Interview: Musik, die packt und berührt

Gummersbach Wenn Frau Höpker zum Gesang bittet, kommen die Leute in Scharen. Vor über zehn Jahren entwickelte Katrin Höpker ihre Mitsingkonzerte und ist seither damit unfassbar erfolgreich. Wir sprachen mit ihr über Führungsqualitäten, den Unterschied zwischen Frauen und Männern und musikalische Gesellschaftstherapie.

BB: Bevor wir über Ihre Mitsingkonzerte sprechen, habe ich eine Frage zum Titel der Veranstaltung: Warum bittet eigentlich Frau Höpker zum Gesang und nicht Katrin Höpker?

Katrin Höpker: Ich bin halt ein sehr höflicher Mensch. Ich würde mein Publikum zum Beispiel niemals duzen. Und deswegen habe ich damals gesagt, das ist die Frau Höpker, die die Leute zum Gesang bittet. Zumal ich finde, es klingt besser. Es ist auch griffiger. Und es kommt auch schon mal etwas schrullig rüber.

BB: Und inzwischen ist das ja längst eine Marke.

Höpker: Inzwischen ist sogar ein Verb daraus geworden. Die Leute fragen: Gehst du nächste Woche mit höpkern? Dann hat man es echt geschafft.

BB: Vor über zehn Jahren haben Sie vor 40 Freunden und Bekannten angefangen, heute spielen Sie alle paar Tage vor ein paar hundert oder sogar tausend Menschen. Können Sie sich den Erfolg eigentlich selber erklären?

Höpker: Dazu gehören sicherlich verschiedene Sachen: Erstmal muss man musikalisch sehr viel in die Waagschale werfen, das ist die künstlerische Seite. Und dann kommt etwas dazu, das Persönlichkeit ausmacht. Das hat auch mit Charisma zu tun und mit Führungsqualität. Man muss in der Lage sein, wie neulich beim Open Air in Bedburg, 6.000 Leute zu begeistern und mitzunehmen.

BB: Wie schafft man das?

Höpker: Mit Spaß und ganz viel Motivation. Und mit der richtigen Programmgestaltung und der richtigen Dramaturgie. Dann kriegt man im Laufe das Abends den richtigen Dreh- und Angelpunkt raus, dass man die Leute nicht nur mitnimmt, sondern sie packt und berührt. Das ist das, glaube ich, was die Menschen an meinen Konzerten begeistert. Was mich aber auch immer an den Menschen begeistert. Das ist keine Einbahnstraße.

BB: Aber jetzt haben die Leute ja schon vor Ihren Konzerten miteinander gesungen. Man erinnere sich nur an die Fischer-Chöre.

Höpker: Ja, aber das ist bei mir ja etwas anderes als eine Chorprobe. Ich bin so etwas wie eine musikalische Gesellschaftstherapeutin. Ich muss jeden Abend erstmal spüren, was für eine Gruppe habe ich, wie ist die Stimmung im Saal, kommen die Leute von der Arbeit, sind sie gestresst, wie viele Senioren sind da, wie viele Frauen, wie viele Männer. Ich muss also erstmal rausfinden, was ich mit denen machen kann. Und dann ensteht das Programm am Abend.

BB: Ist das der Schlüssel zu Ihrem Erfolg?

Höpker: Das ist ein großer Schlüssel. Ich spiele kein fertiges Programm ab und muss dann sehen, wie ich die Leute da reinpacke, sondern ich richte mich nach den Leuten. Dafür braucht man sehr viel Erfahrung, man muss sehr gut beobachten können und aufnehmen können, was im Saal passiert. Dafür darf man als Künstler nicht nur bei sich selbst sein, man muss sich mit 100 Prozent dem Publikum widmen.

BB: Klingt ungleich komplizierter als bei einer Band, die einfach eine Setlist runterspielt.

Höpker: Der Unterschied ist, dass die Leute bei einer Band eine gewisse Erwartungshaltung haben. Da gibt es mal eine neue Lichtshow, eine neue Reihenfolge oder ein Medley, aber die Hits müssen schon dabei sein. Ich möchte die Leute hingegen immer wieder überraschen, deswegen brauche ich so ein riesiges Repertoire. Da ist so viel Musik auf der Festplatte, irgendwo im Hinterstübchen abgelegt. Und wenn man die wieder hört, eröffnet sich eine neue Welt. Da sitzt man plötzlich wieder im Partykeller. Oder ist zurück in der Schule. Ich nehme die Leute an die Hand und bringe sie an Plätze, wo sie zum Teil seit Ur-Zeiten nicht mehr gewesen sind.

BB: Bei Ihren meisten Auftritten sind Frauen deutlich in der Überzahl. Warum ist das so? Sind Frauen einfach mutiger?

Höpker: Frauen sind mutiger. Frauen sind anders organisiert. Und Frauen sind es gewohnt, anders zu kommunizieren. Man spricht ja auch nicht von der Vatersprache, sondern von der Muttersprache. Frauen singen gerne gemeinsam. Für Männer ist der Zugang vielleicht etwas schwieriger. Auch weil sie vielleicht einen anderen Leistungsgedanken haben und der Meinung sind, nicht gut genug singen zu können. 

BB: In der Alten Drahtzieherei in Wipperfürth spielen Sie dreimal im Jahr, in Köln gibt es eine Location, da treten Sie jeden Monat auf. Besteht da nicht die Gefahr, dass das Publikum es irgendwann über hat?

Höpker: Nein, weil das Programm ja jedesmal anders ist. Ich habe Leute dabei, die kommen seit elf Jahren jeden Monat. Für die geht es darum, abzuschalten und fröhlich zu sein. So wie es Menschen gibt, die seit Jahren in die gleiche Yoga-Gruppe gehen.

BB: Sie haben insgesamt rund 1.400 Lieder im Repertoire. Das ist ja unfassbar viel.

Höpker: Und es werden jeden Monat mehr. Ich trainiere mein Gedächtnis seit ich Kind bin, mit acht Jahren habe ich die ersten Sachen aus dem Radio nachgespielt. Das ist, als würde man Fips Asmussen nach einem Witz fragen.

BB: Gibt es eigentlich ein Lied, das Sie immer schon mal ausprobieren wollten, es sich bisher aber nicht getraut haben?

Höpker: Nö.

BB: Im Zweifel probieren Sie es also einfach aus?

Höpker: Ja, natürlich, klar. Ich guck dann immer, ob ich das an dem Abend schaffe. Ich will die Leute ja nicht frustrieren. Aber man kann die Latte ja auch hoch hängen und sich dann gemeinsam strecken. Das Wichtigste ist das gute Gefühl. Dem ordne ich alles unter. Aber ich will auch nicht nur Titel hintereinander spielen, von denen ich weiß, dass die alle können. Dschingis Khan, Marmor Stein und Eisen bricht, ein bisschen Robbie Williams, ein bisschen Abba und fertig ist die Laube, das reicht mir nicht.

BB: Was können die Besucher eigentlich dazu beitragen, dass der Abend gut wird?

Höpker: Das Allerwichtigste ist Aufmerksamkeit. Und wenn dann alles gut klingt und alle gut mitmachen, das ist für mich die größte Freude. Sonst wäre ich bei über 90 Veranstaltungen im Jahr längst müde geworden und hätte mir etwas anderes gesucht. Aber es gelingt halt immer und immer wieder. Und deswegen werde ich auch nicht müde.

Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.