Weißes Gold in schweren Zeiten: Alles Wissenswerte über – Klopapier

Bergisch Gladbach Der Durchschnittsdeutsche sucht jene Stelle, die auch der Kaiser zu Fuß ansteuert, täglich sechsmal auf. Fünfmal für kleine, einmal für große Leute. Toilettengeschichten gehen jeden und jede etwas an, sind etwas für die Geschichtsschreibung, haben mit Hygiene und Sauberkeit zu tun, sind ein Wirtschaftsfaktor und haben heute sogar – dank des dritten Klos – einen Bezug zur Genderpolitik. 

„Von der Rolle“ heißt die Ausstellung, die im LVR-Industrie­­­­museum Alte Dombach im März eröffnet wurde und die dann unter die Räder der Corona-Krise geriet. Aber eigentlich ist das symbolhaft  und in einer ganz speziellen Weise mit der Klopapierkrise verwoben. Weil wir es schlussendlich nicht nur mit der schicksalhaften Dramatik der Viruserkrankung zu tun haben, sondern auch mit einer dramatischen (gefühlten) Knappheit von ­Toilettenpapier und (echtem) Mangel an Schutzkleidung und Masken. Eine Wirtschaftskrise ist‘s zudem und damit auch eine menschliche und soziale Krise. Da kann man „Scheiß drauf“ nicht mehr sagen, außer in der Gladbacher Ausstellung, die auch mit dieser zugegebenermaßen etwas vulgären Trotzigkeit auf sich aufmerksam macht. 

Ob man sich die „Von der Rolle“-Ausstellung nun über soziale Medien, via Youtube oder auf der klassischen Homepage des Museums anschaut, ob man die Schau in Kürze wieder in der Realität betrachtet, soviel sei gesagt: Die Toilette ist alles andere als ein „Stilles Örtchen“, sondern eine sehr beredte, kommunikative Einrichtung. Und gefunkt wird dort mit allen zu Gebote stehenden Kommunikationsmitteln, zu denen auch Edding auf Zellenwänden und Fliesen, Toilettenpapierabrisse, Handysprüche gehören.

Narrenhände oder Philosophen?

Eine Fliesenwand, die jeder öffentlichen Bedürfnisanstalt der 50er Jahre entlehnt sein könnte, gibt in der Ausstellung Raum für Sprüche jedweder Couleur und Pikanterie. Sind es Narrenhände, die da Tisch und Wände beschmieren? Oder sind Philosophen am Werk, die über das Leben als Verdauungsprozess sinnieren und ihre Geistesblitze mit dem Edding festhalten?

Einem Zeitstrahl gleich, ebenfalls an der Wand aufgetragen, wird der Besucher durch die Geschichte der Sanitärmöbel geleitet – um zu lernen, dass unsere heutigen Nasszellen eine noch recht neue Erfindung sind. Das uns so selbstverständliche Wasserclosett (WC, sic !!!) setzte sich im Westen erst in den späten 50er Jahren flächendeckend durch, im Osten mit der allgegenwärtigen zehnjährigen Verspätung. 

Sei es aus Erzählungen oder noch aus eigener Anschauung: Viele Menschen erinnern sich mit Schaudern daran, wie man zum Müssen „über den Hof“ musste. Die Grube des Plumpsklos musste – Achtung, „esu a Jestank“ – ausgefahren werden. Und im Häuschen hing längsgeschnittenes Zeitungspapier am Nagel. Motto: Erst lesen, dann abputzen. An den Luxusartikel namens Toilettenpapier war für viele nicht zu denken.

Will sagen: Eine Toilette, wie wir sie heute mit allen Hygieneartikeln kennen, war etwas für die „hütere“, die höhere Gesellschaft. Im 19. Jahrhundert ging man auf dem Land in den Stall, an den Misthaufen, „in die Büsche“. In Städten, Klöstern, Burgen fanden sich eklige Abtritte in den Erkern der Außenmauern. „Aborte“ ohne wahre sanitäre Ausstattung zogen spät ein; weil man nachts die abseitig, eben „abort“ gelegenen Stellen nicht aufsuchen wollte, zogen Toilettenstühle für die bessere Gesellschaft und Nachttöpfe fürs Normalvolk in die Behausungen ein.

Erst nach 1950 Wasserspülung 

Der Siegeszug des Wasserklosetts gelang erst in den 50er Jahren. Im Wiederaufbau wurden auch die Dörfer flächendeckend mit Kanalisation und fließendem Wasser ausgestattet. Ab dann erst konnten die Plumpsklos in den Hintergrund gedrängt werden. Der Umbauprozess zog sich bis in die 70er Jahre hin, im Osten noch länger.

An der Stelle kommt auch – endlich – das Thema Toilettenpapier zum Zuge, das das zweite große Staunen auslöst. Die Ausstellung in der Papiermühle Alte Dombach bringt‘s sprachlich wieder so kokett wie frech auf den Punkt: „Für‘n Arsch“. 

Zeitungspapier mag in den Tagen des Buchdrucks ein noch probates Mittel zur Intimreinigung gewesen sein, doch sein Nachteil lag im sprichwörtlichen Sinne auf der Hand: Weder war es griffig noch angenehm – übel rau eben!

Schmirgelpapier von der Rolle

Aber auch die ersten Toilettenpapiere konnten in ihrer Qualität mit keinem echten Fortschritt aufwarten. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Amerika, hatte 1857 das erste Klopapier im Angebot. In Deutschland wird die erste Produktion auf das Jahr 1880 geschätzt. Wahlweise gab es das Hygienepapier einlagig auf der Rolle mit Perforation zum Abreißen oder als Einzelblattware. Das sattsam bekannte Problem der sandigen Gesäßreinigung blieb – für lange Zeit. Der findige Unternehmer Hans Klenk, nota bene „HaKle“, brachte erst 1958 das softe Tissuepapier für Deutschland auf den Markt.

„Tissue“ steht für ein Papiergewebe, für eine tuchähnliche Struktur, die die Weichheit eines Stoffs mit der Kurzlebigkeit des Papiers verbindet. In den nächsten Jahrzehnten wurde die sanfte Milde des Tissue-Toilettenpapiers ins Unendliche gedehnt: Längst sind vierlagige Papiere im Handel und manche Hersteller haben auch feuchte Qualitäten im Angebot. Das raue Krepp-Papier, das übrigens in den 80er Jahren in der DDR noch Standard war, ist aus den Regalen verschwunden.

Eine gräuliche Preiswert-Ware, einlagig, durchaus noch etwas strubbelig, ist indes weiterhin im Handel. Für Abnehmer in der Industrie gibt es auch weiter eine schlichte Qualität, die dann in Riesengebinden mit 72 Rollen im Plastiksack angeliefert wird. 

Die große Knappheit 2020

Wahrscheinlich würde das moderate Sandpapier der Industriequalität in der Corona-Krise auch von Privatabnehmern gekauft, denn ab Anfang März setzten die Hamsterkäufe ein und Toilettenpapier wurde zum weißen Gold. Allen Beteuerungen zum Trotz hat sich die Lage in den Geschäften noch nicht durchgreifend verändert. Wird Toilettenpapier geliefert, so dauert es nicht lange und die Palette ist wieder leer.

Wenn also die Ausstellungsmacher des Industriemuseums gut beraten sind, dann ergänzen sie ihre Präsentationen noch um die Absurditäten der Coronazeit, die mit der Hamsterei und mancher höchst schrägen Meldung ums Klopapier auf Jahrzehnte in Erinnerung bleiben wird. Die liebste aller Toilettenpapier-Meldungen kam dabei, wen wundert‘s, aus dem Bergischen und geliefert wurde sie von der Gummersbacher Kreispolizeibehörde.

Eine 54-jährige Reichshoferin, das meldet der Polizeibericht, hatte in einem Verbrauchermarkt an der Stadionstraße in Bergneustadt mehrere Pakete des weißen Goldes kaufen wollen. Der Mangelstoff wurde aber als Bückware gehandelt – pro Kunde gab‘s nur eine Packung. Als die Frau aus Reichshof darauf hingewiesen wurde, nur ein Paket zu kaufen und die übrigen zur Seite zu legen, setzte sie sich demonstrativ auf das Kassenband und behinderte so den weiteren Verkauf an andere Kunden. 

Die hinzugerufene Polizei versuchte zunächst, die 54-Jährige zu besänftigen. Als mit Engelszungen nichts zu erreichen war, sprachen die Schupos einen Platzverweis aus. Den aber befolgte die Kundin – aus Prinzip – nicht. Daraufhin legten ihr die Beamten Handfesseln an, um sie aus dem Geschäft und zur Polizeiwache zu transportieren. Originalton Polizeibericht: „Dagegen wehrte sich die 54-Jährige heftig. Sie brüllte, ließ sich zu Boden fallen, sperrte sich gegen die Maßnahme und musste schließlich zum Streifenwagen getragen werden.“ In einer Polizeizelle habe sie sich schließlich beruhigt, bevor sie wieder nach Hause entlassen wurde – ohne Toilettenpapier. Denn zu einem Kaufvorgang ist es infolge der Randale nicht gekommen.

Ausstellung ab Mai wieder geöffnet

Seit dem 5. Mai ist die Ausstellung „Von der Rolle“ wieder geöffnet. Mit den notwendigen Corona-Schutzmaßnahmen natürlich.

LVR Papiermuseum, Bergisch Gladbach, Alte Dombach 1, täglich 11 – 17 Uhr, www.industriemuseum.lvr.de

Aufklärung: So verstopft das Klo

Plettenberg
Der Videojournalist Steffen Reeder, ein Mann mit breitem Scheitel und großem Humorpotenzial, liebt Experimente vor laufender Kamera und Schilderungen im Sinne der Sendung mit der Maus. In einem früheren Leben war er Papiermacher in der Hygienepapierfabrik in Kreuzau bei Düren. Für den Bergischen Boten zeigt er, wieso Küchenrollen- und Autoputztuch-Papiere zu Kloverstopfungen führen. Prädikat: Super gemacht; das bildet euch weiter.

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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