Digitale Schule: Das Emotionale fehlt

Bergisch Gladbach / Overath Kurzarbeit, plötzliche Kündigungen und Kontaktbeschränkungen. Das Coronavirus hat die Bundesrepublik in den vergangenen Wochen gehörig auf den Kopf gestellt. Neben Geschäften des Einzelhandels waren auch alle Schulen im Land von den Schließungen betroffen. Plötzlich fanden sich Lehrer, Schüler und Eltern vor eine Ausnahmesituation gestellt. In den vergangenen Wochen kursierte der Begriff „Homeschooling“ und die Chancen und ­Risiken­ des Online-Unterrichts wurden debattiert.

Außerdem hat sich gezeigt, auf welchem Stand das hiesige Bildungssystem bei der Digitalisierung ist. In zahlreichen Schulen des Rheinisch-Bergischen Kreises sowie des Oberbergischen Kreises werden die Schüler sowohl digital als auch analog unterrichtet. Jede Schule und jede Schulform geht dabei andere Wege. 

„Wir verschicken den Lernstoff sowie die Aufgaben per E-Mail an unsere Schüler. Familien, die keinen E-Mail-Zugang haben, bekommen es von unseren Lehrern am Nachmittag persönlich überreicht oder die Materialien werden per Post geschickt“ , sagt Jürgen Koch. Er ist Schulleiter der Grundschule Overath-Heiligenhaus, einer Schule mit 160 Schülern und 13 Lehrern.  

Neben dem Fernunterricht in Papierform setzt die Grundschule auf die Lern-App „digiclass“. Diese bildet auf dem Smartphone einen digitalen Klassenraum ab. Die Lehrer  können mit der App individuelle Aufgaben stellen. Die Schüler antworten per Foto, Video, Audio, Text oder einer Skizze. Abschließend laden die Lehrer die Lösungen hoch.

Wie in einer richtigen Klasse sehen alle Kinder die Ergebnisse der anderen Kinder und können so voneinander lernen. Konzipiert wurde die App speziell für Grundschulen von dem Lohmarer Startup Tinkerbrain. „Die Schule in Heiligenhaus hat uns auf die Idee gebracht, unsere Stadtsache-App für Kinder weiterzuentwickeln. Uns ist wichtig, den Kindern ein Mitspracherecht zu geben“, sagt Entwicklerin Anke Leitzgen über die enge Kooperation mit der Grundschule. 

„In der Praxis hat sich die App auch bewährt“, resümiert Koch, „dennoch bleibt vieles auf der Strecke“. Der persönliche Kontakt zwischen Lehrern und Schülern bleibe aus und auch der direkte Austausch unter den Schülern entfällt. Gerade auf diesen seien Kinder im Grundschulalter jedoch angewiesen. Hinzu kommt, dass diejenigen Schüler abgehängt werden, deren Familien keinen Laptop oder kein Smartphone besitzen. 

„Es gibt auch Fälle, in denen die Schüler mit der Lern-App und der digitalen Vermittlung von Wissen überfordert sind“, so Koch. Darüber hinaus gebe es Familien, die mehrere Smartphones besitzen, sie jedoch nicht effektiv nutzen würden. 

Nach mehreren Wochen Schulschließung aufgrund von Corona zieht der Schulleiter eine gemischte Bilanz: „Der Online-Unterricht ist ein Ansatz, den wir auch nach der Krise fortführen werden. Allerdings wird es schwer, alle Schüler abzuholen, falls sich die Situation nicht bald entspannt.“ 

Ähnlich sieht es auch der Datenschutzbeauftragte für die Schulen im Rheinisch-Bergischen Kreis. Christoph Konkulewski ist ebenfalls Lehrer und unterrichtet Musik an der Integrierten Gesamtschule Paffrath, IGP. „Sämtliche Apps und verschiedene Plattformen für Videokonferenzen gehen nicht emotional auf die Schüler ein. Diese Emotionalität brauchen Schüler aber.“ 

Dazu kommen datenschutzrechtliche Anforderungen. Es sei nicht erlaubt, E-Mail-Adressen für Schüler ohne deren Zustimmung einzurichten. Außerdem hat Konkulewski die Erfahrung gemacht, dass nicht alle Schüler die Möglichkeiten der digitalen Schule nutzen können. „Nach wie vor gibt es praktische Probleme. Es gibt Schüler, die keinen Drucker haben und die per Mail geschickten Unterrichtsblätter nicht ausdrucken können.“ Hier müssten die Lehrer die Arbeitsblätter mit der Post schicken oder sogar persönlich vorbeibringen. 

Laut Aussage Konkulewskis wird es die Präsenzpflicht in der Schule weiterhin geben. Lern-Apps und Videokonferenzen werden auch für die Zeit nach Corona eine wichtige Rolle spielen. „Natürlich ersetzten Unterrichts-Streams keinen herkömmlichen Unterricht. Das werden sie auch niemals tun. Aber für Schüler, die krank sind und nicht zum Unterricht kommen können, sind die Streams eine echte Bereicherung.“ 

In der Schule des Datenschützers gibt es bereits einen Mathelehrer, der per Videokonferenz unterrichtet. Der Erfolg habe sich schnell bemerkbar gemacht. „Lernen bedeutet aber auch emotionale Nähe und das gibt der Online-Unterricht nicht her“, so Konkulewski.

Hinterlasse einen Kommentar