Kühe, Käfer, Klimawandel

Region Halbleere Talsperren, tote Fichten, Kühe, die weniger Milch geben: Die heißen und trockenen Sommer der beiden letzten Jahre haben ihre unverkennbaren Spuren im Bergischen Land hinterlassen. Die globale Erderwärmung ist in der Region angekommen. Bauern, Waldbesitzer und die Wasserwirtschaft lernen gerade, damit umzugehen. Und Umweltschutz bekommt einen neuen Stellenwert.

Für den Laien sieht hier alles völlig normal aus. Oberhalb eines Feldweges an der Bever-Talsperre in Hückeswagen, der auch als Wanderweg genutzt wird, steht ein gutes Dutzend Fichten. Dazwischen liegen ein paar umgefallene Bäume, der Boden ist mit Nadeln und Pilzen bedeckt. Wald halt, wie man ihn aus dem Bergischen kennt. Alles in Ordnung, so scheint es.
Aber nicht für Hans-Friedrich Hardt. Der 69-jährige Hückeswagener, Vorstandsmitglied des Waldbauernverbands NRW, zeigt auf die Stämme, an denen an vielen Stellen bereits die Rinde abgeplatzt ist. „Alles tot“, sagt er. Das ganze Waldstück sei nicht mehr zu retten. Die Fichten sind dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Zumindest vordergründig. Denn in Wirklichkeit, ist Hardt überzeugt, sieht man hier, an der Bever in Hückeswagen, die Folgen des Klimawandels.

Wer mehr davon sehen will, muss nicht weit gehen. Denn die Bever ist, wie alle Talsperren in der Region, lange nicht so gut gefüllt, wie sie es sonst um diese Zeit ist. Vor allem die beiden letzten Sommer seien viel zu trocken gewesen, sagt Claudia Klerx, Bereichsleiterin für das Talsperrenmanagement beim Wupperverband. Aber eben nicht nur die. „Das lässt sich schon länger beobachten“, so Klerx. Für die 14 Talsperren, die der Wupperverband betreibt, werde die Situation zunehmend schwieriger. Die Große Dhünn, auf der als zweitgrößter Trinkwassertalsperre Deutschlands ein besonderes Augenmerk des Verbandes liegt, sei 2006 zuletzt komplett gefüllt gewesen, nennt Klerx ein Beispiel. „Das war früher viel häufiger der Fall.“

Die globale Erwärmung lässt Inseln versinken, sie sorgt dafür, dass sich Wüsten ausbreiten, und schmilzt Gletscher. Sie ist aber längst auch im Bergischen angekommen. Und sie hat Folgen. Für uns alle. Dass es zum Beispiel dem Wald schlecht geht, ist für Forstwirte wie Hans-Friedrich Hardt und seinen Sohn Christian, der den Betrieb 2016 übernahm, eine Frage der wirtschaftlichen Existenz. Für die Gesellschaft sind die Folgen aber gravierender. Denn Wald ist nicht nur wichtig für Lebensqualität und Tourismus. Er hat auch eine ökologische Aufgabe. Indem er die Umgebung abkühlt und vor allem indem er CO2, also Kohlenstoffdioxid, aufnimmt und daraus Sauerstoff macht.
Was die extrem warmen und trockenen Sommer der vergangenen Jahre auslösen können, das weiß auch Helmut Dresbach zu berichten. Der Vorsitzende der Kreisbauernschaft Oberberg hat selber über Jahrzehnte einen Hof mit Milchkühen in Waldbröl betrieben. Wird es zu warm, geben die Kühe weniger Milch. Bleibt es lange trocken, kann der Bauer kein Futter für den Winter anbauen. „2018 habe ich noch gesagt, dass wir früher auch schon trockene Sommer erlebt haben“, erinnert sich Dresbach. 1959 sei so ein Jahr gewesen. Und 1975 habe die Bundeswehr sogar Stroh gefahren, um den Landwirten zu helfen.

Alltag im bergischen Wald: Jahrzehnte alte Fichten knicken einfach um.

Doch zwei solche Jahre hintereinander, das sei neu. „2018 hatten viele Bauern noch Vorräte aus dem Vorjahr, 2019 mussten sie dann Futter zukaufen.“ Und das in Zeiten extrem niedriger Milchpreise. „Für 2020 hoffe ich auf einen echten oberbergischen Sommer“, scherzt Dresbach, um dann gleich wieder ernst zu werden: „Wird der nächste Sommer wie die letzten beiden, wird das für viele Betriebe das Ende bedeuten.“
Aber ist das wirklich der Klimawandel? Oder haben Landwirte, Waldbauern und Talsperrenbetreiber einfach nur Pech mit dem Wetter? „Nein, das ist Klima“, sagt Forstwirt Hardt. Schwankungen habe es früher auch gegeben. „Die waren aber nicht so stark, die Natur hatte Zeit, sich darauf einzustellen.“ Bekannt sei das Problem seit über 20 Jahren – in den letzten Jahren habe das Tempo aber deutlich zugenommen. Und der Mensch spiele dabei zumindest „eine wichtige Rolle“.

Denn selbst wenn sich bestimmte Gruppen Mühe geben, Zweifel daran zu streuen, ist sich die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler einig: Der derzeitige Klimawandel ist menschgemacht. Und er vollzieht sich viel schneller als jeder Wandel zuvor. Ein starkes Indiz dafür ist der offensichtliche Zusammenhang von CO2-Immissionen und Temperaturanstieg. In den letzten 250 Jahren hat der Mensch, vor allem durch fossile Brennstoffe, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre um 40 Prozent gesteigert, sagt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Zuletzt, schätzen die Forscher, gab es eine solche Menge an Kohlenstoffdioxid vor etwa 4 Millionen Jahren in der Atmosphäre.
Und im gleichen Maß wie die Immissionen zunahmen, stieg auch die Temperatur. Obwohl die Zunahme der weltweiten Durchschnittstemperatur bisher bei „nur“ einem Grad liegt – selbst die optimistischen Prognosen gehen davon aus, dass es um mindestens noch ein weiteres Grad nach oben geht –, ist längst ein Punkt erreicht, an dem sich die Folgen des Klimawandels gegenseitig verstärken.

Das große Fichtensterben beispielsweise ist sicherlich auch eine Folge davon, dass viele Waldbesitzer nach dem zweiten Weltkrieg – gefordert und gefördert durch die Politik – auf schnellwachsende und leicht zu erntende Monokulturen des Kieferngewäches gesetzt haben. Darüber hinaus ist es aber vor allem das unglückselige Zusammenspiel vieler Faktoren, die mittel- oder unmittelbar mit dem Klimawandel zusammenhängen.
So haben extreme Wetterereignisse nicht nur stark zugenommen, die letzten großen Stürme richteten auch in ganz Europa Schäden an. „Von Belgien bis Polen, von Schweden bis Südtirol“, wie es Hans-Friedrich Hardt ausdrückt. In der Folge wurden riesige Mengen Holz auf den Markt gedrückt, die Preise verfielen. Umso weniger lohnte es sich, das tote Holz aus dem Wald zu holen. Blieb es liegen, diente es den Borkenkäfern als Nistplatz. Durch die warmen Sommer konnten die Käfer länger und mehr Nachwuchs produzieren. Gleichzeitig waren die Fichten so geschwächt, dass sie kaum Harz bildeten. Ohne diesen natürlichen Schutz konnten die Borkenkäfer auch die lebenden Bäume befallen, die daraufhin abstarben.
Würde man diese Bäume nun im Wald liegen lassen, hätten die Käfer noch mehr Nistmöglichkeiten. Stattdessen wird das Holz inzwischen teilweise nach China verschifft. Mit einem finanziellen Verlust für die Waldbauern. Und mit Schiffen, die durch ihre Abgase den Klimawandel beschleunigen. Was ebenso für die kahlen Stellen im Wald gilt, die ohne Bäume weder CO2 aufnehmen noch die Umgebung kühlen.
Und selbst bei einem auf den ersten Blick einfachen System wie den Talsperren, die sich aus Regenwasser speisen, kommen mehrere Faktoren zusammen: Die trockenen Sommer lassen nicht nur viel Wasser verdunsten und leeren so Bever, Große Dhünn und Co, sie trocknen auch die Böden aus. Regnet es dann im Herbst wieder, nehmen sich erstmal die Böden ihren Teil – entsprechend wenig Wasser kommt in den Talsperren an. „Wir sehen, dass es draußen regnet. Und trotzdem sinken die Pegel“, beschreibt Claudia Klerx das Phänomen, das selbst für den Wupperverband mit seiner bald 90-jährigen Erfahrung neu ist.

Die Wasserversorgung, erst recht die mit Trinkwasser, sei aktuell nicht gefährdet, sagt Claudia Klerx: „Derzeit sind wir guter Dinge, dass wir das hinbekommen. Aber natürlich wissen wir nicht, was in 20 oder sogar 80 Jahren sein wird.“ Einen wichtigen Wandel hat die Talsperren-Chefin aber schon ausgemacht: „Die Menschen sind sensibilisiert.“ Der Wupperverband rate schon immer zu einem schonenden Umgang mit der Ressource Wasser. „Jetzt ist das Thema auch in der Bevölkerung angekommen.“
Umwelt- und vor allem Klimaschutz ist wieder en vogue. Energieversorger engagieren sich im Bereich Photovoltaik, das Interesse am Heizen mit Holz steigt, allein 2019 wurden in Rhein-Berg drei Unverpackt-Läden eröffnet und nachdem das oberbergische Engelskirchen im September den Klimanotstand ausgerufen hat, verabschiedete der Rat der rheinisch-bergischen Kreisstadt Bergisch Gladbach im Oktober eine Klimaresolution.
Dort, in Bergisch Gladbach, ist derzeit auch eine der größten Gruppen von Fridays for Future in der Region aktiv. Zur ersten Demo Anfang August mobilisierte die schon 500 Aktivisten. Beim großen Klimastreik am 20. September, zu dem neben FFF auch andere Gruppen aufgerufen hatten, waren es schon ein paar Tausend, die durch die Gladbacher City zogen. „Damit hatten wir wirklich nicht gerechnet“, sagt Fabian Müller. Zumal es ja auch eine große Veranstaltung im nahen Köln gab.

Zur ersten FFF-Demo in Bergisch Gladbach kamen rund 500 Teilnehmer.

Der 15-jährige Gymnasiast ist als Kopf der Gladbacher FFF-Gruppe zu einem der Gesichter der Klimaproteste im Bergischen geworden. Dazu gekommen sei er eher aus Langeweile und Neugierde, gibt er zu. Inzwischen empfinde er sein Engagement aber als eine überaus wichtige Aufgabe. „Weil ich weiß, ich kann etwas bewegen, ich kann etwas verändern.“ Die Politik hingegen hole ihn und viele andere nicht mehr ab. „Ich glaube, die Politik will nicht, dass ich da mitmache.“ Statt also den Gang durch die Institutionen anzutreten, formuliert Fabian Müller seine Forderungen lieber auf Demos: Das Ausrufen des Klimanotstandes gehört genauso dazu wie das Pflanzen zusätzlicher Bäume und kostenfreier ÖPNV. Zusätzlich, sagt Fabian Müller, müsse jeder seinen eigenen Lebensstil überprüfen: „Ich versuche mich, soweit wie es möglich ist, umweltfreundlich zu verhalten.“ Weniger Plastikverpackungen, regional einkaufen, öfter mal das Rad nehmen, das sei alles gar nicht so schwer.
Derweil arbeitet der Wupperverband an einer Lockerung der starren Regeln für den Betrieb einer Talsperre, um flexibler auf die Klimaänderungen reagieren zu können. „Das ist ein Prozess, in dem wir gerade stecken“, sagt Claudia Klerx. Und Landwirt Helmut Dresbach signalisiert, dass er und seine Kollegen gerne bereit sind, am Klimaschutz mitzuarbeiten: „Wir sind Teil der Lösung und nicht des Problems“, sagt Dresbach und verweist auf Erfolge wie den Vertragsnaturschutz und den niedrigen Nitratgehalt im bergischen Trinkwasser. „Dafür muss man aber mit uns reden – und nicht über uns“, sagt Helmut Dresbach, der sich wünscht, dass die derzeitige Diskussion auch dazu führt, dass die Leute Lebensmitteln wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen.

Und auch Hans-Friedrich Hardt überlegt zusammen mit seinem Sohn, wie es in Zukunft weitergeht. „Ich habe meinen Wald nur von meinen Enkeln gepachtet“, sagt der Waldbauer, dessen Familie seit über 100 Jahren Forstwirtschaft betreibt. Seit Generationen schon experimentieren die Hardts mit sogenannten Fremdländern, also Bäumen, die aus Regionen mit einem anderen Klima stammen. Hoffnungen setzt man derzeit beispielsweise auf den Riesenlebensbaum und die Douglasie, beide aus dem Westen der USA, und die Esskastanie, die einst mit den Römern gen Norden gezogen war. „Dass es in Zukunft noch Wald geben wird, daran habe ich keine Zweifel“, sagt Hardt. Die Frage sei nur, wie der Wald aussehen wird.
Wichtig ist diese Frage, weil der Wald nicht nur Ausdruck des Problems ist, sondern auch eine mögliche Lösung. Denn Bäume können das Klima retten. Den Wald aber wieder aufzuforsten sei eine Mammutaufgabe, sagt Hardt. Auch finanziell. Für einen Hektar kahle Fläche brauche man 3000 bis 5000 Setzlinge. Rechnet man die Arbeitszeit und die notwendigen Schutzhülsen dazu, kostet jeder Setzling drei bis fünf Euro. Und Ertrag bringt das Waldstück erst Jahrzehnte später.

Eine Lösung wäre, dass die Forstbetriebe für ihre Leistung, der Allgemeinheit den Wald zur Verfügung zu stellen, von der Gesellschaft bezahlt würden. Eine andere Idee hat Hans-Friedrich Hardt von einem Vortrag beim Deutschen Wanderverband mitgebracht: „Ich habe darauf hingewiesen, wie hoch der Aufwand für die deutschen Waldbauern ist.“ Daraufhin hätten Vertreter des Wanderverbandes auf die mehr als 600.000 organisierten Wanderer verwiesen. „Die haben gesagt: Wir sind Viele und nutzen den Wald ja auch, da könnten wir doch beim Aufforsten mithelfen“, berichtet Hardt. „Ein wirklich guter Ansatz.“

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