Interview: Atzes echte Gefühle

Atze Schröder im Interview

Gummersbach Im März kommt Atze Schröder nach Gummersbach in die Schwalbe-Arena. Wir sprachen mit dem Beichtvater der Emotionen über seine neue Wahrhaftigkeit.

Bergischer Bote: Herr Schröder, Ihre neue Show heißt „Echte Gefühle“, erwartet uns ein Atze, der mehr über sich selbst nachdenkt?
Atze Schröder: Das auf jeden Fall, auch stellvertretend für viele, die jetzt in meinem Lebensalter angekommen sind und sich die großen Fragen des Lebens stellen.

BB: Sie wollten schon vor Jahren etwas Neues, vielleicht auch mehr Politisches machen. Stichwort: Fake news, fake friends, fake feelings?
Atze Schröder: Genau das ist der Grund, die Show „Echte Gefühle“ zu nennen. Was ist noch echt? Alles Mögliche wird uns versprochen. Alle 11 Minuten verliebt sich… undsoweiter. Was ist noch echt, wenn ich nach Hause zu meiner Perle komme? Ohne Scheiß, ich hab vor Kurzem ein Shampoo gesehen, da stand drauf: „Für langes und verführerisches Haar“. Und so was steht ja überall drauf.

BB: Ich kenne ein Duschgel, das heißt „Überglücklich“.
Atze Schröder: (Lacht) Das nehme ich gleich mit ins Programm. Wir wissen ja, dass das alles gelogen ist, aber man wundert sich überhaupt nicht mehr. Seitenbacher, das Bergsteiger Müsli…

BB: Ja, das ist entspanntes Training am Frühstückstisch.
Atze Schröder: Auch wenn Jürgen Klopp Werbung für Opel Mokka macht. Der Typ verdient 10 Millionen im Jahr, der fährt doch keinen Opel Mokka. Das muss doch jeder wissen.

BB: Also mehr Ehrlichkeit auf die Bühne bringen?
Atze Schröder: Ich sage am Anfang des zweiten Sets zu allen Pärchen, die da sind: Jetzt schauen wir alle mal unseren Partner an und sagen zu uns selbst: „Mehr war nicht drin“. Das ist das Schönste, wenn die Leute über ihre eigene Situation lachen können.

BB: Sie machen mit dem Psychologen Leon Windscheid den Podcast „Betreutes Fühlen“, da wirken Sie viel ernsthafter, sprechen über passive Aggression, Burnout, Einsamkeit und Liebe.
Atze Schröder: Folgender Hintergrund, ich war bei dem Podcast Hotel Matze, der auch schon die Merkel dabei hatte und der über 2-3 Stunden geht. Da hab ich so’n bisschen aufgemacht. Und ich hab‘ in den letzten 10 Jahren auf nichts soviel positives Echo gekriegt wie auf diesen Podcast. Wenn das Publikum das mitgeht, hab ich gedacht, dann hab ich da auch Bock drauf. Dann kam Dr. Windscheid auf mich zu und fragte: „Wir sind beide so unterschiedlich, da könnten wir doch was draus machen?“ War ‘ne gute Idee und seit September machen wir jede Woche einen Podcast zusammen.

BB: Nehmen Sie davon was mit in die neue Show?
Atze Schröder: Ja, partiell natürlich immer – aber es bleibt Comedy, ganz klar. Und als ich damals mal sagte, ich werd‘ vielleicht politischer, da habe ich unterschätzt, dass es ein großes Stammpublikum gibt und die wollen lachen und nicht noch mal mit harten Themen konfrontiert werden. Oder wenn es ein hartes Thema ist, dann muss es lustig sein.
Ich habe eine Nummer gemacht, als neben mir syrische Flüchtlinge eingezogen sind. Meine Autoren haben gesagt, lass es, das kannst du nicht lustig machen. Und es geht doch. Mein neuer Nachbar sitzt bei uns zu Hause mit am Stammtisch, echt ein Supertyp. Ich finde, manchmal muss man so ein Thema unterjubeln.

BB: Sie haben den Chefkameramann von RTL, Winfried von Wilmsdorff, einmal gefragt, wie er mit Stress umgeht…
Atze Schröder: … und er hat geantwortet: „Ich bin Nassrasierer“. Ich denke, was will er denn? Dann sagt er: „Als Nassrasierer bin ich jeden Morgen gezwungen, mich im Spiegel anzuschauen, und danach handele ich“, und das finde ich so eine tolle Maxime, dass man sich morgens im Spiegel anschauen können muss und nicht denkt: Was ist das denn für‘n Penner? Wenn man in den Spiegel schaut und sieht da ein Arschloch, dann fängt der Tag schon scheiße an.

BB: Was unternehmen Sie selbst gegen Stress?
Atze Schröder: Ich meditiere. Das kann man überall machen, im Cafe mal eben für ein paar Minuten die Augen schließen und sich versenken. Das ist, als wenn man im Fahrstuhl absackt. Man weiß nicht, wie lange, vielleicht nur für Sekunden, kommt eine totale Stille und wenn man wieder auftaucht, dann hat man einen Eimer Glück mit hochgebracht. Von irgendwoher muss man schöpfen, irgendwo muss ja frisches Wasser sein.

BB: Können Sie auf der Bühne noch andere Lebensweisheiten vermitteln?
Atze Schröder: Ich glaube, nach 25 Jahren auf der Bühne kann ich das gefahrlos machen. Der Gag mit den Pärchen, die sich anschauen, hat vor 10 Jahren noch nicht funktioniert, aber heutzutage lachen die Leute sich kaputt. Wenn man erst einmal für eine gewisse Frechheit bekannt ist, dann kann man sich mehr rausnehmen.

BB: Dann hat sich Atze Schröder im Laufe der Jahre verändert?
Atze Schröder: Am Anfang war alles comichafter, da ging‘s ja nur um Porsche und Perlen aufreißen. Heute könnte ich einige Nummern von damals gar nicht mehr spielen. Jetzt kann ich den ganzen Strauß aufmachen und auch über Beziehungen reden. Zum Beispiel Patchworkfamilien sind wie Schrottwichteln, man weiß nicht, was man kriegt, man weiß nur, es ist kaputt. Das ist doch geil, wenn man ein Thema so verdichten kann.

BB: Comedy kann harte Arbeit sein. Wieviel Manuskriptseiten mussten Sie für die neue Show auswendig lernen?
Atze Schröder: Ich lerne gar nichts auswendig, um ehrlich zu sein. Die Nummern hab ich im Rechner, die guck ich durch, bevor ich auf die Bühne gehe. Das Wesen von Standup-Comedy ist ja das, böse gesprochen, Rumpfuschen, nett gesprochen Improvisieren. Wir sind ja eher Rampensäue, wir gehen nach vorne an die Bühnenkante und holen uns die Gags vom Publikum.

BB: Da müssen Sie aber ganz schön wach sein.
Atze Schröder: Tja, eIn bisschen Talent hilft.

BB: Wie haben Sie Ihr Talent überhaupt entdeckt?
Atze Schröder: Ich bin eigentlich Schlagzeuger und habe in den Bands immer die Nummern angesagt, weil ich der mit der großen Klappe war. Bis mich die Veranstalter gefragt haben, ob ich nicht mal die Band zu Hause lassen und alleine ‘ne Talentshow moderieren will. Ich werde nie den Moment vergessen, wo ich am Mikro stand und dachte „Mensch, das isses. Es gibt nichts, was dir mehr Spaß macht, als das, was du hier gerade tust.“ Das muss 1991, 1992 gewesen sein. 1995 war ich dann zum ersten Mal bei RTL Samstag Nacht.

BB: Haben Sie damals Schauspielunterricht genommen?
Atze Schröder: Bei den ersten zwei Staffeln für „Alles Atze“ hatte ich ein Coaching mit Peter Clös, der „Im Namen der Rose“ einen Mönch gespielt hat, da kann man sich vorstellen, dass der nicht ganz normal aussieht. Das war auch eher so eine Art Philosophiestudium. Der gab mir Tipps wie: „Atze, jeder hat seine Grenze, aber das Publikum muss nicht wissen, wo die ist.“ Ich habe also meine Ausbildung quasi vor laufender Kamera gemacht.

BB: Sie sind ja bekannt dafür, das Sie Ihr Privatleben unerbittlich abschotten.
Atze Schröder: Das kommt noch aus der Zeit von „Alles Atze“. Da fanden vor unserem Haus Partys statt, mit Kiste Bier und so weiter. Da hab ich so’n bisschen dicht gemacht. Und da das so komfortabel ist, bin ich einfach dabei geblieben.

BB: Was wissen Sie denn über das Bergische Land, wo Sie im März auftreten?
Atze Schröder: Wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt, ist es überall schön, aber da ist es ja wirklich schön. Jetzt kommt ein Insiderwitz. Wir haben vor genau 20 Jahren das erste große Erfolgsprogramm von Atze, „Meisterwerke“, in Gummersbach-Windhagen geschrieben, in einem Hotel Heedt. Warte, ich google das mal, das heißt heute …Wyndham-Garden. Wahnsinn, ich kehre nach Hause zurück, wahrscheinlich habe ich sogar Kinder in Gummersbach. Also, alle die Locken haben und jünger sind, sollen auf jeden Fall kommen, es könnte sein, dass sie Papa bei der Arbeit zuschauen.

BB: Herr Schröder, vielen Dank fürs Gespräch.

 

Die Veranstaltung ist aufgrund der aktuellen Corona-Krise untersagt worden.

Freitag, 13. März 2020, 20:00 Uhr
Schwalbe Arena, Gummersbach
https://bergischerbote.de/veranstaltung/atze-schroeder-echte-gefuehle/

 

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.