, weil die massiven Betondecken auch nach unten Wärme abstrahlen. „Da man nur niedrige Vorlauftemperaturen braucht, können wir das ganze Haus mit einer Niedrigtemperaturheizung kostengünstig warm halten“, sagt Johannes Wenzel.

Offener Küchenblock mit integriertem Esstisch und Sitzbank

Der Fachmann für Außenwerbung verpasste dem Haus neben Beton und Glas die dritte Dimension der Farbe. Deckenhohe Flächen aus warmrot bedrucktem, widerstandsfähigem Resopal bilden Schrankwände, Raumteiler und Badverkleidungen. „Wir sind beide Hobbytaucher“, erklärt Birgit Wenzel, „und haben Makroaufnahmen von Seeanemonen und Seeigeln farblich verfremden lassen, um etwas Organisches in die abstrakte Betonwelt zu bringen.“ Die farbigen Flächen spiegeln sich, je nach Lichteinfall, in den glatten Betonflächen. 

Treppe als Stauraum und Farbtupfer

Damit diese so glatt wurden, hat der Hausherr selbst Hand angelegt: „Ich bin frühmorgens, bevor der Beton angeliefert wurde, mit Taschenlampe und Magnet durch die Verschalung gekrabbelt, um die Metallreste der Verrödelung rauszuholen, die die Handwerker achtlos abgeknipst hatten.“ Aus Kostengründen wurde im Sichtbeton normale Eisenarmierung verwendet, die, wenn sie an die Oberfläche kommt, Rostflecken verursacht. „Edelstahl zu verbauen, wie es bei Sichtbeton üblich ist, hätte ein Vermögen gekostet.“

Was das Haus von anderen unterscheidet, war die penible Planung aller Details vor Baubeginn und eine ausfuchste Statik, die eine 10 x 10 Meter Grundfläche ohne jede Stütze überbrückt. „Dafür ist die Raumaufteilung völlig flexibel. Die Kinderzimmer wurden vom Schreiner aus Schrankelementen zusammengesetzt und schon mehrfach geändert“, sagt Birgit Wenzel.

Nur eine Baustelle haben die beiden noch vor sich: In der 60 Zentimeter dicken Westwand wartet ein 10 Meter langes Aquarium auf seine Fertigstellung.

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.