Investor spendet, die Tafel packt und die Facebookgruppe liefert aus

Kürten Na klar, wir wissen es alle. Mehl ist ausverkauft, seit Wochen. Eier, Zucker, Speiseöl sind knapp, werden in manchen Läden als „Bückware“ unter der Theke gehandelt. Das ist die Situation noch im April, als der Bergische Bote bei der Tafel in Kürten recherchiert. „Ausverkauft“ ist aber – weil die Märkte geöffnet sind – eher ein Luxusproble. Viel ärger trifft es die Mitbürger, die auf Lebensmittel von der Tafel angewiesen sind. Denn die Tafeln haben vielfach ihre Ausgaben geschlossen. Einerseits, weil immer weniger Lebensmittelspenden bei den Tafeln ankamen, andererseits aus Gründen des Infektionsschutzes. So oder so: Die Bedürftigen bleiben unversorgt.„Ein echtes Problem“, sagt Werner Bauschert. Der pensionierte Kriminalhauptkommissar ist Vorsitzender der Kürtener Tafel, die seit dem 15. März geschlossen ist. Ein Drama für die Mitbürger, die auf die Lebensmittelspenden angewiesen sind. Doch besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen – Bauschert und seine Truppe beschlossen, Lebensmittel alternativ zu verteilen. 

Ende März, 14 Tage nach der Schließung, wurde eine Paketaktion gestartet. Für 86 Haushalte mit insgesamt 242 Personen wurden Tüten mit Lebensmitteln gepackt und ausgeteilt. Zu haltbaren Lebensmitteln wurden Frischwaren hinzugekauft, damit eine gesunde Mischung ausgegeben werden konnte. „Unsere Helfer haben die Tüten gepackt, die Helfer der >Mobilen Nachbarn Kürten< erledigten die Verteilung.“

Wertvolle, nicht billige Waren

Die Generalprobe war so gut gelungen, dass eine Woche später eine weitere große Verteilaktion gestartet werden konnte – mit einer tollen Lebensmittelauswahl. Horst Zentrisch von M&L-Immobilien aus Biesfeld erwies sich als großherziger Spender; mit ihm ging Werner Bauschert einkaufen und wertvolle Lebensmittel für alle Empfänger der Tafel wurden in den Transporter der Kürtener Tafel eingeladen. Wiederum wurden im Tafelhaus daraus 86 Tüten gepackt, darin besagte Lebensmittel und ein Ostergruß der Familie Zentrisch. Dann traten sowohl die Helfer der Mobilen Nachbarn Kürten als auch die Sportsfreunde von Union Blau-Weiß Biesfeld auf den Plan und fuhren die Tüten zu den Empfängern.

Morgens um 10 Uhr am Tafelhaus in Kürten. 15 Aktive sind angetreten, als da sind elf Damen und vier Herren der Schöpfung. Tafel-Chef Werner Bauschert ist vor Ort, Michael Weinmann als Vorturner der Mobilen Nachbarn  und die Pack-Crew der Tafel ebenso.  Bauschert hat das Kommando, auch wenn das kantige Wort nur bedingt zutrifft: Er beseelt die Helfer in der Art eines Volksschauspielers, erklärt in unnachahmlicher Art die zu leistende Aufgabe, wie man mit diesem und jenem Tafelkundentyp am besten umgeht und wie es optimal gelingt, die Lebensmittel auszufahren, Neues zu entdecken, Menschen kennenzulernen und selbst Freude zu empfinden. Bauschert: „Wenn ihr von der Tour zurückkommt, werdet ihr sagen, dass es total schön war und ihr nächste Wochen wieder fahren möchtet“ – sagt’s und gibt die Listen der anzufahrenden Haushalte aus.

Ist es peinlich als Tafelkunde? 

Helferin Regine Boxberg stellt die alles entscheidende Frage: Ob denn andere Parteien in den anzusteuernden Häuser wissen dürften, dass da Lebensmittel von der Tafel kämen. Sowas könne ja durchaus peinlich sein. Mancher schäme sich womöglich seiner Armut. Nein, da müsse man keine Bedenken haben, wird sie beschieden. „Mit der Tafel verbindet man nicht Asi oder arm“, erklärt Werner Bauschert – und aus der Runde ergänzt einer, das sei wie bei Aldi. „Da kauft ja jetzt auch jeder ein.“

So machen sich die Ausfahrer, ihr Wirken ist übrigens über die Tafel versichert, auf in die Bezirke von Kürten. Die eine hat vier Tüten, der andere sechs, die dritte sieben – je nach angesteuertem Ortsteil. Und als sie von ihrer Tour wieder eintrudeln, gibt es mit zufriedener Miene viel zu erzählen. Ja, es hat Freude gemacht. Und ja, sie sind beim nächsten Mal wieder dabei.

Das Bergische ist eben ein solidarisches Land mit einem hilfsbereiten Menschenschlag. Aber wer hätte jemals etwas anderes behauptet?


Info-Telegramm:

Die Mobilen Nachbarn sind eine Facebook-Gruppe, die von Michael Weinmann während der Corona-Krise gegründet wurde. Inzwischen hat sie 86 Mitglieder. Ihr Credo: Irgendwann braucht jeder mal Hilfe und weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Andere möchten helfen und wissen nicht, wer Hilfe braucht. 

Die schnell wachsende Gruppe dient dem ehrenamtlichen Engagement der Kürtener Bürger zur Nachbarschaftshilfe. Die zugehörige Facebook-Seite „Mobile Nachbarn Kürten“ versteht sich in erster Linie als Koordinationsplattform für Hilfsangebote bzw. Hilfsgesuche.

www.facebook.com/mobilenachbarnkuerten

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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