Depri: Müde, wenn der Frühling kommt?

Müde wenn der Frühling kommt

Marienheide Wenn nach den kalten, dunklen Wintertagen die Sonne hinter den Wolken hervorkommt, wenn draußen Krokusse und Narzissen sprießen, fühlt sich fast jeder zweite Deutsche erst einmal schlapp. Trotz ausreichendem Schlaf ist man müde, antriebslos und oftmals gereizt. Dahinter steckt die Umstellung des Körpers von der kalten Winterzeit auf den Frühjahrsmodus, auch Frühjahrsmüdigkeit genannt. Draußen wird es wärmer und heller, unser Körper registriert diesen Wechsel und fährt nach der winterlichen Melatonin-Produktion nun die Ausschüttung des Hormons Serotonin hoch. An die wärmeren Temperaturen gewöhnt er sich nur langsam und reagiert mit einer Erweiterung der Blutgefäße, als Folge sackt der Blutdruck ab. Und das macht uns müde. Dem sollten wir nicht nachgeben, sondern an die frische Luft gehen. Körperliche Bewegung in der Sonne kurbelt die Produktion des Glückshormons Serotonin an. Nicht umsonst fällt auch die österliche Fastenzeit in den Frühling. Eine kleine Fastenkur unterstützt den Körper beim Entschlacken und bringt neue Energie. Der kleine Neustart zum Frühling dauert üblicherweise um die 14 Tage.

Doch was, wenn bleierne Müdigkeit, Niedergeschlagenheit und fehlende Motivation nicht verschwinden wollen? Wenn die Aufbruchstimmung von Natur und Mitmenschen eher nervt und man sich am liebsten zu Hause verkriechen will? Wenn man sich müde fühlt und trotzdem nicht schlafen kann? Wenn man bis nachts um 3:00 Uhr alleine vor dem Fernseher hockt und keine Freunde mehr trifft? Wenn man seine Schwermut auf die ständigen Kopfschmerzen schiebt und sich krankschreiben lässt, weil man nicht aus dem Bett kommt? Was dann? Dann ist die Chance groß, das man vom Hausarzt einen Stimmungsaufheller verschrieben bekommt, der eigentlich ein Antidepressivum ist. Aber natürlich ist man nicht depressiv, nein, maximal hat man einen kleinen Burn-out. Jedenfalls ist man in bester Gesellschaft, denn mit über 1,4 Milliarden verschriebener Tagesdosierungen waren Antidepressiva 2016 in Deutschland die mit Abstand am häufigsten verordneten Psychopharmaka.

Dass sich eine Depression hinter Kopfschmerzen oder anderen Symptomen versteckt, für die der Hausarzt partout keine körperlichen Ursachen finden kann, nennt die Kürtener Diplom-Psychologin Andrea Schaal „Somatisieren – wenn der Körper den Schmerz der Seele ausdrückt“. Denn Depressionen haftet noch immer das Stigma der Verrücktheit an, etwas, das mich selbst nicht betrifft, sondern immer nur andere anfällt. Dabei schätzt die WHO die Zahl der Menschen mit Depressionen in Deutschland auf 4,1 Millionen. Andere sprechen von deutlich mehr als fünf Millionen Menschen mit einer behandlungsbedürftigen Depression. Die Zahl sich seit 2000 damit mehr als verdoppelt. Immer häufiger sind bereits Kinder und Jugendliche betroffen.

Für die Paartherapeutin Schaal ist das der Preis, den unsere moderne Gesellschaft zahlt: „Der Hintergrund einer Depression ist das tiefe Erleben einer Unverbundenheit“. Die Individualisierung einer Gesellschaft, die Wert darauf legt, dass es in erster Linie dem Einzelnen gut geht, nicht der Familie, nicht der Gemeinschaft, führt unweigerlich zu einer Ellenbogenmentalität. „Ich stehe im Mittelpunkt, ich muss es schaffen, alleine, bis ganz nach oben. Vielleicht mit einem Ehepartner, weil es sich so gehört, oder einer hübschen Frau, mit der man sich schmücken muss, um auf der Karriereleiter vorwärts zu kommen. Aber das ist so sinnentleert, dass wir versuchen das zu überdecken, durch Arbeit, durch Alkohol, durch Drogen, durch Shoppen. Aber irgendwann reicht das nicht mehr aus und die Angst und Einsamkeit, die Depression, die langsam im Untergrund entstanden ist, gewinnt die Oberhand.“

Großbritannien hat seit 2018 ein Ministerium für Einsamkeit. Ministerin Tracey Crouch spricht „von einer generationenübergreifenden Herausforderung“. Die Hälfte der über 75-Jährigen in Großbritannien lebt allein, etwa 200.000 Senioren hätten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten. Insgesamt leiden neun Millionen Briten unter Einsamkeit. Das Rote Kreuz spricht von einer Epidemie im Verborgenen. Die Krankheit nimmt Züge an, die nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern auch die Wirtschaft des Landes gefährden. Für Schaal ist das „Kuschelministerium, das Leute rausschickt, um einsame Menschen zu berühren, in den Arm zu nehmen, mit ihnen eine Verbindung einzugehen“, auch ein Beispiel für Deutschland, „weil auch bei uns die Depression auf dem Vormarsch ist“. Sie sagt: „Wir sollten uns darauf besinnen, dass das, was unserem Leben einen Sinn gibt, die gesunde Verbindung mit anderen Menschen ist“. Ihr Marienheider Kollege Professor Dr. Reinhard Maß versteht unter Depression „eine Folge von belastenden und meistens chronischen Lebensbedingungen“. Wenn bei der Arbeit, in der Beziehung oder Familie starke Belastungen auftreten, sei es nicht verwunderlich „wenn ein Mensch irgendwann depressiv wird, es wäre eher komisch, wenn nicht“.

Maß hat Ende 2019 mit vier Kollegen vom Klinikum Oberberg (Zentrum für seelische Gesundheit) in Marienheide eine international beachtete Studie vorgelegt. In der Erhebung wurden zwischen 2012 und 2017 insgesamt 574 Frauen und Männer psychotherapeutisch begleitet und befragt. Dabei machten die Probanden detaillierte Angaben zum Grad ihrer Traurigkeit, zu den Themen Schuldgefühle, Schlafgewohnheiten, Suizidgedanken, Sexualität. Das Anliegen der Untersuchung war festzustellen, wie weit eine vollstationäre Behandlung bei Depressionen hilft. „Wir wollten herausfinden, wie wirkt das Gesamtpaket“, sagt Maß, „mit Gruppenarbeit, Einzelgesprächen, pflegerischen Angeboten, Ergotherapie und medikamentöser Behandlung“.

Was Antidepressiva betrifft, war das Ergebnis überraschend. „Ich selbst habe Patienten Antidepressiva verschrieben“, sagt Maß, „Ich war keiner von denen, die gesagt haben, nein, auf gar keinen Fall. Deswegen war für mich die Überraschung so groß – dass wir null Heilungseffekt erzielt haben.“ Der Psychologieprofessor sitzt in seinem kleinen, aufgeräumten, leicht unterkühlten Büro mit Blick auf den Park, in dem die Klinik steht. Draußen moderne, eingeschossige, verstreut liegende Bauten mit den Patientenzimmern. Er wirkt noch immer überrascht, als er wiederholt: „Ich habe immer gedacht, dass Antidepressiva nicht stark wirken, aber ein bisschen Wirkung muss da sein und dann fanden wir – gar nichts. Wir haben nicht feststellen können, dass Antidepressiva in irgendeiner Weise antidepressiv wirken“.

Depression

Sich zu Hause verkriechen macht alles nur noch schlimmer.

Trotzdem zeigt er Verständnis für Ärzte, die Antidepressiva verschreiben. „Eine Tablette, die einem leidenden Kranken sofortige Linderung verspricht, ist ja für alle Seiten eine Entlastung“. Weniger Verständnis hat er für die Hersteller der Psychopharmaka: „Der O-Ton aus den Marketingetagen der Pharmaindustrie ‚Depression ist so etwas wie ein Schnupfen des Gehirns, da muss man einfach nur Medikamente geben und da gibt es nichts weiter zu verstehen‘, das ist ein Irrtum“. Das hat seine Studie bewiesen. Auf die Frage, ob er sich mit der Studie große Feinde gemacht habe, antwortet er gelassen: „Es ist nicht jeder glücklich über solche Ergebnisse“. „Es gibt das medizinische im Unterschied zum psychologischen Krankheitsmodell“, sagt Maß, „Es kommt immer darauf an, wo ist was angemessen. Wenn jemand einen Knochenbruch oder eine Entzündung hat, dann passt das medizinische Störungsmodell. Da war vorher ein Zustand, den man als gesund bezeichnen kann und die medizinische Maßnahme soll diesen Zustand wieder herstellen. Dasselbe Model angewendet auf Depression passt aber nicht. Weil der Zustand davor überhaupt erst zur Depression geführt hat. Unser Anspruch ist, uns erst einmal sehr viel Zeit zu nehmen, um herauszufinden, warum dieser Mensch krank geworden ist und warum ist er nicht von alleine schon längst wieder gesund geworden?“

Maß illustriert es mit einem Beispiel: „Eine Depression mit einer Tablette einfach wegmachen zu wollen ist so, als würde man Hunger nur als physiologischen Zustand begreifen, bei dem durch den niedrigen Blutzuckerspiegel ein Hungergefühl entsteht. Wir könnten dem Patienten ein Präparat geben, das den Blutzuckerspiegel erhöht, dann ist der Hunger weg, alles gut. Das Ergebnis ist, der Patient wird verhungern. Die Behandlung von Hunger besteht darin zu essen. Die Behandlung von Depression besteht darin, das, was die Depression verursacht hat, die Bedingungen, unter denen die Menschen leiden, zu verändern oder sie in die Lage zu versetzen, diese Bedingungen selber zu verändern“.

Wie kommt es dann, dass Antidepressiva, obwohl wirkungslos, der Bestseller in den Apotheken sind? Maß erklärt es mit den zweifelhaften Methoden der Pharmaindustrie. Sie gebe ihr Bestes, damit unliebsame Untersuchungen gar nicht erst veröffentlicht und ihr genehme möglichst mehrfach in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erscheinen. „Publikationsverzerrung“ nennt die wissenschaftliche Fachwelt diese Methode. Maß musste seine Untersuchung in den USA publizieren, weil die deutsche Fachpresse lieber Rücksicht auf die Interessen ihrer Anzeigenkunden aus der Pharmaindustrie nahm.

„Bekannt ist, und das wird auch gerne von der Pharmaindustrie verschwiegen, dass bei Antidepressiva etwa dreiviertel des Medikamenteneffektes auch von einem Placebo, einem Scheinmedikament, erreicht wird“. Die Doppelblindtests, die durchgeführt werden, um die Wirksamkeit von Antidepressiva zu beweisen, entsprächen nicht den wissenschaftlichen Standards, sagt Maß, weil die Nebenwirkungen der Antidepressiva zu gravierend für einen objektiven Test seien und man eigentlich nur den Placeboeffekt teste. Wie stark der Placeboeffekt sein kann, illustriert Maß an einem Beispiel. Ein junger Mann landet nach einem Suizidversuch mit Tabletten in der Notaufnahme. Er zeigt alle Anzeichen einer akuten Vergiftung, Herzrasen, Schweißausbrüche usw. Die Ärzte sind im Alarmzustand und versuchen herauszufinden, welche Medikamente der Patient genommen hat. Es zeigt sich, dass er an einer Medikamentenstudie beteiligt war und seinen ganzen Vorrat an Tabletten genommen hat. Dann recherchiert der Arzt, dass der Patient Teilnehmer in der Placebogruppe war und er nur eine Handvoll Scheinmedikamente geschluckt hatte. Als das dem Patienten mitgeteilt wird, verschwinden die Symptome der akuten Vergiftung innerhalb weniger Sekunden. Aus der Körpermedizin ist bekannt, dass ein Medikament stärker wirkt, wenn es von einem Arzt oder einer Krankenschwester verabreicht wird als wenn eine Maschine es übergibt. „Wir sind soziale Wesen“, sagt Maß, „und der Akt der Zuwendung, ’Ich gebe dir eine Tablette und kümmere mich um dich’ hat enorme Wirkung.“

Was wirkt, ist nicht das Medikament voller Nebenwirkungen, sondern die Kraft des Bewusstseins des Patienten. Und wenn das in schlechter Hinsicht so beeindruckend funktioniert, sollte es auch in guter Hinsicht funktionieren. Hier setzt schließlich die Psychotherapie an. Dem Patienten die Kraft und Methoden zu geben, sich selbst zu erkennen. Maß sprich von Grundüberzeugungen, die viele von uns mit sich herumtragen, ohne dass es uns bewusst ist. Viele dieser Verhaltensmuster haben wir in der Kindheit erworben, aber sie sind in unserer Erwachsenenwelt überflüssig geworden. Maß ist ein Meister praktischer Beispiele und beschreibt eine junge Frau, die sich als Kind vor ihrem gewalttätigen Vater fürchtete und ein Leben lang die Überzeugung mit sich herumträgt: „Ich bin wehrlos“. Sie trägt diese Angst in ihre Ehe und wird ihren Mann ständig kontrollieren wollen, damit keine Gefahr von ihm ausgeht. „Diese Frau braucht eine korrigierende Erfahrung, nur darüber reden hilft nicht“, sagt Maß. Hier wird der Therapeut zum Coach und hilft seinem Patienten, sein Verhalten in der Gegenwart so zu ändern, dass überholte Verhaltensmuster aus der Kindheit keine Macht mehr über ihn haben.

Sein Verhalten zu ändern hilft auch bei Depressionen. „Ein wichtiger Teil ist der Aufbau von Aktivitäten“, sagt Maß, „und es muss noch nicht mal Spaß machen. Wer wartet, bis es wieder Spaß macht, kann warten, bis er schwarz wird. Der Appetit kommt beim Essen. Das ist das wesentliche Merkmal von Depression – nichts zu tun. Wer sich aufrafft, obwohl er keine Lust hat, und für eine halbe Stunde in die Sonne geht, wird feststellen, dass die Stimmung hinterher immer besser ist als vorher.“

www.andreaschaal.de

www.zsg-marienheide.de
Die Studie von Prof. Dr. Maß, veröffentlicht in „Comprehensive Psychiatry“

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.

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