Das Christkind von Dürscheid

Kürten Es war ein Sonderangebot, kurzfristig bestellt. Petra Held freute sich, auf die Schnelle genau das Geschenk gefunden zu haben, das auf dem Wunschzettel stand, den ihr die Tafel-Mitarbeiter übergeben hatten. Als der Bausatz für das Schaukelpferd ankam, machte sie sich aber doch Sorgen. Kriegen die Eltern das aufgebaut? Haben sie das nötige Werkzeug? Sind wirklich alle Teile geliefert worden? Oder fehlt am Ende eine Schraube? Schlussendlich musste ihr Mann ran und das Pferd aufbauen, bevor es als Weihnachtsgeschenk an den Sohn der Kürtener Tafelkundin übergeben wurde. Der Aufwand lohnte sich.

„Oft sind die Kinder gar nicht dabei, wenn die Geschenke ausgegeben werden. In dem Fall hatte die Mutter mit dem schönen Namen Hope (Hoffnung) ihren Sohn aber mitgebracht. Und es war so schön, das Leuchten in seinen Augen zu sehen, als er sich daraufgesetzt hat“, erinnert sich Held. Hope flüchtete mit ihrem Mann und Sohn Esmond aus Nigeria und lebt schon einige Jahre in Kürten, wo ihr Mann eine Arbeitsstelle fand.

Eigentlich ist Petra Held kaufmännische Angestellte. Die 47-Jährige ist Mutter von zwei Kindern, Julian ist acht Jahre alt, Katharina zehn. Von Kürten-Dürscheid aus pendelt Held jeden Tag nach Bonn zur Arbeit. „Viel Zeit für Hobbys bleibt da nicht“, gibt sie zu. Ihre Rolle als Christkind von Dürscheid will sie sich aber nicht nehmen lassen, auch wenn es bedeutet, dass sie ab November noch viel mehr zu tun hat als im Rest des Jahres. Seit ihre Kinder klein waren kümmert sich Held darum, dass Kinder, für die es sonst vielleicht keine Weihnachtsgeschenke geben würde, doch Jahr für Jahr einen Wunsch erfüllt bekommen.

Die Idee wuchs zunächst daraus, dass Held als junge Mutter nicht mehr wusste, wohin mit den Kindersachen. „Wir hatten so viele schöne, neuwertige Sachen“, erinnert sie sich. Kleidung, aus der die Kinder herausgewachsen waren, bevor sie getragen werden konnte. Spielzeug, mit dem die Kinder nicht spielten. Mit dem Problem war Held nicht allein – auf der anderen Seite gab und gibt es die Kinder, die nicht in solchem Überfluss leben. Held sprach die Tafel an – und aus der Idee, neuwertiges Übriggebliebenes zu spenden, wurde nach und nach die Wunschzettelaktion, die mittlerweile ziemlich professionell abläuft.

Alles fängt mit dem Austeilen der Wunschzettel an. „Wir geben die an alle Kunden der Tafel mit Kindern unter 15 Jahren“, sagt Elfriede Parente, Schatzmeisterin der Kürtener Tafel. Die Kinder dürfen ausfüllen, sich etwas im Wert zwischen 15 und 20 Euro wünschen, müssen angeben, wie alt sie sind und ob das Geschenk für ein Mädchen oder einen Jungen sein soll. Parente, ihre Kolleginnen und Kollegen sammeln die Zettel wieder ein – und geben sie an Petra Held. „Da waren schon total schön gestaltete Zettel mit dabei, ganz liebevoll ausgemalt“, erinnert sich Held. 

Held macht sich dann daran, die vielen Wünsche zu erfüllen – in diesem Jahr werden es rund 70 sein, in der Spitze waren es schon mal 120. Ein Großsponsor, die Immobilienbetreuung Köln-Projekt PPP, trägt den Großteil der Kosten. Der Inhaber ist einer ihrer Nachbarn, den sie kennenlernte, als sie vor acht Jahren in der heimischen Garage anfing, Geschenke für bedürftige Kinder zu verpacken.

Er ist aber lange nicht der einzige, denn Held versucht, überall das Beste für die Tafel-Kinder herauszuholen, nutzt Kontakte, fragt bei Vereinen, Unternehmen und Geschäften in der Region an. Der Junge, der sich einen Trainingsanzug wünschte, bekam ihn vom DJK Dürscheid gespendet. Für das Flüchtlingsmädchen, das sich einen eigenen Weihnachtsbaum wünschte, konnte Held das Gartencenter Selbach in Bergisch Gladbach gewinnen, das sogar noch den Weihnachtsschmuck springen ließ. Und dann gibt es immer noch die Extra-Spenden, Bücher zum Beispiel, die Held zusätzlich zu den gewünschten Geschenken mit in die Weihnachtstüten, die der Nachbar zur Verfügung stellt, packt. 

Fragt man Held, ob das nicht furchtbar viel Arbeit ist, so viele Geschenke zu besorgen, winkt sie ab. „Es macht Spaß“, erklärt das Christkind von Dürscheid, das mittlerweile in der Vorweihnachtszeit immer wieder darauf angesprochen wird, wann die Weihnachtswunschaktion wieder losgeht. 

In diesem Jahr war die Unsicherheit wegen Corona besonders groß. Im Frühjahr mussten die Lebensmittel an die Tafelkunden ausgeliefert werden, jetzt wird mit einem strengen Hygienekonzept gearbeitet. „Die Ausgabe findet draußen statt. Wir haben Zelte aufgestellt, die sogar beheizt werden können“, sagt Tafel-Vorsitzender Werner Bauschert. Trotzdem bleibt die Sorge, dass die Tafel schließen muss.

In der Fundgrube der Kürtener Tafel kann man für kleines Geld Weihnachtsdekorationen kaufen.

Die Weihnachtswunschaktion soll dennoch stattfinden. Voraussichtlich am 17. Dezember werden die Geschenke ausgegeben. Allerdings werden die Kinder bei der Ausgabe nicht dabei sein. „Wegen Corona darf immer nur eine Person aus einem Haushalt zu uns kommen“, erklärt Parente. Den Ehrenamtlern bleibt der schöne Moment, das Leuchten in den Kinderaugen zu sehen, in diesem Jahr also verwehrt. Schade – für Held und die Kürtener Tafel aber nicht das Entscheidenste. Held macht sich Gedanken darum, zusätzliche Sponsoren zu finden, die Tafel sucht weitere Ehrenamtler, vor allem Fahrer. Ihr Weihnachtswunsch: Dass sie das Angebot, das sie aufgebaut haben, beibehalten können.

Wer spenden oder helfen will, kann eine E-Mail mit dem Betreff „Weihnachtswunschzettel“ schicken an:

 

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