Der Zauber der Weihnacht

Weihnachten! – Immer noch wohnt diesem einen Wort ein Zauber inne. Es ist das wohl erfolgreichste und verbreitetste Fest der Welt. Sogar in Ländern, wo das Christentum keine Rolle spielt, wird es gefeiert. Dies nehmen Kritiker als Argument, dass es nur ein oberflächlicher Gefühlskitsch sei. Stimmt das? Haben die Kritiker Recht? Ich wage zu widersprechen. Ich glaube, dass sich unter der Soße aus Gefühligkeit – die zweifellos besteht – eine Ahnung der wahren Weihnacht verbirgt, die jeder spürt, vor allem die Kinder. Kein Kitsch und kein „last christmas“ von „Wham“ können sie zerstören. Die unglaubliche Geschichte vom göttlichen Kind. Sie ist einfach zu schön, um nicht wahr zu sein.
Alle guten religiösen Geschichten sind wie die Liebe: Auch sie erzählt immerzu dasselbe, und doch wiederholt sie sich nie: Es ist die Botschaft: „Du Mensch hast eine Seele, einmalig und kostbarer als das ganze Universum und nichts kann deine Seele zerstören, auch nicht der Tod.“ Die wunderbare Geschichte der Weihnacht ist nichts anderes als ein Vor-Echo von Ostern. Das göttliche Kind geht den Weg aller Menschen mit bis in den dunklen Tod – doch der strahlende Ostermorgen verkündet das, was alle Menschen ersehnen. Der Tod ist nicht die Verrottung auf dem kosmischen Abfallhaufen des NICHTS, sondern, wie es Michelangelo so wunderbar sagte: „Wenn wir sterben, gehen wir nicht ins Nichts, wir wechseln nur die Räume.“ Was für ein Bild!!

„Ja, ja“, entgegnen meine atheistischen Freunde, „es ist schon wahr: Ihr Gläubigen habt die besseren Geschichten. Aber sie sind alle mehr oder weniger Märchen, weil sie unwissenschaftlich sind, und alles, was nicht wissenschaftlich ist, ist eine Lüge.“
Dazu möchte ich eine wahre Geschichte erzählen. Sie handelt von meiner Cousine Maria und ihren Enkelkindern. Ich habe sie gefragt, ob ich dies öffentlich erzählen darf, und sie hat mich sogar darum gebeten.

Väterlicherseits stammen wir Pauels aus dem heutigen Ostbelgien. Mindestens einmal im Jahr fahren meine drei Schwestern und ich dorthin zu Besuch. Dieses Jahr lag allerdings ein Schatten auf unserem Treffen. Unsere Cousine Maria hatte ihre Tochter durch einen tödlichen Motorradunfall verloren und die Verunglückte hinterlässt zwei kleine Jungen: Peter und Leo.
Maria begann zu erzählen: „Der schreckliche Unfall war am Sonntag. Und als wir alle Tränen vergossen hatten und unsere Augen leergeweint waren, war es schon nach Mitternacht und ich brachte Peter und Leo zu Bett. Durch das Fenster sahen wir den nachtschwarzen Himmel, und ein Stern leuchtete besonders hell. Da sagte der kleine Peter zu mir: ‚Oma – der Stern da, hat den die Mama dahin gehängt?‘ Und ich antwortete, so berichtet Maria weiter, ‚Ja, Peter und Leo, der Stern da, der ist von der Mama.’“

Jetzt frage ich: Hat meine Cousine ihre Enkelkinder belogen? Wissenschaftlich gesehen eindeutig ja. Denn der so genannte Abendstern ist natürlich nicht von der Mama und außerdem noch nicht mal ein Stern, sondern ein Planet. Die Venus. Und dennoch, obwohl es vollkommen unwissenschaftlich war, hat sie die tiefste Wahrheit gesagt. Jene Wahrheit, die auf einer ganz anderen Ebene als der der Wissenschaft, der Physik, der Chemie und Biologie liegt. Deshalb sagt Novalis: „Wenn in Märchen und Gedichten steh‘n die wahren Weltgeschichten…“
Eine dieser Weltgeschichten ist die vom göttlichen Kind in der Krippe. Sie ist so wahr wie nichts sonst auf der Welt. Sie erzählt von der größten Sehnsucht der Menschen, nämlich: Die Liebe ist stärker als der Tod! Ja, Peter und Leo, der Stern ist von der Mama. Und ja, Maria, du wirst dein Kind wiedersehen.

Das ist der verborgene Zauber der Weihnacht. Und die Kinder, die Kinder wissen das.

Euer
Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.