Ausnahmezustand bei Konserven, Klopapier, Kasse

Kürten Wann das alles begonnen hat? Margit Köser, Sekretärin, rechte Hand des Chefs, gute Seele im Rewe-Markt Koll in Bechen, denkt nach. War das, als bei Webasto im oberbayerischen Stockdorf ein Mitarbeiter als erster deutscher Corona-Infizierter gemeldet wurde?  War das, nachdem im Kreis Heinsberg soeben noch fröhliche Karnevalisten als Corona-Patienten in die Krankenhäuser eingeliefert wurden? War das, als die Schulen und Kindertagesstätten geschlossen wurden? „Das kommt einem alles surreal vor; seit mindestens drei Wochen dauert der Zustand an“, überlegt die Kauffrau laut – und sagt dann, die Zustände im Lebensmittel-Einzelhandel seien so unglaublich, seit sich das Bewusstsein in die Gehirne der Bundesbürger gefressen habe, dass da eine unheimliche Krankheit unterwegs sei. Spätestens, als die Kanzlerin sagte, „Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst.“ Endgültig da wurden Toilettenpapier und Hefe, H-Milch, Speiseöl, Mehl und Zucker knapp. 

Wobei: „Knapp“ ist das falsche Adjektiv. Immer sei Ware vorhanden gewesen, immer sei nachgeliefert worden – in der über Jahre als praktikabel und bewährt erkannten Menge. Doch über Nacht hatte sich der Bedarf vervielfacht. Die Deutschen hatten begonnen zu hamstern und die Bergischen verhielten sich exakt wie alle Bundesbürger. Und seitdem herrschen im Lebensmittel-Einzelhandel Zustände, die die Krise sichtbar machen. Nochmal: Es gibt Ware, nichts ist wirklich rar. Doch es gelingt auch im Koll’schen Markt kaum, die ankommenden Lieferungen in die Regale zu räumen. 

Dienstags und freitags kommen in Bechen Transporte aus dem Rewe-Hauptlager an. Jedes Mal, Margit Köser schwört auf Ehre und Gewissen, seien zum Beispiel Klopapier und Mehl auf dem großen Laster. Es dauere nach dem Hineinschieben in den Marktbereich aber keine Stunde, bis die Lieferbestände vergriffen seien. „Ich glaube, dass die Leute, die zu Hause sind, aus Langeweile backen“, sagt sie mit müden Augen. „Wir alle arbeiten am Limit.“

Der Boten-Reporter ist in der Karwoche in den Markt gekommen; in diesen Tagen kommen drei Faktoren zusammen. Restaurants, Gaststätten, Kantinen sind geschlossen – niemand kann sich dort versorgen. Normale Einkäufe fallen durch Hamsterkäufe umfangreicher aus. Wegen der bevorstehenden Osterfeiertage, die als Einkaufstage ausfallen und obendrein dazu verlocken, Besonderes auf den Tisch zu bringen, herrscht Kaufrausch. Der Druck auf den Markt ist physisch zu spüren; die Luft im Laden scheint zu knistern.

Passierscheine vorbereitet

Über Nacht ist der Rewe-Markt zu einer systemrelevanten Einrichtung geworden. Im Tresor des Geschäftes liegen vorbereitete Passierscheine, mit denen die Mitarbeiter im Falle einer Ausgangssperre an Straßensperren und Checkpoints durchgelassen würden. Und im Markt selbst hat Inhaber Thomas Koll Maßnahmen ergriffen, auch dann, wenn ein Mitarbeiter erkrankte, eine Schließung zu verhindern. „Der Chef hat das Personal in vier Gruppen geteilt, die keine Berührung mehr miteinander haben“, berichtet Margit Köser. Es gebe nun die Personalgruppen Getränkemarkt, Fleisch – Wurst – Käse, die Auffüller, die nur noch sonntags und nachts arbeiteten, sowie die Kassierer, Verkäufer im Markt und Organisatoren. 

In Reserve gehalten würden ein Metzgermeister und der stellvertretende Marktleiter – weil beide freigestellt sind, können sie im Notfall sofort einspringen, wenn Thomas Koll oder der „amtierende“ Metzgermeister ausfallen sollten. Unter allen Umständen soll verhindert werden, dass sich der Bechener Rewe-Markt aus der Versorgung der Bevölkerung abmelden  muss. „Das oberste Ziel unseres Chefs ist die Gesundheit des Personals“, erklärt Margit Köser weiter. Deshalb seien schon sehr früh Plexiglas-Abtrennungen an den Kassen eingebaut worden, hätten die Mitarbeiter T-Shirts mit der aufgeflockten Bitte, 1,50 Meter Abstand zu halten, bekommen. Und überall findet man Schilder, die um Distanz bitten. „Die gab’s bei der Rewe-Zentrale.“ Ein Security-Mitarbeiter regelt in der Spitzenzeit das Rein und Raus. 

„Damit alle etwas bekommen“

Und im Markt läuft nun alle paar Minuten eine Bandansage. Man möge Abstand halten und Rücksicht aufeinander nehmen. Und vor allem solle man nicht hamstern. Dies hört man: „Damit alle etwas bekommen.“

 Viele Kunden nehmen das alles sehr wörtlich und kaufen nicht mehr selbst, sondern nutzen den Online- oder Lieferservice. Man kann im Internet seine Bestellung aufgeben, auf dass Mitarbeiter des Marktes die Waren zusammenstellen und an einem Ausgabe-Kassenschalter parat legen. „Früher nutzten das drei bis fünf Kunden pro Tag, jetzt sind es 50 bis 60.“ Da fällt die junge Frau mit Tattoo und Mundschutz ins Auge, die für einen größeren Betrag Waren am Onlinetresen im Empfang nimmt, im Blick erkennbare Berührungs- und Begegnungsfurcht. „Bei dieser Art der Bestellung vermeidet man Kontakte im Laden“, nur mit dem Ausgabe-Mitarbeiter trete man in Beziehung. Margit Köser weiß, wovon sie spricht.

Nicht minder boomt der Lieferservice des Marktes. Jeweils mittwochs und donnerstags fährt ein Kurier des Rewe-Marktes bestellte Waren aus. „Weil wir nicht mehr nachkommen und gar nicht mehr die Zeit haben, sind telefonische Bestellungen jetzt nicht mehr möglich“, bedauert Sekretärin Köser. Nur schriftliche Bestellungen würden ausgeführt. Jetzt gibt es Orderschreiben per E-Mail, als Facebook-Messenger-Meldung oder per Post. Und ja, es gibt auch handschriftliche Bestellungen, die ältere Bürger von den Enkeln zum Markt bringen lassen und in einigen Fällen sogar Listen per Post. Inzwischen wurde ein zweiter Auslieferungsfahrer engagiert, um alle Lieferwünsche befriedigen zu können. „Für den Lieferdienst und den Online-Abholdienst sind immer drei bis vier Mitarbeiter im Markt unterwegs, die die Bestellungen konfektionieren.“ 

Auch eine Ehrenamtliche hilft

Generell hat die Betreiberfamilie Koll das Personal im Markt aufgestockt. 50 Männer und Frauen arbeiten in Voll- und Teilzeit im Markt; neun neue Mitarbeiter wurden eingestellt. „Wir haben sogar eine Ehrenamtliche bei uns“, berichtet Margit Köser. Die Dame helfe normalerweise bei der Tafel; nun unterstütze sie den neuen Auslieferfahrer – und sie wolle partout nicht entlohnt werden. Auch die IG Bechen habe sich angeboten, den Koll’schen Markt zu unterstützen, um die Versorgung der Bürger zu gewährleisten. Denn „wir sind alle am Limit, alle am Rande des Möglichen.“ 

Das tempogesteigerte „Rein“ und „Raus“ von viel mehr Waren bringt die Infrastruktur an ihre Grenzen. „Wir bekamen gerade Molkereiprodukte. Üblicherweise sind das sechs oder sieben Rollis.  Jetzt kamen 18 Rollis, die wir nur durch sofortiges Umpacken in die Kühlung in unsere Halle hineinbekamen.“ Indes: Die Massen verkauften sich umgehend, lagerten nicht lange in den Vorratsräumen des Rewe-Marktes.

Der Bedarf bleibt gewaltig, der Druck lässt nicht nach. Klopapier wird jetzt rationiert. „Jeder Kunde bekommt nur ein Paket.“ Kochzeitschriften und Illustrierte boomen als Mittel gegen Langeweile und als inspirierende Anleitung zum ‚Erstmals-selbst-Kochen‘ gleichermaßen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Verkaufseinrichtung wird bereits um sechs Uhr morgens geöffnet und erst um 22 Uhr geschlossen.

 Die erste und die letzte Stunde der Ladenöffnung ist Risikogruppen vorbehalten. Die acht Stunden der Nachtzeit werden gebraucht, das Geschäft zu pflegen. Der Reinigungswagen wienert den Fußboden. Die Auffüller räumen ein, was das Zeug hält. Morgens soll der Markt wieder proper sein, so gut es eben geht.

Und das frisch gelieferte Klopapier wird um 8 Uhr bereits wieder „geplündert“ sein, allen Vorkehrungen und Kontingentierungen zum Trotz. „Und wenn wir auch kaum nachkommen, halten wir durch“, sagt Margit Köser ein bisschen energisch und auch ein bisschen trotzig.   Der systemrelevante Betrieb der Nahversorgung bleibt am Netz. Bei der Ehre des Kaufmanns – das ist versprochen!

Gebürtiger Remscheider und ans Zeitungsmachen gekommen beim Remscheider General-Anzeiger: Stefan Aschauer-Hundt lernte beim "Tüpitter", war Pressesprecher bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Redakteur der Westdeutschen Zeitung und langjähriger Redaktions- und Technikleiter des Süderländer Tageblatt im Sauerland. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung war er Mitglied im Projektteam Lokaljournalisten, einem Inkubator für journalistische Innovation. Stefan Aschauer-Hundt ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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