Filtern statt anstecken

„Wir haben schon im März gesehen, welche Probleme auf Veranstalter und Restaurants angesichts der Corona-Pandemie zukommen werden“, sagt Teodora Neustädter. Sie arbeitet als Senior Managerin bei der Bergisch Gladbacher Firma Exact Solutions, die Veranstaltungstechnik entwickelt. „Wir haben die Pandemie als Chance gesehen“, erklärt Neustädter und berichtet über unzählige Meetings, die in zwei neuen Produkten gipfelten, dem Digital Doorman und einem UVC-Luftreiniger. 

Der Digital Doorman besteht aus einem Display mit Monitor und wird zur Zugangskontrolle eingesetzt. Er kann aus der Distanz Fieber messen und erkennen, ob jemand eine Maske trägt. Per Relais kann er mit einer Schließanlage gekoppelt werden und automatisch Türen öffnen und schließen. Im Herbst wurde er in Lindlar erfolgreich bei der einzigen Ausbildungsmesse eingesetzt, die während der Pandemie in der Region stattfinden durfte.

Entscheidend für eine mögliche Ansteckung mit dem Coronavirus ist die Virenkonzentration in der Atemluft. In geschlossenen Räumen muss deshalb die Schadstoffkonzentration auf einem niedrigen Niveau gehalten werden. Es muss häufig stoßgelüftet oder besser dauergelüftet werden, was in der kalten Jahreszeit aber zu schnell auskühlenden Räumen führt. Stoßlüftung kann bei entsprechendem Durchzug die vorhandene Schadstoffkonzentration im Raum innerhalb kurzer Zeit stark verringern, aber nach dem Schließen der Fenster steigt die Schadstoffkonzentration wieder allmählich an. 

Geräte, die die Raumluft filtern, können hier Abhilfe schaffen und die Virenkonzentration in der Luft verringern. Zusammen mit der Kürtener Firma Orca, die über jahrelange Erfahrung in der Entkeimung von  Oberflächen, Wasser und Luft verfügt, entwickelte man bei Exact Solutions einen UVC-Luftreiniger. Richtig eingesetzt hält er die Schadstoffkonzentration in der Raumluft auf einem konstant niedrigen Niveau. Bis zu 99,9 Prozent der Coronaviren in der Raumluft werden deaktiviert, verspricht Exact Solutions.

Das Prinzip basiert auf ultravioletter, keimtötender Bestrahlung, einer Desinfektionsmethode, bei der kurzwelliges ultraviolettes Licht verwendet wird, um Mikroorganismen abzutöten oder zu deaktivieren, indem ihre Nukleinsäuren und DNA zerstört werden, sodass sie keine lebenswichtigen Zellfunktionen mehr ausführen können.

Einen anderen Weg geht die Wermelskirchener Firma Santec – Schindler Analyse Technik. „Wir reinigen Raumluft seit 20 Jahren“, sagt der technische Leiter Frank Schindler, „ mit unserem System haben wir bereits Schulen von krebserregenden PCB-Schadstoffen gereinigt“. 

Das System der Wermelskirchener beruht auf Elektrizität. Die Raumluft wird ionisiert, das heißt negativ aufgeladen, die in den Aerosolen enthaltenen Feinstäube, sinken zu Boden und werden von einem positiv geladenen Gerät angezogen, in dem 12 Kilovolt Spannung anliegen, das Viren und Keime ähnlich neutralisiert wie ultraviolette Strahlung. Das gefährliche bei feinsten Aerosolen wie Covid-19 ist, dass sich ein Teil in der Raumluft hält und dort anreichert. „Deshalb muss die Raumluft mit Frischluft verdünnt und nach draußen transportiert werden“, so Schindler. Durch den Einsatz von Luftreinigern kann der Zeitpunkt zum Öffnen der Fenster (in der Regel alle 20 Min) nur verlängert werden. „Selbst die besten Raumluftfilter können die CO2-Konzentration und damit die anhängenden Feinststaubpartikel in der Luft nicht ausreichend verdünnen, das kann nur Frischluft!“ Er empfiehlt CO2-Messgeräte aufzustellen, die die Schadstoffkonzentration in der Luft einschätzen können. 

Entscheidend ist, dass bei beiden Systemen keine Stofffilter, sogenannte Hepa-Filter, eingesetzt werden, „die kann man nämlich nur sachgerecht entsorgen, wenn man Schutzkleidung, Maske und Schutzbrille anzieht“, wettert Schindler. „Was da an Billigprodukten mit großen Versprechungen im Internet verkauft wird, gefährdet die Gesundheit derer, die es kaufen. Welche Hausfrau zieht sich einen Schutzanzug an, bevor sie den Filter bei einem solchen Gerät austauscht?“ Spätestens beim  Filterwechsel atmet man die konzentrierte Dosis Viren ein. Anschließend wandert der verseuchte Filter dann in den Hausmüll. 

Der Nümbrechter Sachverständige für Fenstertechnik, Volker Schirrmacher, erarbeitet für Schulen und Kindergärten Lüftungskonzepte. Er läßt Fensteranlagen umbauen, damit sich Kinder nicht verletzen können. „Kipp-vor-Dreh“ ist eine Technik, bei der Schüler das Fenster zwar auf Kipp stellen, aber nur der Lehrer mittels Schlüssel das Fenster vollständig öffnen kann. „In Kindergärten bauen wir einen zusätzlichen Klemmschutz ein“, erklärt Schirrmacher. „Für das unbeaufsichtigte Lüften in den Schulpausen montieren wir Fensterfeststeller, damit kein Windstoß die Fenster aushebeln kann.“ Auch ins Fenster eingebaute Passivlüfter sind möglich.

Für Schindler ist auch die Lautstärke von Raumluftfiltern entscheidend. „Wenn die Geräte zu laut sind, insbesondere in der Schule, wird der Lehrer sie über kurz oder lang abstellen“, warnt er. Dann ist es vorbei mit der Filterwirkung. Solange sich Menschen in den Räumen aufhalten und Aerosole produzieren, beim Sprechen, Singen oder Atmen muss das Filtergerät laufen.

Schindler ist stolz auf seine flüsterleisen Casadron-Luftreiniger. „Wir liefern unsere Luftreiniger bis nach China“, sagt er, „die Chinesen schätzen Qualität ‚Made in Germany‘.“

 

 

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.