Das Wasser des Lebens

In den Zeiten, als die Mainzer Karnevalssitzungen im TV noch langweilig waren und gegenüber den Kölner Sitzungen schlecht abschnitten (heute ist es umgekehrt); also in jenen Aufführungen gab es dennoch Höhepunkte des Humors. Sei es der geniale Herbert Bonewitz oder ein Couplet eines Duos, dessen Text ich immer noch im Ohr habe:

„Wasser ist zum Waschen da, Fallerie und Fallera, auch zum Zähneputzen kann man es benutzen. Wasser braucht das liebe Vieh, Fallera und Fallerie,auch die Feuerwehr benötigt Wasser sehr … .“ Herrlich!

Auf gleicher Ebene verspotten die kölschen Köbesse in den Brauhäusern der Domstadt den Gebrauch von Wasser als Getränk. Wenn in froher Runde einer der Gäste es wagt, ein Wasser zu bestellen, bekommt er gerne die Antwort: „Soll ich auch en Handtuch  bringen?“ In der Tat. Wasser ist mehr als ein Getränk. Und zwar viel, viel mehr. Es ist nicht nur der Ursprung der Evolution, sondern zieht sich als mächtiges Symbol durch alle Mythen, Religionen und Geschichten der Menschen, in allen Kulturen.

Im Christentum ist es das Wasser der Taufe – immer wenn ein Katholik beim Betreten einer Kirche seine Hand ins Weihwasserbecken taucht, erinnert dies an seine Taufe. Bei Juden und Muslimen gibt es feste rituelle Handlungen mit Wasser. Und jeder fromme Hindu muß wenigstens einmal im Leben in die heiligen Fluten des Ganges eintauchen. In den Volksmärchen aller Kulturen gibt es das Motiv des „Wasser des Lebens“ – die Söhne des sterbenden Königs machen sich auf um, dieses Wunderwasser zu suchen – und der jüngste Sohn findet es. Jeder fromme Jude kennt die Stelle aus dem Alten Testament: „Aus der rechten Seite des Tempels fließt das Wasser des Lebens“. Da für Christen Jesus der „neue Tempel“ ist, muss bei der Darstellung des Gekreuzigten die Seitenwunde Jesu unbedingt auf der rechte Seite seines geschundenen Leibes sein. („… und aus seiner Seite flossen Blut und Wasser“). Aber wer von den heutigen Künstlern weiß das noch?

Das Faszinierendste beim Motiv des Wassers ist allerdings Folgendes: In allen Kulturen gilt das Wasser als doppeldeutiges Symbol. Einmal: „Wasser ist Leben!“ Klar – ohne Wasser verdorrt alles Leben zur toten Wüste. Deshalb seine wichtige Funktion in den religiösen Riten. Aber gleichzeitig bedeutet das Symbol das Gegenteil: „Wasser ist Tod!“ Nicht nur die entsetzlichen Tsunamis dieser Welt haben dies die Menschheit gelehrt. Es gibt wohl kaum eine größere Todesangst als beim drohenden Versinken und Ertrinken. „Das Wasser viel zu tief“ (Volkslied: „Es waren zwei Königskinder …). Und da die großen Erzählungen die archaischen Urbilder der Menschheitserfahrungen widerspiegeln, finden wir dies in unzähligen Mythen. Die berühmteste ist wohl die Erzählung der Sintflut. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass es bei den fantastischen Geschichten überhaupt nicht darum geht, ob das „in Echt“ passiert ist, sondern was diese Geschichten an Wahrheit ausdrücken wollen! Eine weltumfassende Sintflut hat es historisch natürlich nie gegeben – aber absolut wahr ist, dass die Menschheit die mörderische Gewalt des Wassers kannte, Tsunamis und verheerendes Hochwasser.

Was allen Menschen zu jeder Zeit bewusst war, ist und bleibt: Die unumstößliche Wahrheit des Todes. Und damit verbunden: Hat der Tod das letzte Wort? Beginnt mit dem Ende meines Lebens die Verrottung auf dem kosmischen Abfallhaufen des Nichts? Oder gibt es Hoffnung auf eine Rettung aus dem Tod? Alle Religionen sagen: Ja! Du Mensch hast eine Seele. Einmalig und kostbarer als das ganze Universum. Und nichts kann deine Seele zerstören. Auch nicht der Tod.

Diese Hoffnung, dieses „unsterbliche Gerücht“ (H. Spaemann, Philosoph) haben die Menschen immer schon in Märchen, Mythen und Geschichten eingewoben. Deshalb sagt ja Novalis: „Wenn in Märchen und Gedichten steh‘n die wahren Weltgeschichten …“. So wurde Jonas, wie in der Bibel erzählt wird, natürlich nicht von einem Fisch verschluckt und gerettet – aber darum geht’s gar nicht. Die faszinierende Geschichte ist vielmehr wie folgt zu lesen: Jonas muss sterben wie jeder Mensch. (Er wird ins Wasser geworfen). Aber der Tod hat nicht das letzte Wort (Er wird gerettet). Oder: Jesus ging übers Wasser – ob er das historisch wirklich getan hat, ist völlig unerheblich. Was aber für Christen feststeht: Ostern ist wahr! Der Tod hat nicht das letzte Wort! Christus geht über den Tod (Wasser als Symbol des Todes) hinweg! Er verwandelte das Wasser des Todes in das Wasser des Lebens.

Fehlt noch ein saublöder kölscher Spruch: „Fische, ne? Fische. – Der janze Daach unter Wasser. – Künnt ich nit!“

Liebe Grüße, euer
Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

Hinterlasse einen Kommentar