Wildangel, Haarmode und Corona: Drei Tage down, dann durchgestartet

Lindlar Dies ist die Story, wie sich das Lindlarer Haarstudio Wildangel als fünfblättriges Kleeblatt in der Corona-Zwangsschließung selbst neu erfunden hat.

„Seit ich wieder hier stehe, seit ich wieder arbeiten darf, geht es mir richtig gut. Ich bin so glücklich und so stolz auf mein Team.“ Brigitte Wildangel-Wehn, Chefin des Haarstudios Wildangel, strahlt nicht nur, sie leuchtet geradezu. Nach achtwöchiger Corona-Zwangspause durften Friseurgeschäfte wieder öffnen und seitdem herrscht in den beiden Wildangel-Salons in Lindlar und Wipperfürth wieder Hochbetrieb. Alles wieder wie früher? Von wegen: Wildangel haben sich neu erfunden, haben die Zeit der Schließung genutzt, sich gründlichst auf neue Anforderungen einzustellen, haben Geld in die Hand genommen, umgebaut, investiert. Denn das Virus sei lange nicht besiegt, wähnt Wildangel-Wehn. „Das wird uns noch lange begleiten und deshalb haben wir uns auf die neuen Hygieneanforderungen auf lange Zeit eingestellt.“

Wenn an dieser Stelle Brigitte Wildangel-Wehn zu Wort kommt, dann als Pars pro Toto – im Hause Wildangel gibt es nämlich ein Damenquartett, das die Geschicke leitet. „Wir sind ein vierblättriges Kleeblatt“, lächelt sie, „nur so geht es , weil man es alleine nicht kann.“ Ihre Schwester Karla Kuhnen und die beiden Nichten Pia und Lea sind mit im Boot und im Hintergrund ist noch Brigitte Wildangel-Weins Tochter aktiv. Diese ist Medizinerin und hat den vier Damen in den Salons bei der Aufstellung eines Hygienekonzepts hilfreich  zur Seite gestanden. Ein fünfblättriges Kleeblatt also? Sowas gibts tatsächlich nur in Lindlar …

Aber Spaß beiseite – die Zwangsschließung traf den mit 40 Beschäftigten sehr großen Haarmodebetrieb wie ein Keulenschlag. „Drei Tage war ich down; nach acht Tagen wusste ich, dass es voran gehen musste“, berichtet die Chefin. Und dann habe sie 14 Tage überlegt, einen Plan gefasst, sich wieder und wieder besprochen und dann gehandelt. Allen sei klar gewesen, dass die Betriebe den neuen, anfangs nur schemenhaft erkennbaren Hygieneanforderungen würden genügen müssen. Nicht provisorisch und billigst, sondern zur sicheren Seite hin, gründlich, überlegt, verlässlich wollte man sich nach der Schließung präsentieren, wollte durch die Umbauten und Ergänzungen des Mobiliars Solidität und Seriosität ausstrahlen. „Uns gibt es 65 Jahre“, sagt Brigitte Wildangel-Wehn mit Nachdruck und lässt erkennen, dass sich dieses Standing auch jetzt ausdrücken sollte. Quasi als Bekenntnis zum Standort, zum Beruf, zum Betrieb, zu Mitarbeitern und Kunden. Motto: Wir machen’s richtig – oder gar nicht!

„Ich hatte schon was im Lümpchen“, bekennt Wildangel-Wehn und erzählt, dass sie zum Braut- und Hochzeitssalon eigentlich einen gläsernen Wintergarten hatte bauen wollen: „Mein Traum“. Dann kam Corona, die Schließung, der plötzlich erforderlich werdende Umbau des Geschäftes. – Das „Lümpchen“ ist nun leer, muss wieder neu angespart werden. Doch der Friseurbetrieb präsentiert sich funktionell und anmutig, wie ein Besuch im Lindlarer Hauptgeschäft beweist.

Am Eingang wird der Besucher empfangen und gebeten, sich an einem soliden Flüssigkeitsspender die Hände zu desinfizieren. Jeder Kunde wird namentlich und mit Telefonnummer erfasst, um im Notfall Infektionsketten nachvollziehbar zu machen. Formschön gestaltete Plexiglas-Elemente auf dem Tresen stehen zwischen Kunden und Personal, teilen zwischen den Haarwaschbecken und den Relaxstühlen die Behandlungsplätze voneinander ab. Sieht man in Supermärkten oft tollkühne Lösungen solcher durchsichtiger „Spuckschutze“, so fällt im Salon Wildangel auf, wie schmuck und grundsolide ein Spuckschutz auch daherkommen kann. „Die hat uns die Menschik-Kunststofftechnik aus Lindlar geliefert“, freut sich „Frau Chefin“, weil sie vor Ort kaufen konnte. „Wir sind Lindlar, wir sind Oberberg – ich kaufe so viel wie möglich am Ort“, ist sie stolz und gibt umumwunden zu verstehen, dass sie sich auch im Internet nach Spuckschutzen umgesehen hatte, aber nur Plunder fand. Kauf’ lokal und kauf’ richtig, das bewährte sich auch bei einem neuen, weiteren Doppel-Haarwaschbecken. „Wir müssen ja jetzt jedem Kunden die Haare waschen. Das Doppelbecken kam kurzfristig von unserem Installateur Michael Schnepper, also ebenfalls aus Lindlar“, berichtet Wildangel-Wehn.

Sehr solide Trennwände unterteilen den Friseursalon.

Und dann gibt es noch – zwölf massive Zwischenwände, die den Salon teilen und gewissermaßen separate Bedienzonen schaffen. Auch hier hatte sich Brigitte Wildangel-Wehn erst im Internet orientiert und geforscht, ob es so etwas anderswo bereits gegeben habe. Das Ergebnis war ernüchternd: Solide Ware habe sie nicht gefunden, nur Plastikzeug, das sich nicht für professionelle Anwendungen eigne. Darauf habe sie den Lindlarer Sascha Brinkmann von SB-Tortechnik als „Handwerker ihres Vertrauens“  um Hilfe gebeten: „Sascha, wir brauchen Dich!“  Die Antwort sei ebenso prompt wie handfest ausgefallen: „Ich mach’ Dir das. Du bekommst was Massives.“ Entstanden sind solide Gestelle aus Metall und beschichteter, abwaschbarer und lichtgrau beschichteten Multiplexplatte. Auch das ist nicht nur gebaut für die Ewigkeit, sondern symbolisiert durchdachte Ernsthaftigkeit. „Ich würde mich ja auch sicher fühlen wollen, wenn ich Kundin wäre“, schließt Brigitte Wildangel-Wehn von sich auf andere, wieso sie Qualität über alles setzte.

Apropos Sicherheit: Die wollte das Haarstudio in der Krisenzeit auch seinen Mitarbeitern vermitteln. In der Kurzarbeit wurde der geschmälerte Lohn auf das normale Niveau aufgestockt, damit niemand aus der Crew in Not geriet. „Ja klar, ich habe mich gefragt, wie ich das alles überlebe. Aber auch, wie mein Team das überlebt. Meine Mitarbeiter sind das Wichtigste und ich bin für sie da!“ Wer Kinder hat, wer eine Immobilie zu finanzieren hat, der ist auf den planmäßigen Lohn angewiesen. Und deshalb war klar, dass die 40 Beschäftigten des Haarstudios durchgezogen werden sollten – was funktioniert hat.

Mit den Kunden wurde telefonisch Kontakt gehalten, im Lindlarer Stammhaus wurden das Brautstudio im Dachgeschoss und ein Salon im Souterrain ertüchtigt, zusätzlicher Platz geschaffen für die neuen Abstandsregeln.  Als dann pünktlich zur genehmigten Wiedereröffnung das Lindlarer Ordnungsamt hereinschaute und sich Hygiene- und Abstandsregeln ansah, staunte man nicht schlecht. „Das ist ja ein Vorzeigesalon geworden“, fiel das Urteil anerkennend aus.

Brigitte Wildangel-Wehn hörte es mit Stolz. „Uns ist wichtig, Lindlar hochzuhalten“, sagt sie bescheiden. Und macht sich auf, die Friseurumhänge einzusammeln und in die Wäsche zu geben. Selbstständig sein, das bedeutet ihr, Verantwortung zu leben. Für die Mitarbeiter, die Kunden, die Familie, den Betrieb. Sie sagt es nochmal: „Dass es wieder losgeht, tut mir so gut. Ich bin stolz auf mein Team, das auch in der schweren Zeit so zusammen gehalten hat.“

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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