Geschichts-Radeln auf der Panorama-Bahn

Gummersbach Der Bergische Panorama-Radweg zwischen Hattingen und dem Siegerland ist inzwischen legendär. Filetstück des Fern-Radweges ist indes der Alleen-Radweg auf der ehemaligen Bahntrasse zwischen Dieringhausen und Olpe. Zwei Männer, die die Eisenbahngeschichte kennen wie keine anderen, arbeiten jetzt an einem Bahn-Radwandern auf den Spuren der Dampfrösser.

Horst Kowalski und Axel Johanssen, der eine aus Bergneustadt, der andere aus Gummersbach-Derschlag, sind inzwischen das, was man gereifte Herren nennt. „Wir machen jetzt bald 50 Jahre in Eisenbahn“, schmunzelt  Johanssen über die Quasi-Goldhochzeit der beiden Begeisterten. Sie lernten sich 1970 im ehemaligen Kaufhaus Schramm kennen. Dort wurde in der Adventszeit stets eine große Märklin-Modellbahnanlage aufgebaut und von den Modell-Eisenbahnfreunden Gummersbach betreut. Zu denen gehörte damals schon Horst Kowalski, der ältere der beiden. Johanssen, Fahrschüler, bahninteressiert, schaute sich den Spaß an und leckte Blut, zumal auch sein Lehrer Paul-Wilhelm Dick Modellbahner war und es unterstützte, dass sein Schüler zu der Hobbytruppe stieß. Axel, der Jüngere, und Horst,der Ältere, wurden Freunde und kümmerten sich fortan gemeinsam um die kleine wie die große Eisenbahn — insbesondere um die vor der Haustüre. 

Daraus entwickelte sich eine private Enzyklopädie zur Eisenbahnstrecke von Dieringhausen über Derschlag, Bergneustadt, Hützemert und Drolshagen nach Olpe. Zu unzähligen Fotos gesellen sich gefühlt doppelt so viele Geschichten zur Bahn- und Industriegeschichte im Agger-, Dörspe- und auf westfälischer Seite dem Rose- und dem Biggetal. Die beiden Männer verfügen über eine so gut wie lückenlose Chronik der Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte über rund 150 Jahre. An dieser Kombination aus Geschichtsinteresse, Rad- und Bahnerlebnis basteln die beiden und organisieren für die Zeit nach der Corona-Krise ein historisch angelegtes Radwandern auf der alten Trasse, die herrliches Fahren auf beschatteten Wegen ebenso bietet wie weite Ausblicke über das Grenzland zwischen Rheinland und Sauerland.

Nun ist geplant, an einem noch zu bestimmenden Wochenende eine zweitägige Radtour in die Historie zu unternehmen. Auf der alten Bahntrasse geht es von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, von Bahnhof zu Bahnhof, von Schautafel zu Schautafel.  Die beiden Männer wollen unterwegs wieder und wieder ihr Tablet zücken und Bilder und Histörchen aus alten Zeiten präsentieren. Dann werden sie erzählen, wie es dort früher war, als die Dampfrösser noch den Rhythmus in den Tälern bestimmten. Horst Kowalski schwelgt in Erinnerungen an die legendären Stahltiere der Baureihen 52, 56, 74, 86, 93 und 94 oder an die preußische P 8, spätere Baureihe 38.  

Axel Johanssen, der Jüngere, bietet Zeugnisse der Dieseltraktion auf: V 36 und V 100, also 211 und 212, Schienenbusse und geschobene Wendezüge. Es war schon mächtig was los auf dieser 1903 vollendeten Eisenbahn, bis der Niedergang bis zur völligen Demontage der Schienen einsetzte.

Aber zurück zur Historien-Radelei auf der Alleen-Trasse: Zwei Tage sind angesetzt und die erste Etappe soll von Dieringhausen bis nach Hützemert führen. Bis man dort ankommt, geht es ab Wiedenest und Pernze eine knackige Steigung hinauf und durch den 724 Meter langen Wegeringhauser Tunnel. In dem befindet sich die Wasserscheide zwischen Rhein und Ruhr – und hinter dem Tunnel kommen der Kulturbahnhof Hützemert und das Hotel Wigger. Die Locations wollen genutzt sein: „Im Kulturbahnhof planen wir einen Bildervortrag und das Abendessen ; im Hotel werden wir übernachten.“ Zu dem Bilderabend sollen weitere lokale Eisenbahnfotografen dazustoßen, unter anderem der regional bekannte Experte Sascha Koch.

Am nächsten Tag, dem Sonntag, wird die Rad-Exkursion dann weitergehen über das sauerländische Drolshagen  bis ins kurkölnische Olpe am Biggesee. „Von dort aus kann man mit dem Zug über Finnentrop nach Hause fahren oder den Alleen-Radweg wieder zurück nach Dieringhausen nehmen – es geht ja fast nur bergab.“ 

Im sozialen Netzwerk Facebook hatte die Fahrradtour bereits Wellen geschlagen, als durch die Corona-Krise Veranstaltungen und größere private Treffen jedweder Art abgeschaltet wurden. Sobald die schwere Zeit vorbei ist, werden die Planungen wieder aufgenommen – und sei es für 2021.

Für die beiden Männer ist es eine Reise in die eigene Jugend und für jene, die sich bereits angemeldet hatten, eine Fahrt zu „Lost places“, zu Zeugen der Industriekultur und eine Spur von Abenteurer-Erlebnis auf dem Fahrradsattel. Mag sein, dass mancher, der demnächst mitfährt, sich selbst auf einem 45 Jahre alten Bild wiedererkennt: mit  Jeans und Parka, langer „Matte“ und ein paar Pfund leichter.  Prädikat: Spannendes Vorhaben in jeder Form. Anmeldung bei: Axel Johanssen, mail@johanssen.de

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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