Wie mir Corona geholfen hat, die Liebe noch besser zu verstehen

Wie bringt man Gott zum Lachen? – Erzähl ihm deine Pläne.

Liebe Leserschar!

Niemals in unserem Leben wurden unsere Pläne so über den Corona-Haufen geworfen wie zu dieser Zeit.  Aber wie immer kommt es darauf an, was wir daraus machen.  Für mich hat die Krise die Chance vergrößert, meinen Blick für die wirklich wichtigen Dinge im Leben noch weiter zu öffnen. Unter vielem anderen hat sie mich der Antwort auf eine Frage nähergebracht, die so alt ist wie die Menschheit: „Was ist Liebe?“.

Es ist wie in den Werken des Künstlers Christo. Erst indem er Dinge verhüllt, werden sie uns wirklich bewusst. Will sagen, erst jetzt, wo wir gezwungen sind auf Nähe zu verzichten, wurde mir deutlich, wie wichtig sie ist. Es ist wie in der Geschichte, als ein kleines Mädchen zu ihrer Mutter ins Bett kriecht und sagt: „Mama, ich weiß ja, dass ich keine Angst haben muss, weil der liebe Gott immer bei mir ist, aber ich brauch‘ jetzt was mit Haut drumherum.“

Kein Besuch mehr bei Oma und Opa, kein Treffen mit Freunden zu froher Runde am schweren Eichentisch in der Kneipe oder im Sonnenlicht unter der Markise im Café. Kein Umarmen der alten Eltern beim Besuch im Seniorenheim. Mit anderen Worten: Niemals fehlten uns die Gesten der Liebe so sehr wie in der Coronazeit. Nichts ist in der Welt wichtiger als diese Liebe, die uns bewusst wird, wenn wir dem geliebten Menschen nahe sind.

Mir kommt dabei eines meiner Lieblingslieder von Reinhard Mey in den Sinn (Tun Sie sich den Gefallen und hören Sie das Chanson auf YouTube an!). Es erzählt von einem alten Liebespaar. Der Eine liegt im Sterben und der Andere ist bei ihm. Und er sagt immer wieder: „Nein, ich lass dich nicht allein. Ich sitze einfach hier, ich bleibe hier bei dir. Ich muss nirgendwo anders sein. Ich lass dich nicht allein.“ Und dann erzählt er von den alten Zeiten, mal lustig, mal traurig:

Ich kram‘ die Fotoalben vor.

Hier, sieh mal, das war vor zwölf Jahr‘n, da sind wir nach Saint-Jean gefahr‘n und auch in Lourdes vorbeigekommen.

Und von der Quelle mit dem Rummel, der dir jeden Glauben raubt,

hast du für Hans, der daran glaubt,

einen Kanister mitgenommen.

Und als kurz vor Vic-Fézensac das Auto Kühlwasser verlor, holtest du den Kanister vor, um ihn andächtig aufzuschrauben.

Dann fülltest du den Kühler auf, ich traute meinen Augen nicht. Doch seitdem ist der Kühler dicht! Da soll man nicht an Wunder glauben?!

Nein, ich lass‘ dich nicht allein!

Ich hab‘ ihn noch, den alten Bus, Cassetten, voll das Handschuhfach!

Komm, wenn du willst, ich bin hellwach, wir fahr‘n die Nacht durch in den Morgen. 

Bis auf die Insel, bis ans Meer, wir haben Zeit genug. Bis fünf. Vorm ersten Autozug werd‘ ich uns zwei‘n Kaffee besorgen.

Draußen vorm Fenster geht die See, der Sturm rüttelt an unserm Karr‘n.

Hier drinnen haben wir es warm

und auf das Dach trommelt der Regen.

Nein, ich lass‘ dich nicht allein.

Ich sitze einfach hier.

Ich bleibe hier bei dir.

So lange wie es dir gefällt.

Ich habe alle Zeit der Welt.

Ich muss nirgendwo pünktlich sein:  

Ich lass‘ dich nicht allein!

Ich lass dich nicht allein! Diese Zusage, das ist für mich Liebe. Es ist einer der tröstendsten Sätze unserer Religion, als der Rabbi Jesus aus Nazareth sagt: „Ich bleib bei euch – alle Tage – bis ans Ende der Welt.“ 

Und damit komme ich zu dem einzigen Punkt, den ich im Rahmen der Vorsichtsmaßnahmen  unserer Regierung kritisiere, nämlich das Verbot, am Sterbelager eines Menschen da zu sein. Sterbende allein zu lassen ist ein Verbrechen! Es muss doch, verdammt noch mal, möglich sein zu organisieren, bei dem Geliebten zu sein, um ihm die Hand zu halten, wenn er die Welt verlässt. Scheiß auf das Virus!

Denn: “Nein, ich lass‘ dich nicht allein“ ist Liebe, und damit das innerste Wesen Gottes und der Welt. Deshalb ist für mich das Symbol der heiteren Gelassenheit – die Pappnase – kein Widerspruch zum Mundschutz, dem Symbol der Krise und der Angst. 

Denn: Keine Krankheit, kein Virus, ja selbst der Tod können mich von dieser Liebe trennen.

Euer Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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