Open hAir mit Bülent Ceylan

10 Jahre lang hat sich der türkische Jung mit dem Mannheimer Dialekt hochgearbeitet. Mit einer eigenen Show bei RTL startete er richtig durch und füllt ganze Fussballstadien. Seit Jahren wird er mit Comedypreisen überhäuft. Den aktuellen Umständen geschuldet, tourt er mit seiner neuen Show „Luschtobjekt“ und Best of auch durch kleinere Städte wie Wipperfürth.  Der Bergische Bote hat mit ihm über sein Leben, seine Karriere und öffentliche Auftritte in Corona-Zeiten gesprochen.

Am Sonntag, 6. September ist der Comedian in der Open-Air-Arena auf den Ohler Wiesen in Wipperfürth zu Gast.

Bergischer Bote: Bülent, wie groß bist du eigentlich?

Bülent Ceylan: Wieso das denn? Also gut, mit Schuhen bin ich 1,83, ohne 1,81 Meter.

Da passt der Name Bülent ja.

Der Erhabene…

… der Große…

Unter Türken stimmt das, aber ich habe von meiner Mutter die deutsche Seite geerbt. Mein Vater war einen Kopf kleiner als ich, doch mein deutscher Opa Heinrich war 1,76. Den Namen Bülent hat mein Onkel ausgesucht und mein Vater hat sofort zugestimmt. 1976, als ich geboren wurde, hieß der türkische Präsident, der tausendmal besser war als der jetzige, Bülent Ecevit. Ein Sozialdemokrat, der nicht so korrupt war. Mein Vater kam 1958 als politischer Flüchtling nach Deutschland und unter Ecevit durfte er 1975 zum ersten Mal wieder in die Türkei einreisen – und ich war, im Bauch meiner Mama, mit dabei.

BB: Bist du später noch mal in der Heimat deines Vaters gewesen?

Vor einigen Jahren war ich wieder in Sivas in Zentralanatolien. Jetzt kann ich nicht, wegen Corona – und davor konnte ich nicht, weil ich zu viele Witze über Erdogan gemacht habe.

Wenn man sieht, was heute alles an Rechtspopulisten unterwegs ist, überlegt man sich: „In welche Welt schicke ich eigentlich meine Kinder?“ Wenn ich meine Mutter frage: „Habt ihr früher auch solche Ängste gehabt?“, sagt die ganz klar: „Nein!“

BB: Unsere Eltern haben ja noch den Krieg erlebt, die haben einen ganz anderen Hintergrund.

Für die war endlich Frieden in Deutschland, das war eine Superzeit. Unsere Generation hat ganz großes Glück!

Wenn mein Vater noch miterlebt hätte, dass in Stuttgart Jugendliche, meist mit Migrationshintergrund, Polizisten angreifen, hätte er die links und rechts geohrfeigt. „Die sollten den Boden küssen, dass sie hier leben dürfen“, hätte er gesagt, und mein Vater war nicht AfD oder irgendwas, der hätte sich geschämt ohne Ende. Er hat alles getan, um sich zu integrieren, obwohl es auch damals einen gewissen Rassismus gegen die „Fremden“ gab.

BB: Glaubst du, der Rassismus ist in Deutschland schlimmer geworden?

Durch die Medien und die sozialen Netzwerke kriegt man das jetzt viel mehr mit, bis in die letzte Kleinigkeit.

BB: Erlebst du selbst Rassismus?

Nee, in der Form nicht, aber ich stehe auch in der Öffentlichkeit.

BB: Rassismus gibt‘s ja von mehreren Seiten. Ich kann mir vorstellen, wenn du mit deiner Matte in die Türkei fliegst, kommt das auch nicht so cool.

Nee, war es auch nicht. Ich habe lange Haare seit 17 bin und da hat die türkische Verwandtschaft auch heftig gemeckert. Aber es gab einen türkischen Rocksänger, Barış Manço, der hatte lange Haare und war sehr, sehr beliebt.

BB: Und ich dachte, du bist Metalfan und daher kommt die Matte.

Natürlich, das ist ja ganz klar. Aber für die Türken war Barış Manço (spielte mit Metallica auf ihrer Russlandtour) der Einzige mit langen Haaren. Als der 1999 gestorben ist, war die ganze Türkei auf den Straßen. Für mich waren die langen Haare aber auch von Vorteil, weil ich dadurch meine Freundin kennengelernt habe.

BB: Wer waren deine Lieblingsbands?

Rage against the Machine, Metallica, Korn, Nirvana, Smashing Pumpkins. Ich war ein einfacher Fan und einige Jahre später konnte ich Korn in meine erste Show bei RTL einladen. Ausgerechnet an dem Abend fiel deren Bassist aus und ich durfte seinen Part übernehmen, obwohl ich nur Gitarre spiele. Die Jungs haben mir ein paar Griffe gezeigt und los ging‘s.

BB: Wie bist du überhaupt zur Comedy gekommen? Warst du in der Schule der Klassenclown?

Im Gegenteil, ich war eher der ruhige Außenseiter. Aber in der 11. Klasse konnte ich Boris Becker so gut imitieren, dass mich die Lehrer fragten: „Bülent, traust du dich das auch auf der Bühne zu machen?“ Auf dem Abi-Ball hab ich dann Helmut Kohl imitiert und es war ein Riesenerfolg.

Ich wollte Rockstar werden und spielte mit meiner Band „The Maine“ so was Düsteres, Melancholisches zwischen Grunge und Metal. Irgendwann hab ich mal aus Scheiß‚ ‘nen Comedysong gemacht und da ist das Publikum ausgerastet.

BB: Du hast vor deinem Philosophiestudium bei VIVA ein Praktikum gemacht.

Ja, für 600,- Mark im Monat und mein WG-Zimmer kostete schon 540,- DM Miete. Aber dort habe ich die richtigen Leute kennengelernt, wie Stefan Raab, der mich später in seine Show eingeladen hat. Neben ihm in TV-Total zu bestehen war ungeheuer schwer. Ich bin auf sein Pult gestiegen und habe einen Bauchtanz hingelegt. Sein damaliger Produzent Jörg Grabosch hat mich dann bei einer Liveshow vor 100 Zuschauern in der Comedia Colonia durchgecheckt. Überzeugt haben ihn die vielen Mädels, die nach der Show kamen und Autogramme und Fotos von mir wollten. „Der hat das Potential zum Popstar“, meinte er.

BB: Du bist ja auch ein sehr gut aussehender Typ. 

Damals gab‘s nicht so viele coole Komiker, außer vielleicht Kaya Yanar. Gut aussehen war eher ein Hindernis.

 BB: Sprichst du eigentlich türkisch? 

Überhaupt nicht, aber russisch.

BB: Was ist dein  Lieblingsessen?

Pellkartoffel mit Frühlingsquark.

BB: Dann bist du ja richtig eingedeutscht, eine echte Kartoffel.

„Deutsch siehste ja nicht aus, aber wenn man dich kennenlernt, bist du schon deutsch“, denken die Leute. Diese Mischung, dass man sich lustig machen kann über die deutsche wie über die türkische Seite, macht es aus. Alleine meine Eltern haben ein riesiges Comedypotential. Vater Moslem, Mutter katholisch – was kommt raus? Evangelisch.

BB: Du bist Lesebotschafter und hast eine eigene Kinderstiftung initiiert. Was liest du gerade?

Im Moment lese ich Kinderbücher: Lausemaus, Die Spinne widerlich, Der Ritter Trenk. Damit ich weiß, was ich meinen Kindern vorlesen soll. Man lernt manchmal mehr aus Kinderbüchern als aus Erwachsenenbüchern. 

BB: Wie sieht denn dein Tourplan in Corona-Zeiten aus?

Im Herbst spiele ich einige Open Airs. Ich hatte das große Glück, vor Corona sehr erfolgreich zu sein, und kann diese Zeit überbrücken. Aber die ganze Kultur leidet  darunter. Liveshows sind das A und O. Das Wichtigste war, dass der Mindestabstand bei Veranstaltungen aufgehoben wurde. Mit 250 Zuschauern in einem 1000 Menschen fassenden Saal, das ist finanziell für alle Beteiligten eine Katastrophe. Da ist es fast besser, nicht zu spielen.

 BB: Kommst du den Veranstaltern denn mit deiner Gage entgegen? 

Klar, deswegen habe ich ja Autokino  gemacht. Es ist eine sauschwere Herausforderung, vor Autos zu spielen. Ein bisschen so wie Beethoven in seinen letzten Jahren, wo er taub war, aber trotzdem noch komponiert hat. Außer Hupen kriegst du kein Feedback vom Publikum, und du weißt nicht, ob ein Gag angekommen ist oder nicht. Wenn‘s kalt war, konnten die Zuschauer noch nicht mal die Fenster runterfahren und rauslachen. Ich habe mit langen Unterhosen und 30 Jacken auf der Bühne gestanden. 

BB: In Wacken hast du vor 80.000 Leuten gespielt. Wie fühlt man sich, wenn man da auf der Bühne steht?

Man fühlt sich wie Gott. 2012 habe ich im Frankfurter Fußballstadion vor 42.000 Menschen gespielt, die nur für mich gekommen waren. Ich ging auf die Bühne, rutschte aus und fiel richtig heftig auf den Arsch – und in dem Moment hörst du, wie von oben jemand ruft: „Wer ist hier der Chef?“ Da wird man wieder demütig.

 

Bülent Ceylan „Open hAir“
Sonntag, 6. September 2020, 19:00 Uhr

Wipperfürth, Open-Air-Arena, Ohler Wiesen, www.wipperfuerth-live.de 

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.

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