Furchtlos, aber mit gehörigem Respekt

Gummersbach Ein Satz sagt alles. „Da ist kein Vergleich zwischen Influenza und Corona — bei der Influenza sterben uns ja nicht 800 Personen pro Tag unter den Händen weg.“ Anja Klaas, Fachkraft für Hygiene und Infektionsprävention am Klinikum Oberberg, hält es mit Kanzlerin Merkel: Es ist ernst, also nehmen Sie es ernst.

Mit der Hygienikerin und der Leiterin der Hauswirtschaft am Klinikum, Ute Müller, sprach der Bergische Bote über den Krankenhausbetrieb nach dem Einzug des Corona-Virus nach Mitteleuropa. Unser Thema: Wie Hygieniker & Reinigungskräfte im Klinikum Oberberg die Corona-Pandemie im Zaum halten.

Schon früh war man in Gummersbach auf Draht, Klaas: „Der neue Erreger war mir aus den Medien bekannt, seit ich am 7. Januar davon las. Danach haben wir uns bereits auf dem Laufenden gehalten, bevor noch etwas Offizielles kam.“

Hellsichtig verdoppelte die für die Beschaffung zuständige Krankenhausapotheke die Lagerbestände für Schutzkleidung und Desinfektionsmittel ­– das sind u.a. monatlich 10.000 Schutzkittel, 1.000  FFP-Masken, 25.000 OP-Masken und 15.000 Liter Händedesinfektionsmittel. Und vorausschauend wurde eine Arbeitsanweisung erstellt, welche speziellen Hygienemaßnahmen zu ergreifen seien.

Als aus Italien Fernsehbilder von Krankenhäusern in kriegsähnlichen Lagen nach Deutschland flimmerten, spürte man in Gummersbach, wie richtig man gelegen hatte: „Da wussten wir, dass es schlimm werden konnte. Furcht hatten wir vor der Karnevalszeit, die uns das Genick hätte brechen können ­– viele Menschen eng bei eng, Alkohol, Bützchen, dazu noch Influenza- und Noroviruszeit.“ 

Und im Kreis Heinsberg kam es genau so: Karnevals-Erkrankte und infiziert zurückgekehrte Fasteleer-Flüchtlinge sorgten für eine Corona-Welle, die diese Region und ihre Krankenhäuser niederwalzte.

„Wir waren da schon sehr gut vorbereitet, haben auch immer wieder Schutzkleidung nachbestellt und begonnen, in der Krankenhausapotheke Desinfektionsmittel selbst herzustellen.“ Bis auf den heutigen Tag ist das Klinikum ausreichend versorgt, hat aber auch Ressourcen kontingentiert. Die PE-beschichteten   Schutzkittel sind jetzt ausschließlich dem Personal vorbehalten; Besucher bekommen  Kittel, die aus einfacherem Material bestehen.

Seit zwei Monaten tagt im Klinikum erst täglich, später jeden zweiten Tag ein Krisenstab aus allen Organen der Krankenhausleitung, der Chefärzte und der Pflegedienstleitung. Die Arbeitsanweisung, die  u.a.  detaillierte Aussagen zu Schutzmaßnahmen und -kleidung, Desinfektion, den Umgang mit Verstorbenen macht, wurde täglich erneuert, da immer wieder neue Informationen vom Robert-Koch-Institut und von Laboren eintrafen.

Indes: „Solche Arbeitsanweisungen sind in der Hygieneabteilung das normale Geschäft im Umgang mit Erregern und Infektionskrankheiten“, sagt Anja Klaas. Man habe zudem Rückgriff auf frühere Alarmpläne, z.B. für den Ebola-Träger, nehmen können. Sie persönlich,  bei den Kliniken seit fast 30 Jahren tätig,  habe keine Angst vor dem Corona-Virus: „Wir wissen, was zu tun ist und wie wir uns schützen müssen.“ Ihre Kurzformel: „Angst nein, Respekt ja!“ 

Ute Müller, die Leiterin der Hauswirtschaft und zuständig u.a. für den Reinigungsdienst, stößt ins gleiche Horn: „Das Schwierigste war eigentlich, die Mitarbeiter zueinander auf Abstand zu halten, auch in der Kantine.“ Dort wurde die Hälfte der Stühle weggestellt, um Distanz zu schaffen.

Das Kollegium auf die neue Bedrohungslage einzuschwören, sie nachzuschulen und auf den Stand der Dinge zu bringen, sei business as usual gewesen. Danach sei es darum gegangen, auf den professionellen Umgang mit den Vorgaben zu achten und latent vorhandene Besorgnis zu nehmen, denn ja: „Es kamen Fragen auf und auch Ängste, denn ganz zu Beginn war nicht einzuordnen, was uns bevorstand.“

Diese Besorgnis herrschte noch in weit größerem Umfang in der Bevölkerung. Dr. Anja Maria Dohrmann, im Klinikum für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, hat ihre Beobachtungen im Volke gemacht: „Am Anfang waren alle voll auf Alarm. Inzwischen lernen die Leute, mit der Situation umzugehen.“

Geholfen hat den Oberbergern ein Bürgertelefon, das im Klinikum eingerichtet wurde. Anja Klaas: „Am Apparat ist ein Internist, der die Frage beantworten kann, ob eine Erkältung harmlos ist oder sich dahinter Corona verbergen könnte.“ Ein spezieller Anamnesebogen wurde entwickelt, um zu klären, ob ein Anrufer als Corona-Patient infrage käme. So gelang es, Furcht zu nehmen und nur tatsächliche Corona-Gefährdete zu einem Test in speziell dafür vorgesehene und über separate Zuwege erreichbare Behandlungsräume vorzuladen.

In der eigens eingerichteten Station ­– dort geht es sehr ruhig, unaufgeregt zu ­– macht Dr. Thomas Rojnar in Schutzkleidung Abstriche, die die Voraussetzung für Corona-Tests sind. Von hier aus gibt es einen eigenen Aufzug zur Isolierstation, der keine Berührung mit anderen Abteilungen des Hauses hat. Apropos Isolierstation: Um für alle Fälle gewappnet zu sein, hält das Klinikum Oberberg eine zusätzliche Isolierabteilung in Bereitschaft; hier wurden weitere Intensivbetten vorbereitet. Gebraucht wurde das alles gottlob noch nicht. 

Auch Evgenia Eva, Mitarbeiterin im Reinigungsdienst, ist vorbereitet auf Eventualitäten. Wir treffen sie auf einer der Isolierstationen, wo sie mit Putzwagen und Handwerkszeug Patientenzimmer und Flure reinigt. In ihrer Schutzmontur wirkt sie ein wenig wie ein Wesen aus dem All, für sie aber ist der Umgang mit einer sensiblen Krankenhausumgebung nur zu normal. Wie und mit welchen Mitteln bei welchem Befund der Patienten ein Raum zu reinigen ist, steht in einem bebilderten Handbuch. Die „Scheuer-Wisch“-Fachkraft trägt Schutzkittel, Haube, eine FFP-2-Maske ohne Filter, Schutzbrille und Handschuhe.

Nochmals Hygiene-Teamleiterin Anja Klaas: „Wir sind die Sache mit Respekt, alles andere als tiefenentspannt, angegangen, haben es ernst genommen.“ Da lässt, mit Verlaub, die Bundeskanzlerin mit ihrem Wort vom Ernst der Lage grüßen. Das Klinikum Oberberg jedenfalls ist nicht schlecht gefahren mit dieser hellwachen Achtsamkeit.

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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