„Hab’ Kevin, den Friseur, mehr vermisst als meine Frau“

Hückeswagen Ihm ist die Zeit der Schließung nicht lang geworden, aber nun steht er wieder in seinem kultigen Friseursalon, der früher „City-Haarmoden“ hieß und sich heute „Kevins Barbershop“ nennt. An der Islandstraße 51 betreibt Kevin Gedert (34) sein Barbiergeschäft; seit dem vergangenen Montag herrscht absoluter Hochbetrieb – ab diesem Tag durften Friseure nach sechswöchiger Zwangspause wieder öffnen. Im 20-Minuten-Takt treffen Männlein und Weiblein ein, denen Mähnen gewachsen sind, denen die Haare zu Berge stehen, die nach gescheiterten Selbstversuchen danach trachten, wieder zivilisiert und gut frisiert unter die Leute zu gehen.

Mit seinem Auszubildenden Kian Ibrahim nimmt Kevin Gedert einen nach dem anderen dran. „Der Terminkalender ist wirklich gut gefüllt“, sagt der gebürtige Solinger. Ohne Termin gehts nichts – das liegt am großen Andrang, einerseits. Das liegt auch an den eindeutig formulierten Hygienevorschriften, die Friseure zu beachten haben, andererseits. Kunden wie Barbiere müssen Mundschutz tragen. Jeder Kunde muss seine Haaren waschen lassen; Trockenschnitte sind nicht mehr statthaft. Für jeden Kunden muss ein eigener Umhang vorhanden sein, der nach dem Haarschneiden in die Wäsche geht.

Die Sache mit den Terminen hat „Kege“, also Kevin, bestens im Griff. Kunden konnten sich über seine Homepage, seine Facebookseite und über den aufs Handy umgeleiteten Festnetzanschluss anmelden. „Ich hatte den Terminkalender auf dem Sofa liegen und habe auch, als die Öffnung noch nicht klar war, fleißig die Telefonnummern der Anrufer aufgeschrieben.“ Drum konnte er sofort loslegen und Termine machen, als der regierungsamtlich zugebilligte Starttag bekannt war.

Und was hat das mit „Kege“ auf sich? Das ist sein Künstlername, denn Kevin macht – er ist erkennbar stolz – „Mucke“. Er rappt und hat sich während der Schließung in sein Hobby gekniet, war bei einem Deutschrap-Produzenten. Daraus wurde ein Video, das Kevin mit seinen Bros rappend im Barbershop zeigt. Sehenswert!

Kevin, der rappende Friseur im Youtube-Video.

 Auch Malin, seine vier Monate alte Tochter, hat während der Schließung Papas volle Aufmerksamkeit genießen können. Kevin hatte Zeit fürs Kind und für seine Verlobte Vanessa – nach acht Jahren der Selbstständigkeit, in denen Urlaub und Freizeit rare Güter waren, taten das Kuscheln mit der Neugeborenen, das Beobachten, zarte Spielen gut. „Ohne die Auszeit hätte ich das nie gekonnt“, freut sich der Friseurmeister.

Und auch das geschah: In der Schließung entwickelte der Barbier Pläne für eine behutsame Renovierung des Salons, in dem auf angenehme Weise die Zeit stehengeblieben scheint. Kevin Gedert startet aus der Corona-Zeit alles andere als geduckt, sondern mit großer Motivation und dem Elan, den ihm auch seine Kunden vermitteln. Da sind („Schocktherapie!“) manche Selbstversuche, die er zu Gesicht bekommt, Experimente, bei denen Partner, Freunde oder gar die Betroffenen selbst Haarschnitte wagten und scheiterten. Und da sind Kunden, die freimütig bekennen, sich nach Kevin mehr zu sehnen als nach ihrer Ehefrau. Und spätestens da wird klar, dass der Friseurberuf systemrelevant ist.

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Hinterlasse einen Kommentar