November-Tristesse?

Jetzt,da ich diese Zeilen schreibe, hat die Regierung aus guten Gründen den „November–Lockdown“ verordnet. Für meine Person ist das höchstens unangenehm. Ich bin als frisch gebackener Rentner wohlversorgt. Aber was ist mit den zahlreichen Kollegen, die von der Bühne leben müssen? Was ist mit den Kneipen-und Restaurantbetreibern? Und den vielen, vielen kleinen Selbstständigen? Wenn ihnen staatlicherseits nicht geholfen wird, droht die Insolvenz und mit ihr die existenzielle Not! Man kann sagen: Mit dem November kam die Angst.

Wie in einem dunklen Spiegel hat vor vielen Jahren die viel zu früh verstorbene und hinreißende Sängerin Alexandra mit ihrer tiefen, melancholischen, oft kopierten und nie erreichten Stimme ein Lied über diesen dunklen Monat veröffentlicht. Hört es euch auf YouTube an! Es ist wunderbar. Und so lautet der Text:

Es ist November und der Regen kriecht durch die Kleider auf die Haut
ich geh allein auf meinen Wegen, die mir vom Sommer her vertraut
wem wohl die kalten Tage nützen, was gestern lebte, ist heut taub
und in den schmutzig-grauen Pfützen ertrinkt des Sommers welkes Laub.
Was ist das Ziel in diesem Spiel, das der Natur seit je gefiel??

Spätestens im November jeden Jahres lässt es sich nicht mehr leugnen: Die Natur steuert unerbittlich, so wie alles Leben, auf den Tod, das Sterben, die Vergänglichkeit zu. Das ist das Ziel, das der Natur seit je gefiel. Aber ich wage zu fragen: Stimmt es? Sind wir, wenn wir im November unseres Lebens angekommen sind, endgültig jenem Verfall, der Verrottung auf dem kosmischen Abfallhaufen des Nichts ausgeliefert? Hören wir, was Alexandra am Schluss ihres Chansons dazu meint:

Doch aus Verzweiflung wächst das Hoffen, das uns die Kraft zum Atmen schenkt,
sind auch noch viele Fragen offen, ob irgendwer das Schicksal lenkt.
das ist das Ziel, in jenem Spiel, das der Natur seit je gefiel..!

Doch aus Verzweiflung wächst das Hoffen, das „unsterbliche Gerücht“, wie der Philosoph Robert Spaemann sagt, dass der Mensch eine Seele hat, jenseits aller sterblichen Materie. Einmalig und kostbarer als das ganze Universum. Mit anderen Worten, dass der November nicht das letzte Wort hat. 

In der Antike feierten die Menschen am 25. Dezember das Fest des „Sol Invictus“, der „unbesiegbaren Sonne“. Mitten in der schwarzen Dunkelheit geschah und geschieht die Sonnenwende des Winters. Die Nächte werden kürzer. Das Licht, unmerklich, aber unaufhaltsam, verdrängt die Finsternis! Die Christen übernahmen den Festtermin und gaben ihm einen völlig neuen Sinn: Mit der Geburt des göttlichen Kindes geschieht nicht nur eine Sonnen-, sondern eine Zeitenwende.

In der Tat wird ja bis heute auf der ganzen Welt die Zeit nach der Geburt dieses Knaben aus Betlehem gezählt. Das dunkle Jahr der Pandemie ist das Jahr 2020 nach Christus. Weihnachten ist eben nicht ein gigantisches Xmas-Event, mit Wham und Tralalla. Es ist die leise, stille Hoffnung, die Finsternis des Todes in Licht zu verwandeln. Und so zwingt uns das Virus, dass wir ungewollt in diesem verflixten Jahr die Heilige Nacht so feiern können, wie sie ursprünglich und eigentlich gedacht war. Als stille Nacht. Im Kreise unserer Liebsten. Als Fest der Hoffnung, als Fest der Liebe. 

Wir helfen denen, die um ihre Existenz fürchten. Ganz konkret. Nicht mit Almosen, gönnerhaft und kleingeistig. Sondern kraftvoll, mit echter finanzieller Unterstützung. Wer, wenn nicht wir in unserem immer noch wohlhabenden, reichen Deutschland wäre dazu besser in der Lage?

Wir lassen uns die Hoffnung niemals rauben!
Das Licht wird die Finsternis besiegen!

Weihnachten ist wahr! Alles wird gut!

Euer Willibert

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

Hinterlasse einen Kommentar