Kampf dem stehenden Blech

Overath / ENGELSKIRCHEN Rund 65,8 Mio. Autos und Anhänger waren am 1. Januar 2020 in Deutschland zum Straßenverkehr zugelassen, auf 1.000 Bürger kommen 701 Kraftfahrzeuge. Doch eigentlich sind es gar keine Fahr-, sondern eher Stehzeuge. Das Land ist vollgestellt mit Blech; im statistischen Mittel steht jedes Auto 23 Stunden pro Tag. Es braucht dazu zwei Parkplätze, einen zuhause, einen am Arbeitsplatz. Fährt das Stehzeug, ist es im Schnitt mit 1,2 Personen besetzt. Der Verkehrsforscher Hermann Knoflacher errechnete schon vor 20 Jahren aus Nutzungsdauer und Besetzung, dass der Auslastungsgrad des Durchschnittsautos bei gerade mal einem Prozent liegt. Der Blick in jedes Wohngebiet, in jede Innenstadt, auf jeden Firmenparkplatz liefert den Beweis der steilen Thesen: Blech, soweit das Auge reicht. Sowas ist ökologisch, ästhetisch und ökonomisch kaum zu rechtfertigen – und doch nimmt das Stehblech pro Jahr um eine Mio. Einheiten zu. Das ist der Stoff, aus dem die Ideen des Car-Sharing-Projektes in Overath und bald auch in Engelskirchen geschnitzt sind. Auf genossenschaftlicher Basis sollen Zweitwagen (die stehen noch nutzloser herum als Erstautos) überflüssig gemacht werden. Soeben wurde das dritte Sharing-Auto in Betrieb genommen – ein Elektroauto, geliefert von Automobile Clever aus Marialinden.

Genau ein Jahr nach Gründung der Bürgergenossenschaft Car&RideSharing Community eG in Marialinden ging jetzt das dritte E-Auto im Herzen Overath an den Start. Die Stadt Overath stellt den Carsharing-Stellplatz am Rathaus zur Verfügung, bis der endgültige Standort am Bahnhof eingerichtet ist. Die Ladestation und den benötigten Ökostrom liefert O-Saft (Stadtwerke Energie), die Kreissparkasse Köln beteiligte sich als Hauptsponsor an der Finanzierung des Renault ZOE.

Overather Bürger, die im Zentrum von Overath wohnen, können den ZOE ab sofort für Fahrten buchen. Das geht ganz einfach per Smartphone-App oder über eine Online-Plattform am PC. Gerhard Baumeister, Vorstandsmitglied der Genossenschaft, hoffte bei der Übergabe auf viele neue Nutzer und darauf, dass das werbewirksam dekorierte E-Auto an vielen Stellen im Stadtgebiet auftauchen wird. Auch Bürgermeister Jörg Weigt begrüßte das Engagement der Bürgergenossenschaft ausdrücklich, denn das Carsharing-Projekt  unterstützt die Mobilitäts- und Umweltschutz-Politik der Stadt in vielfältiger Weise.

Am Beispiel seiner eigenen Familie erklärte Car-Sharing-Vorstand Gerd Baumeister, wie es zur Gründung der Genossenschaft gekommen war. Man habe ursprünglich zwei eigene Autos besessen; als Bürger im Außenbezirk, im Kirchdorf Marialinden, habe man diese auch gebraucht. Als sich seine Arbeit als Selbstständiger stärker auf’s Home-Office verlegt habe, sei die Fahrzeugnutzung zurückgegangen, vor allem die des Zweitwagens. Diesen aber abzuschaffen, sei schwieriger als gedacht gewesen. Schließlich solle je niemand , auch die Ehefrau, in Marialinden festgekettet werden. Deshalb habe man erforscht, wo man kurzfristig, stundenweise, einfach, günstig, ein Auto leihen könne.  Nähestens in Bergisch Gladbach sei man fündig geworden. Und deshalb habe man die Sache schließlich in die eigene Hand genommen. Inzwischen gibt es in Marialinden die Genossenschaft, zwei elektrische Car-Sharing-Mobile – und im Hause Baumeister gar kein eigenes Auto mehr.

Netter Nebeneffekt: In Marialinden gibt es weniger Blech. Baumeister:  „Es ist uns wichtig, unseren Ort attraktiv und lebenswert zu halten. Dazu zählt natürlich auch, dass das von Ausflüglern und Wanderern gern besuchte Marialinden nicht vollständig mit Autos zugeparkt ist.“ Dies gelte auch für das Overather Zentrum, dessen Parkraum immer knapper wird. Ins gleiche Horn stieß Bürgermeister Weigt: Jeder Haushalt habe zwei bis drei Autos, wolle die nach Möglichkeit vor der eigenen Haustüre abstellen – das könne nicht funktionieren. Aktuell arbeite man an einem Konzert für den stehenden Verkehr in Overath, wobei sicherlich auch das Thema Fehlnutzung von Garagen ein Thema sein wird: In vielen Garagen steht alles möglich, nur kein Fahrzeug. Die Folge sind zugeparkte Straßen und Plätze. 

Das neue Overather (dritte) Car-Sharing-Auto wird im Stadtzentrum stationiert, derzeit noch am Rathaus, demnächst am Bahnhof. Dort kann das Fahrzeug, Reichweite 250 Kilometer, auch jeweils geladen werden. Benutzen können es – nach Anmeldung – alle Bürger, die einen Führerschein haben. Von dem Konzept sind auch die Nachbargemeinden Much und Engelskirchen angetan; beide wollen das Overather Modell kopieren.  Engelskirchen ist dabei besonders weit, berichtete Ronja Völkel, Mobilitätsmanagering in ihrer Gemeinde und Vorstandsmitglied in der Car&Ride-Sharing-Community eG. In der Ortschaft Schnellenberg soll das erste Car-Sharing-Projekt Engelskirchen realisiert werden. Die Bevölkerungsstruktur lässt vermuten, dass in dem Höhendorf die Nutzerzahl zusammenkommt, die für einen wirtschaftlichen Betrieb des geteilten Autos erforderlich ist. Abgerechnet wird nach Nutzungszeit und gefahrenen Kilometern – und generell gilt: Ein eigenes Fahrzeug ist um ein Vielfaches teurer als ein geteiltes Auto.

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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