Von Kabarettisten und Comedians

Williber Pauels

„Also, lieber Kolumnist,“, sprach der Chef des „Bergischen Boten“, „zwei Themen steh‘n zur Auswahl. Einmal: ‚fragwürdige Medikamente bei Depressionen‘ und zum Zweiten: ‚Atze Schröder‘.“ Nu raten Se mal, bei welchem Thema mein Herz sofort ausschlug? Richtig! Bei dem herrlich bekloppten, hoch begabten Comedian mit der Minipli Perücke und ätzenden Pilotenbrille.
Nicht, dass mir das andere Thema fremd wäre. Bin ich doch, wie die Leserschar weiß, selbst betroffen. Und die These von Professor Maß, dass Antidepressiva letztlich nichts anderes als Placebos, also wissenschaftlich wirkungslos seien, ist mir bekannt. Allerdings ist, so wage ich zu kalauern, Professor Maß in diesem Punkt vielleicht etwas maßlos. Ich persönlich habe nämlich die besten Erfahrungen mit diesen Medikamenten gemacht, und ob die positive Wirkung nur einem Placeboeffekt zu verdanken ist, ist mir ehrlich gesagt wurscht. Hauptsache es hilft.

Mein hervorragender Arzt, Psychiater und Psychotherapeut Dr. Martin Köhne sagt zum Thema: „Meine Erfahrung nach über 30-jähriger Tätigkeit ist eindeutig. Bei mittelschwerer und schwerer Depression kommt man an Psychopharmaka nicht vorbei, natürlich plus Psychotherapie plus zusätzlichen Therapieverfahren plus geregeltem Tagesablauf“. Entsprechend äußern sich auf 300(!) Seiten die deutschen Spitzenkräfte der DGPPN in den Leitlinien der Depressionsbehandlung. Viel Spaß beim Lesen!
Kommen wir zum wirklichen Spaß. Kennen Sie den Unterschied zwischen Kabarett und Comedy? Der Comedian macht es wegen dem Geld, der Kabarettist wegen des Geldes. Hihi. Also Kabarett habe angeblich mehr Bildung und Niveau zu bieten. Was für’n Quatsch. Wie sagt Jürgen Becker so schön: „Kabarett schön un jut, aber mer muss auch mal en Witz erzählen.“ Diese Einschätzung, dass unser Kabarett eigentlich nicht viel zum Lachen bietet, kommt daher, dass deutsche politische Satire, im Gegensatz zur hervorragenden anglo-amerikanischen Kleinkunst, traditionell links und streng oberlehrerhaft daher kommt.

Da ich ein konservativer Sack bin, nervt es mich ungemein, dass alle, die nicht links ticken, als dümmlich, hinterwäldlerisch, ja wenn nicht sogar als tumbe Halb-Nazis dargestellt werden. Von der öffentlich-rechtlichen Beamten-Satire der „Heute-show“ bis zur geifernden Agitprop eines Volker Pispers. Rühmliche Ausnahme: Dieter Nuhr. Dieser muss sich allerdings zunehmend Shitstorms erwehren, die ihn eben als jenen Halb-Nazi beschimpfen. Aus diesem Grund meide ich mehr und mehr das deutsche Erziehungs-Kabarett und erfreue mich von Herzen an Comedian, wie Atze Schröder, die nichts anderes im Sinn haben, als das Publikum glänzend zu unterhalten. Denn die große Kunst, Menschen zu einem befreienden Lachen zu verführen, ist mindestens ebenso politisch wie der Anspruch des offiziellen politisch, satirischen Kabaretts.

Mir wurde das deutlich bei einer Karnevalsveranstaltung, die so ungewöhnlich, wunderbar, berührend und wichtig war wie keine andere. Dazu muss man wissen, vor der Nazi-Zeit gab es in Köln, wie überall in Deutschland, eine großartige jüdische Kulturszene. Typisch rheinisch gründete sich in der Domstadt auch ein jüdischer Karnevalsverein. „KKK – die kölschen Kippa-Köpp“. Nach der Machtergreifung Hitlers wurden sie sofort verboten, und fast alle Mitglieder landeten in den Gasöfen der Vernichtungslager.
Jetzt gibt es diesen Karnevalsverein wieder, und in dieser Session fand zum ersten Mal seit 1933 eine Sitzung statt. In der Synagoge in der Roonstraße zu Köln. Der Saal war knubbelvoll. Alle verkleidet. Tolle Stimmung, obwohl – traurig genug – die Synagoge wie alle jüdischen Gebetshäuser in Deutschland mit Polizeischutz und Schleusentüren aus Panzerglas wie eine Festung gesichert werden muss.

Und es wurde mir gerade in dieser Situation wieder einmal überdeutlich: Die beste Waffe gegen Hass, Unheil, Niedertracht und Dunkelheit ist das Lachen. Wer könnte das besser lehren als der berühmte jüdische Humor. Zwei Witze, die in der jüdischen Szene in der Nazi-Zeit(!) erzählt wurden, gab ich auch in der Bütt zum Besten:
Ein Rabbi und ein SS-Mann stehen vor einer brennenden Synagoge. „Na, Itzig!“, höhnt der Nazi, „Jetzt bist du verzweifelt, wa??!“. „Nein“, antwortet der Rabbi. „Entweder es gibt Gott, dann wird das hier Gerechtigkeit erfahren. Oder es gibt keinen Gott, na wofür brauchen wir dann eine Synagoge?“
Eine jüdische Widerstandsgruppe hat genauestens eruiert, wo das Auto von Hitler an einem bestimmten Tag um 15:00 Uhr vorbeifährt. Dort liegen sie um diese Zeit für ein Attentat bereit. Es wird 15:00 Uhr. Die Zeit verstreicht. Wer nicht erscheint, ist Hitler! Da sagt der eine Attentäter: „Meine Güte, wo bleibt der denn? Dem wird doch wohl nichts passiert sein?!“

Herrlich – welch eine Souveränität des Lachens gegenüber dem Horror! Denn im Humor ist es wie in der Religion. Beide triumphieren über den Tod und die Verzweiflung.

Euer
Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.