„Ich dachte nicht, sondern ich untersuchte“

Das Laboratorium sprach für sich selbst. Verglich man es mit den wunderbar eingerichteten und kostspieligen Laboratorien der Universität London, so war es kahl und anspruchslos.

Plötzlich trat Professor Röntgen ein. Er war groß, schlank und aus seiner ganzen Erscheinung sprach Begeisterung und Energie. Er trug einen dunkelblauen Anzug und sein langes, dunkles Haar stand aufrecht auf seiner Stirn, so als ob es dauernd durch seine eigene Begeisterung elektrisiert wäre. Er hatte eine volle, tiefe Stimme: „Nun“, fragte er lächelnd und mit einiger Ungeduld, „Sie sind gekommen, um die unsichtbaren Strahlen zu sehen?“

Wilhelm Conrad Röntgen: „Ich machte etwas, wovon die Leute, wenn sie es erfahren, sagen werden: ‚Der Röntgen ist wohl verrückt geworden‘.“

„Ist das Unsichtbare sichtbar?“, entgegnete ich. „Nicht direkt mit dem Auge, aber die Wirkungen sind sichtbar.“ Er führte mich in einen anderen Raum und zeigte die Induktionsspule, mit welcher seine Untersuchungen gemacht worden waren. Zwei Drähte gingen von der Spule aus in einen kleineren Raum, in dem eine große mysteriös aussehende Zinkkiste stand. Um die Strahlen zu untersuchen, brauchte der Professor nur den Strom einzuschalten und nach dem Eintritt in die Kiste die Tür zu schließen, um dann in vollkommener Dunkelheit die Effekte seines Lichtes zu studieren.

„Gehen Sie hinein“, sagte er, indem er die Tür auf der der Röhre entgegengesetzten Seite öffnete. „Auf dem Tisch liegt ein Stück (lichtempfindliches) Bariumpapier.“ Die Türe wurde geschlossen und es wurde vollständig dunkel. Im nächsten Augenblick wurde die Dunkelheit durchsetzt von dem schnell wechselnden Geräusch des Erzeugers des Hochspannungsstroms, und ich wusste, dass die Röhre außen am Kasten glühte. „Können Sie etwas sehen?“, rief Röntgen. „Nein.“ „Dann ist die Spannung nicht hoch genug.“ Er erhöhte die Spannung durch Bewegen eines nahe bei der Spule stehenden Apparates, der Quecksilber in langen aufrecht stehenden Röhren enthielt. Nach wenigen Minuten konnte ich wieder das Geräusch der Entladung hören und sah zum ersten Mal die Wirkung der Röntgenstrahlen. Sobald der Strom floss, begann das Papier zu leuchten. Über die ganze Oberfläche verbreitete sich ein gelbgrünes Licht in Wellenform wolkenförmig oder kurz aufleuchtend. 

Die unsichtbaren Strahlen flogen durch die Metallplatte, das Papier, mich und die Zinkkiste hindurch. „Stellen Sie das Buch dazwischen“, rief der Professor. Ich fühlte auf dem Tisch und fand ein Buch, etwa 5 Zentimeter dick, welches ich gegen die Platte legte. Ich konnte keinen Unterschied bemerken. Die Strahlen flogen durch das Metall und das Buch hindurch, so als ob keines von beiden da gewesen wäre, und die Lichtwellen, die wie Wolken über das Papier hinwegrollten, zeigten keine Änderung in ihrer Stärke.

So schilderte der englische Reporter von Dam seine Begegnung mit Conrad Wilhelm Röntgen im April 1896 in Würzburg. Nur wenige Monate zuvor, am 8. November 1895, hatte Röntgen ein seltsames Phänomen beobachtet, während er die elektrische Leitfähigkeit von Gasen in Vakuumröhren untersuchte. Als er in seinem Labor einen Stromstoß durch eine vollständig in schwarzes Papier gehüllte Crookes‘sche-Röhre schickte, zeigte sich auf einem lichtempfindlichen Papier, das daneben auf dem Tisch lag, plötzlich ein schwarzer Streifen. „Es war aber ganz ausgeschlossen, dass von der Röhre Licht austrat“, sagte er dem Reporter. Als dieser ihn fragte, was er sich daraufhin dachte, antwortete Röntgen: „Ich dachte nicht, sondern ich untersuchte“. 

Röntgens Leidenschaft galt der Fotografie. Mit großer Stativkamera hielt er Landschaften fest. Diesem Hobby ist es zu verdanken, dass er seine Entdeckung auf Festplatte bannte.

Ganze sieben Wochen forschte der damals 50-jährige Physiker, Tag und Nacht, ließ sich Essen ins Labor bringen und schlief auch dort. Dann waren alle Zweifel ausgeschlossen. „Es kamen Strahlen von der Röhre, welche eine lumineszierende Wirkung ausübten“, erklärte Röntgen. „Anfangs hielt ich sie für eine neue Art von Licht, aber es war etwas Neues, noch Unbekanntes.“ Licht konnte es nicht sein, denn die Strahlen konnten weder reflektiert noch durch ein Prisma gebrochen werden. „Sie durchdringen Holz, Papier, und alle untersuchten Metalle und innerhalb gewisser Grenzen spielt die Dicke der Substanz überhaupt keine Rolle“, erklärte Röntgen.

Am 22. Dezember 1895 fotografierte Röntgen die Hand seiner Frau Berta, das erste Röntgenbild der Geschichte.

Am 22. Dezember1895 fotografierte er zum ersten Mal „lebende Knochen“, indem er eine lichtempfindliche Glasplatte über die auf einer Tischplatte ruhende Hand seiner Frau Bertha legte. Darunter hatte er eine Crookes‘sche-Röhre befestigt. 25 Minuten dauerte die Belichtung. Als Bertha die Aufnahme sah, soll sie gesagt haben: „Ich habe meinen Tod gesehen.“ Kurz nach Weihnachten erschien Röntgens elf Seiten langer Artikel in einem wissenschaftlichen Fachblatt. Seine Entdeckung nannte er lapidar X-Strahlen.

Am 5. Januar berichtete die Wiener Tageszeitung Die Presse über die „Photographie unsichtbarer Körper“, innerhalb weniger Tage verbreitete sich die revolutionäre Nachricht aus Deutschland um die ganze Welt. Kaiser Wilhelm II. lud den Star-Physiker zu sich nach Berlin. 1901 erhielt Röntgen den ersten Nobelpreis in Physik. Es schien, als habe Röntgen mit seinem Blick in den menschlichen Körper das Geheimnis des Lebens selbst entzaubert. 

Röntgen selbst blieb bescheiden und verzichtete darauf, seine Entdeckung zum Patent anzumelden. Der am 27. März 1845 im heute zu Remscheid gehörenden Lennep geborene Sohn einer angesehenen Tuchhändlerdynastie konnte es sich leisten. Vom Vater hatte der einzige Sohn zwei Millionen Gulden geerbt. Die Familie war 1848 infolge der französischen Revolution in die Niederlande ausgewandert. Im Bergischen forderten die Arbeiter bessere Arbeitsbedingungen und Mindestlöhne. Vater Friedrich befürchtete eine Verteuerung der Produktionskosten und emigrierte ins nahe Nachbarland, da seine Gattin ohnehin aus Amsterdam stammte. Der Sohn verpatzte in Utrecht das Abitur, weil man ihn wegen Schmierereien über seinen Klassenlehrer 1863 der Schule verwies. Irrtümlicherweise heißt es, der junge Wilhelm Conrad wollte den wahren Täter nicht preisgeben. 1865 verließ Röntgen die Niederlande und studierte in Zürich Maschinenbau. Nach einem Aufbaustudium in Physik promovierte er 1869 zum Dr. phil. mit einer Studie über Gase. Erst 1875 erlangte er mit Antritt seiner Proffessur in Hohenheim die deutsche Staatsbürgerschaft.

Während Röntgens Kollegen wie der in Prag lehrende Ernst Lecher die bahnbrechenden Möglichkeiten von Röntgens Entdeckung für die Medizin erkannten, brach insbesondere in den USA eine Röntgenmanie aus. Der Hype um die X-Strahlen wurde zur Jahrmarktattraktion. Jeder wollte in den eigenen Körper schauen und sich davon ein Röntgenfoto machen lassen. In Schuhgeschäften wurde die Passform mittels Röntgenaufnahmen ermittelt.

In den USA waren um die Jahrhundertwende X-Ray-Parties ein beliebter, aber lebensgefährlicher Zeitvertreib der High-Society.

In New York feierte die High Society X-Ray-Parties. Die tägliche Rasur wollten manche durch Röntgenstrahlen ersetzen, weil man beobachtet hatte, dass intensive Bestrahlung zu Haarausfall führt. Unterwäschehersteller boten röntgensichere Schlüpfer an. Die Technik zur Erzeugung der Röntgenstrahlung war preiswert, alles was man brauchte war eine Kathodenröhre und ein Fluoreszenzschirm. Noch wusste niemand um die schädlichen Nebenwirkungen. 2011 rekonstruierte man an der Uniklinik Maastricht einen Röntgenapparat aus dem Jahr 1896. Die Strahlung beim Röntgen einer Hand war etwa 1500-mal höher als bei einer vergleichbaren Aufnahme mit modernen Geräten.

Im Jahr 1900 verzeichnete man die ersten Strahlenopfer. Thomas Edison, Erfinder der Glühbirne und gewiefter Geschäftsmann, baute eine Art Volks-Röntgenapparat für Jedermann. Sein maßgeblich an der Entwicklung beteiligter Assistent Clarence Dally bekam Geschwüre. 

Seiner linke „Test“-Hand musste amputiert werden. Als er daraufhin seine rechte Hand für Röntgenaufnahmen benutzte, musste ihm der rechte Arm amputiert werden. 1904 starb Dally im Alter von 39 Jahren. Edison stellte die Produktion seiner Röntgenapparate ein und erklärte: „Ich habe Angst vor den X-Strahlen.“ 

Hunderte Forscher und Mediziner starben als „Märtyrer“ des radiologischen Fortschritts. Der Zahnarzt William Herbert Rollins forderte im Jahr 1901, dass bei der Arbeit mit Röntgenstrahlen Schutzbrillen mit Bleiglas getragen werden sollten, die Röntgenröhre mit Blei zu umschließen sei und alle Bereiche des Körpers mit Bleischürzen bedeckt sein müssten. Doch seine Vorschläge wurden jahrelang ignoriert, obwohl er nachweisen konnte, dass Röntgenstrahlen Versuchstiere töten können. Später ging er als „Vater des Strahlenschutzes“ in die Geschichte der Radiologie ein.

Was mit der Entdeckung von Röntgen begann, wird von Forschern bis heute fortgeführt. Unzählige Erkenntnisse in medizinischer Forschung, Materialwissenschaft, Archäologie und selbst Astronomie beruhen auf seiner Entdeckung. Rund 40 Nobelpreise wurden bis heute für Erfindungen und Erkenntnisse vergeben, die auf Röntgentechnik beruhen.

Unser Tipp:

Deutsches Röntgen Museum
Remscheid
Schwelmer Straße 41
Tel. 02191 – 163 384

www.roentgenmuseum.de 

 

Feldlazarett aus den ersten Weltkrieg mit Röntgenapparat im Röntgenmuseum Remscheid.

 

Moderne Computertomographen erlauben Querschnittsröntgenbilder des menschlichen Körpers.

 

Auch die zur Brustkrebsfrüherkennung genutzte Mammographie beruht auf Röntgenstrahlung.

 

Mit Röntgengeräten lassen sich Kunstwerke auf ihre Echtheit überprüfen, ohne sie zu beschädigen. Hier ein Gemälde von Max Liebermann.

 

Unter Röntgenbestrahlung erkennt man, dass der Künstler zwei Figuren selbst übermalt hat.

 

Simulation eines nichtrotierenden Schwarzen Lochs mit 10 Sonnenmassen. Schwarze Löcher können aufgrund ihrer schwankenden Röntgenstrahlung vermessen werden.

 

Bereits um 1900 benutzte der französische Zoll Röntgengeräte zur Überführung von Schmugglern.

 

Mit Röntgenscannern durchstrahlt der Zoll Fluggepäck und ganze Seecontainer mit unterschiedlichen Wellenlängen. Der Kölner Zoll entdeckte in diesem Koffer zwei lebende (!) Reptilien.

 

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.

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