Unser tägliches Wasser gib uns heute!

Wuppertal Die selbstgesteckten Ziele müssten doch eigentlich erreicht sein, sollte man denken. Der Wupperverband kann in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen feiern, hat die Brauch- und Trinkwasserversorgung im gesamten Bereich des bergischen Flusses in den Griff bekommen, hat die Abwasserentsorgung und die Klärung des Fluss- und Kanalwassers in geordnete Bahnen gelenkt, hat aus der Kloake namens Wupper ein vitales Fließgewässer gemacht. Alles geschafft?

Von wegen: Es hat den Anschein, als ginge dem Wupperverband die Arbeit nicht aus, ja, als begänne die Herkulesaufgabe jeden Tag von Neuem. Der Klimawandel stellt den bergischen Zweckverband, der als Körperschaft öffentlichen Rechts hoheitliche Aufgaben staatsgleich wahrnimmt, vor riesige Aufgaben. Drei Stichworte genügen zum Verständnis: Gluthitze und Trockenheit im Sommerhalbjahr, lokale verwüstende Starkregenereignisse, das Waldsterben 2.0 mit großflächig vertrockneten Fichtenbeständen.

Die Wupper gilt als der fleißigste Fluss Europas. Schon immer wurde das bergische Gewässer von den Menschen genutzt; Mühlen, Hämmer und Schleifkotten bedienten sich der Kraft des Wassers. Seit dem 16. Jahrhundert siedelte sich auch die Garnindustrie an. All’ das hatte auf die Wassergüte noch keinen Einfluss. Die weitere Industrialisierung aber ließ die Wupper zum schwarzen Fluss verkommen. Spinnereien, Färbereien, Webereien, metallverarbeitende und Maschinenbaubetriebe ließen sich nieder. Die Bevölkerungszahl stieg enorm an.

Heute ist die Wupper wieder sauber, früher sah das anders aus.

Die Belastung der Wupper ließ das Ökosystem kollabieren. Flussabwärts ab Barmen galt die Wupper als tot. Der Fischbestand verschwand; der letzte Lachs wurde 1830 gesehen. Das Wasser ähnelte einem Giftcocktail; bei Niedrigwasser in den Sommermonaten war der Gestank der Brühe und der Schlammfracht, die sich am Ufer und an Wehren absetzte, unerträglich. Am Ende des 19. Jahrhunderts  war der Handlungsbedarf unabweisbar: Niedrig- und Hochwässer belasteten Wirtschaft und Bürger, Trinkwasser war ein knappes Gut, Schmutzwasser wurde unbehandelt in die der Wupper zulaufenden Bäche und in die Wupper selbst eingeführt.

Zwischen 1850 und 1900 sind mehrere Typhus- und Cholera-Epidemien in Barmen und Elberfeld dokumentiert. Im mit Fäkalien, Unrat und Industrierückstand-belasteten Wasser und Schlamm lag ein hohes Ansteckungspotential.

1896 gründete sich eine „Genossenschaft zur Errichtung von Thalsperren“ als Zusammenschluss von Triebwerksbesitzern. Damit begann der Bau von Brauchwassertalsperren am Oberlauf der Wupper und dortigen Nebenflüssen. Diese Talsperren speicherten Brauchwasser, um die Wasserkräfte der Wupper besser zu nutzen. Ab ca. 1916 kam der Gedanke auf, auch das Problem der Gewässerverschmutzung anzugehen. Doch erst 1930 wurde der Wupperverband durch ein preußisches Sondergesetz gegründet und konnte sich vorrangig um die Abwasserbeseitigung kümmern. Der revolutionäre Gedanke: Der Verband sollte die Probleme über Stadt- und Gemeindegrenzen hinweg für das ganze Flusssystem betrachten und Lösungen finden.  

Hochwasser der Wupper 1946 in Opladen.

Nur sehr langsam wurde die Wupper wieder sauber 

Der neue Verband trieb den Aus- und Neubau von Kläranlagen ebenso voran wie den Talsperrenbau. Auch dabei gab es Erweiterungen und Neubauten. Die Aufgabe des Talsperrenparks im sogenannten Beverblock ist die Rückhaltung der Hochwässer im Frühjahr und Herbst, die das Niedrigwasser erhöhende Abgabe des gesammelten Speicherwassers im Sommer. Die „neue“ Bevertalsperre als Erweiterung der kleinen Sperre des späten 19. Jahrhunderts wurde 1938 eingeweiht. Die Kriegsjahre sahen noch den Neubau der Schevelinger Talsperre bei Wipperfürth-Kupferberg; nach 1945 ging es zunächst um die Beseitigung von Kriegsschäden, Aufräumarbeiten, Enttrümmerung des Fusslaufes.

In den 50er Jahren begann der Bau weiterer Wasserspeicher und ein großangelegter Kläranlagenbau, die Ertüchtigung der Anlagen zur immer besseren Reinigung der Abwässer inbegriffen. Das Ziel, die Wupper wieder rein zu machen, wurde indes nur langsam erreicht, obwohl ab den 60er Jahren zum Beispiel die Haushalte in Wuppertal fast durchgängig am Kanal waren: Das Bevölkerungswachstum zehrte die Fortschritte in der Klärtechnik zunächst auf. Immerhin: Galt die Wupper unterhalb Wuppertals noch bis in die 70er Jahre als fischfrei, gelang ab den 80er Jahren die Wiederbesiedlung des Flusses.

Mit dem Bau der Großen Dhünntalsperre bis 1985 als Trinkwasserreservoir und der Wuppertalsperre für den Hochwasserschutz und der Niedrigwassererhöhung bis 1987 wurden die beiden größten Bauwerke des Wupperverbandes in Betrieb genommen. Seit den 90er Jahren arbeitete der Ruhrverband an der Renaturierung des Wupperlaufs und der Uferzonen, baute Fischtreppen, entfernte nicht mehr genutzte Wehre und hob die Gewässergüte an mit dem Ziel, die Nährstoff- und Schadstofffracht, die Rhein und Nordsee übergeben werden, zu reduzieren. Die Wupper machte Karriere vom Abwasserfluss zum intakten Fließgewässer, zur Heimat von Kleinstlebewesen und Fischen, zum Laichgewässer von Lachsen und Meerforellen – selbst mitten im Stadtgebiet von Wuppertal. Die Fische nehmen die naturnah gestalteten Flussabschnitte an. Auch der Biber wurde bereits gesichtet, ebenso Eisvögel.

Die Nase, Fisch des Jahres 2020 ist in der Wupper wieder heimisch.

Klimawandel stellt Verband vor Herausforderungen

Alles geschafft also? Mitnichten. Der Erhalt und die fortwährende Verbesserung und Sanierung der bis zu 125 Jahre alten Talsperren, Rohrleitungen, Klärschlamm-Verbrennungsanlagen, Energieerzeuger, Kläranlagen verschlingt hohe Summen und erfordert permanente Anstrengungen. Die Anlagen des Wupperverbandes sind Fortentwicklung und Wandel ausgesetzt. Nochmals also die Frage: Wenn Wandel das Beständige ist, die Wupper wieder sauber, die Wasserversorgung gesichert und die Abwasserreinigung geregelt ist, ist dann alles geschafft? Die Antwort bleibt: Mitnichten. Dem Wupperverband stellen sich unter dem Stichwort „Klimawandel“ neue, ernste Aufgaben.

Marc Scheibel leitet beim Wupperverband als Koordinator das fachübergreifende Themenfeld Klimawandel. Der Diplom-Ingenieur und Hydrologe ist für die Wassermengenwirtschaft und den Hochwasserschutz zuständig – und hat in seiner Zeit beim Verband in zwei Jahrzehnten schon drei Jahrhunderthochwasserereignisse erlebt – was eigentlich schon alles sagt. Auch drei Schicksalstage im Mai und Juni 2018 in Wuppertal und Leichlingen sind ihm präsent, wobei der 29. Mai für den eigentlich abgebrühten Praktiker ein Aha-Erlebnis bereithielt. „Aus dem Wetterbericht wussten wir seit dem Morgen, dass etwas auf uns zukam“, berichtet er. Passenderweise war mit Fachkollegen von der Stadt Wuppertal für den frühen Nachmittag eine Besprechung über Hochwasserschutz angesetzt worden. Man war mit der Theorie kaum durch, da war es, als wäre auf den Knopf für „und jetzt die Praxis“ gedrückt worden.

Zwei Gewitterzellen entluden sich, über der Stadt festhängend, über dem Tal. „Gerade noch waren am Pegel 3,5 Kubikmeter je Sekunde durchgegangen. Binnen kürzester Zeit schoss die Durchflussmenge hoch auf 190 Kubikmeter.“ Wuppertal erlebte den Weltuntergang.

„Unser Problem ist die Spreizung von Trockenheit und Starkregen“, sagt Scheibel. „Die Niederschläge sind im Jahresmittel nahezu gleich geblieben, aber die Verteilung ist eine ganz andere als früher. Wir haben es mit zwei Effekten zu tun, mit sehr langen trockenen Perioden und kurzen, schweren Starkregenereignissen.“ Was heute fehle, sei der ausdauernde, ruhige Regen, der in die Böden sickere, der moderat in Bäche und Flüsse rinnt, der die Talsperren fülle. Der Klimawandel führe zu Phänomenen, die in der Wasserwirtschaft an zwei Stellen schmerzen. Die Bewirtschaftung der Talsperren werde vor Herausforderungen gestellt wie auch der Hochwasserschutz und der Wasserbau bei Kanälen und Rückhaltebauwerken.

Das Vorzeige-Klärwerk Buchenhofen.

Lange Trockenphasen und plötzliche Starkniederschläge

Die langen Trockenperioden verlangen mehr denn je, dass die Talsperren am Oberlauf der Wupper die Aufgabe der Niedrigwassererhöhung wahrnehmen. „Wir müssen aber nicht nur auf die Menge der Wasserabgabe, sondern auch auf die Güte des Wassers achten“, erklärt der Hydrologe. In den Talsperren liegt das Wasser in einer Temperaturschichtung vor; ein bloßes Abfließenlassen ist den Gewässern nicht zuträglich – das „richtige“ Wasser muss in der richtigen Temperatur abgegeben werden. Und: Eine Talsperre darf sich nicht verausgaben, weil das ihrem eigenen Ökosystem nicht zuträglich wäre. Im Rahmen des jeweils über ein Jahr laufenden Wasserwirtschaftsplanes müssen viele Parameter im Auge behalten werden. Es könne sein, dass in künftigen Jahren schwierige wasserwirtschaftliche Situationen zu meistern seien. Dies werde die Talsperrenbewirtschaftung beeinflussen und eine Anpassung ihrer Betriebsweise erfordern. 

Niedrige Wasserstände an den Brauchwassertalsperren könnten z.B. die Freizeitnutzung einschränken. Wenn der Klimawandel fortschreite, die Trockenheit zur Regel werde, müssten alle mit der Ressource Wasser sensibler umgehen.

Hochwasserschutz geht jeden Hausbesitzer etwas an

Aufhorchen lässt auch die Perspektive für den Hochwasserschutz. Auch hier geht es angesichts erkennbarer Entwicklungen nicht ohne Bürgermitwirkung ab, meint Scheibel: „Wir können nur unterstützen, aber jeder muss seinen Teil zum Hochwasserschutz beitragen.“ Starkregenereignisse wie die des 29. Mai 2018 in Wuppertal ließen sich durch Kanalbau und Rückhaltebecken nicht auffangen. Das Vorwarnsystem des Wupperverbandes werde ausgebaut, Informationen zu drohenden Starkregenereignissen würden frühzeitig und entschieden herausgegeben, Workshops für Städte, Gemeinden, Anlieger forciert. 

Starkregen 2018 in Wuppertal.

„Wir können aber nur unterstützen; jeder muss seinen Teil dazutun.“ Bei der Stadt- und Bebauungsplanung müssen die Auswirkungen von Flächenverbrauch und Versiegelung stärker in den Fokus rücken., in der Landwirtschaft komme der Pflege des Bodens eine große Bedeutung zu. Von Monokultur ausgelaugte Böden drohten abgespült zu werden. Und jeder Hauseigentümer habe es in der Hand, sein Grundstück so zu nivellieren, dass das Niederschlagswasser vom Haus weggeführt werde, statt zum Haus hinzulaufen. Weiße Wannen und druckdichte Fenster seien ein Segen. Sich über die Absicherung des eigenen Hauses Gedanken zu machen, von dieser Pflicht könne kein Hausbesitzer entbunden werden. „Aber leider leben die Leute heute nicht mehr so mit der Umwelt wie früher!“

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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