Im Home-Office statt in Griechenland: Wenn ein Politiker auf Notfallmodus geschaltet wird

Lindlar Seit Corona ist für den Bundestagsabgeordneten Dr. Hermann-Josef Tebroke nichts mehr wie vorher. Sein Politikerleben hat sich förmlich auf den Kopf gestellt – von jetzt auf gleich. 

„Ich bin ja gar nicht so stark betroffen wie die Menschen im medizinischen Dienst oder die Verkäufer und Kassiererinnen im Lebensmittel-Einzelhandel“, klingt es fast entschuldigend. Tebroke vertritt für die CDU den Rheinisch-Bergischen Kreis. Ihm gehe es ja vergleichsweise gut, sagt er und nennt Kurzarbeiter, Selbstständige, Freiberufler, deren Existenz „dank“ Corona von einem auf den anderen Tag zerbröselte; er denkt an Erkrankte und Infizierte, an die Angehörigen von Leidenden und trauernde Hinterbliebene, die in Corona-Zeiten ihre an den Virus-Folgen verstorbenen Lieben noch nicht einmal würdevoll beisetzen können. Tebroke will sagen, ihm gehe es ja noch gold.

Dabei hat sich auch sein Politikerleben gerade auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr im politischen Berlin und in seinem Wahlkreis wie es war. Wir erreichen Tebroke in seinem Zuhause in Lindlar – neudeutsch Home-Office, einer Einrichtung, die seit den Corona-Tagen an Akzeptanz gewonnen und in ihrer Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. „Als ich in den Bundestag einzog, habe ich mit allen meinen Mitarbeitern vereinbart, dass wir uns digitalisieren, damit jeder zu jeder Zeit und überall zugreifen kann“, sagt Tebroke und zuckt erschrocken zurück, als der Redakteur urteilt, da habe er wohl in weiser Voraussicht gehandelt. „Um Gottes Willen, so war’s nicht gemeint.“  Jedenfalls sind Tebrokes Mitarbeiter allesamt zuhause, alle fünf arbeiten von dort aus. Und er sitzt in seinem Heimbüro.

In Berlin war er schon länger nicht mehr. „Beim letzten Mal  bin ich statt zu fliegen schon mit dem Auto hingefahren“, erzählt er – und alles sei neu gewesen. Im Plenum sind weniger Abgeordnete zugegen; vorsichtshalber hat der Bundestag entschieden, dass die Volksvertretung bereits bei einer Anwesenheit von 25 Prozent der Abgeordneten beschlussfähig ist. Früher waren es 50 Prozent. In den Bundestagsausschüssen ist die Zuschaltung einzelner Mitglieder per Video ebenso möglich wie das Herbeiführen sogenannter „Umlaufbeschlüsse“, das ist quasi eine Abwandlung der Briefwahl. Fraktions- und Landesgruppenarbeit laufe nun in vielen Fällen über Videokonferenzen und per Telefonschaltung; Grüppchenbildung auf den Fluren sehe nun seltsam distanziert aus und bei Abstimmungen würde peinlich exakt vermieden, dass sich Abgeordnete um die Urnen scharten. „Social distancing“, noch so ein modisches Neudeutschwort, wird vorexerziert. 

Distanz herrscht inzwischen auch im Wahlkreis. Üblicherweise sind Abgeordnete in den Nicht-Sitzungswochen dort anzutreffen, wo sie sich zur Wahl gestellt haben. Munter wechseln sich dann Firmen- und Rathausbesuche, Parteiversammlungen und Bürgerbegegnungen ab. Alles perdu in diesen Tagen! „Nichts ist jetzt mehr direkt möglich“, bedauert Tebroke, erzählt aber, dass er nun viele Zuschriften bearbeite. Per E-Mail, WhatsApp und Telefon könne er alle Fragen und Anregungen beantworten. Inzwischen gebe es auch eine Telefonsprechstunde für den Wahlkreis.

Keinen Ersatz gibt es für Reisen dienstlicher und privater Natur. Ein Austausch mit griechischen Parlamentariern im Land der Hellenen – abgeblasen. Der private Osterurlaub in der Dominikanischen Republik, wo man den ältesten Sohn treffen wollte, der derzeit ein Auslandsjahr absolviert – unerreichbar. Sehr entschleunigte Ostern verbrachte Familie Tebroke deshalb zu Hause. 

Quasi nebenbei hat Tebroke noch die akute Notlage der Jugendherbergen und konfessionellen Ferienheimen auf dem Tisch. Er ist Vorsitzender des Katholischen Arbeitskreises für Familienerholung und der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung, vertritt damit Familienheime bundesweit – und alle haben das gleiche Problem. Sämtliche aktuellen Buchungen sind zusammengebrochen, Stornierungen treffen bereits bis in den Herbst ein. „Wir sind nicht auf der Liste der schützenswerten Unternehmen. Wenn Corona vorbei ist, werden wir nicht mehr da sein.“ Heißt: Tebroke, tu was. Aber was?

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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