Jochen Rausch: Pendler zwischen Welten

In einer versteckten Ecke des Gartens steht, inmitten großer Rhododendronsträucher, eine weiße Parkbank. Hier ist Jochen Rauschs Lieblingsplatz zum Schreiben und Erholen.

Wuppertal Er leitet gleich drei WDR-Hörfunkprogramme, ist Musiker, Schriftsteller und Grimme-Preis-Träger. Knallt die Konfettikanone, wenn so jemand morgens das Haus Richtung Garage verlässt? Bei Jochen Rausch jedenfalls nicht. Er geht nämlich nicht mal zur Garage, sondern fährt mit der Bahn von Wuppertal nach Köln.

Ein Eigenheim? Na ja, sicher. Der Mann ist Jahrgang 1956 und arbeitet schon sein Leben lang erfolgreich. Köln? Berlin? München? Nö, Wuppertal. In seiner Heimatstadt bewohnt Jochen Rausch mit seiner Familie ein Haus in Uninähe; groß, mit Garten, altem Baumbestand und mit dem „Margarete-Rausch-Stadion“, einer Bolzwiese am Kopf des Gartens. „Nach meiner Mutter benannt“, wie der 63-Jährige berichtet. Seine beiden mittlerweile quasi erwachsenen Söhne haben hier oft und gerne gespielt. Ein Brückenschlag in Jochen Rauschs eigene Kindheit. Am Norkshäuschen in Wuppertal behütet aufgewachsen, fand man den frühen Fußballfan dort auch am ehesten beim Kicken.Die anderen großen Leidenschaften kamen bald dazu: Musik, Literatur, Schreiben, Journalismus. 

„Mein Vater war irgendwie so eine Art verkappter Künstler“, erinnert sich der Wuppertaler schmunzelnd, „er hat immer viel rumprobiert, war musikbegeistert, hat gemalt und gefilmt.“ Mit wohl teils abenteuerlichen Ergebnissen, wie er weiter erzählt: „Ich hatte beispielsweise einmal meinen Freunden erzählt, mein Vater würde uns gerne beim Fußballspielen filmen, um einen richtigen Fußballfilm zu drehen. Er hatte sich damals so eine Super-8-Kamera angeschafft. Als wir später bei uns zu hause aufgeregt auf das Ergebnis warteten, zeigten die Aufnahmen schließlich: Mich. Also nur mich. Mein Vater hatte ausschließlich mich gefilmt.“ Sohn Jochen erinnert sich gerne daran; er erinnert sich – so scheint es – generell gerne.

Und Erinnern ist natürlich eine sehr gute Sache, wenn man schreibt. Denn neben der Phantasie, dem Rumspinnen und der Fiktion ist da ja auch noch ein Fundus namens Leben, auf den man bestenfalls zurückgreifen kann. Dass Jochen Rauschs bisheriges Leben meist im Upload-Modus verlief, liegt auf der Hand, wenn man ihm zuhört: Eine journalistische Karriere – begonnen in den frühen 1970er-Jahren bei der Neuen Ruhr Zeitung (NRZ) -, die ihn bald schon zum Westdeutschen Rundfunk (WDR) führt und zunächst darin gipfelt, dass er die Hörfunk-Sparte WDR1 als 1Live reformiert auf den Weg bringt und eben im Jahr 2000 dort Programmchef wird; damit einhergehend die zahllosen Begegnungen, Verpflichtungen, Partys („Heute will ich echt nicht mehr auf Dachterrassen stehen und quatschen“), Medienrummel, Glamour, Prominenz. 

Privat geht es nach einigen Jahren in Köln wieder nach Wuppertal; Frau, Kinder, Familienleben, Haus … – Im Garten unterhalb des „Stadions“ hat der Schriftsteller Jochen Rausch einen Lieblingsplatz, und der ist das Gegenteil von glamourös (und Dachterrasse): Ein lauschiges Plätzchen mit Gebüsch und Bank. Hier kann er ungestört nachdenken und schreiben. Beim weiteren Gang von dort zurück in Richtung Terrasse zeigt der Denker auch – einmal mehr – seine humorvolle Seite: „Wenn die Nachbarn uns (Ihn und das BB-Team, Anm.d.Red.) jetzt hier so sehen, mit Fotosession und Unterhalten und so, denken die bestimmt, wir wollen verkaufen.“

Recht trockener Humor im Umgang mit sich selbst und seinem direkten Umfeld ist Rauschs ständiger Begleiter. Kaum ein Gespräch, kaum ein künstlerischer Output, kaum eine Moderation oder auch ein Post in den Social Media, wo dies nicht in irgendeiner Form mitschwingt. Und auch schon mal wehtun kann. Sehr gutes, gereiftes Beispiel: Das Video zu „Vor all den Jahren“ von Stahlnetz; die Band, mit der Jochen Rausch und sein Jugendfreund Detlev Cremer vor fast 40 Jahren das Album „Wir sind glücklich“ bei Ariola veröffentlichten – immerhin eines der erfolgreichsten deutschen Plattenlabels und damals ein Riesenname. Das Stück persifliert die Nachkriegspropaganda für Schutzmaßnahmen gegen Bombenangriffe, in den 1950er-Jahren bekannt geworden unter Duck&Cover. „Wenn die Bombe durch die Nacht fliegt – zeigen Sie einfach keine Angst!“ 

Im kleinsten Raum des schlichten Einfamilienhauses hat Rausch sein Studio eingerichtet. Seine Tracks mischt er mit Ableton Live am MacBook.

Im kleinsten Raum des schlichten Einfamilienhauses hat Rausch sein Studio eingerichtet. Seine Tracks mischt er mit Ableton Live am MacBook.

Entstanden sind solche Songs früher ganz klassisch in irgendwelchen Proberäumen, noch bis vor ein paar Jahren traf der Musiker Rausch sich zum Proben in der Winchenbachstraße in Wuppertals Osten. „Aber jetzt ist alles schön klein und kompakt auf meinem Laptop. Wir arbeiten jeweils von zu Hause aus miteinander.“ Mit Laptop braucht man bekanntlich nicht viel Platz. Und Jochen Rauschs Arbeitszimmer ist tatsächlich der kleinste Raum im Haus – komplett ausstaffiert mit Musik und Literatur, den beiden Genres, die bei ihm immer wieder mal eine Schnittstelle bilden. In den „Fausertracks“ zum Beispiel widmen sich er und Detlev Cremer als LEBENdIGITAL dem Underground-Autor Jörg Fauser (1944-1987), indem sie von Fauser eingesprochene Gedichte auf ihre eigene elektronische Art vertonen. Wie auch bei den „Lindenbergtracks“, eingesprochen von Meister Udo selbst, unterlegt mit Elektrosounds von Rausch und Cremer.

Der Name seines Freundes und Musikerkollegen Detlev Cremer fällt im Gespräch  häufiger. Kein Wunder, war dieser bei Jochen Rauschs allererster Band „Die Helden“ schon an dessen Seite. So besonders aber vielleicht auch, weil Rausch über sich selber sagt: „Ich bin eigentlich nicht so’n Freundschaftspfleger.“ Ihre Freundschaft und  Zusammenarbeit jedenfalls mündete eben direkt in die Formation Stahlnetz. Und das roch bald nach Karriere: Produziert von Conny Plank, u. a. Produzent von Bands wie Kraftwerk, DAF, Ideal oder Eurythmics, war das Namedropping schon mal voll auf Seiten der jungen Musiker. Jedoch war Stahlnetz schlicht zur falschen Zeit am Start (und in Wuppertal vielleicht auch am falschen Ort?). Junge Musikkonsumenten hingen 1982 bereits den Stars der Neuen Deutschen Welle an den Lippen. Rausch und Cremer konnten da – Plank hin, Ariola her – beim Hörer nicht ausreichend punkten, wenngleich die Single „Vor all den Jahren“ doch sensationellerweise ein Top-20-Titel wurde!

„Ich habe einen Hang zu engen Räumen“, sinniert der Kopfarbeiter indes beim Betreten seines Arbeitszimmers. „Lieber allein im engen Zimmer als zu mehreren in einem großen. Vielleicht irgendein Geburtstrauma … obwohl: Ich will das jetzt nicht psychologisieren.“ Dann zieht er einige CDs aus dem Regal und erzählt von der Zusammenarbeit mit Künstlern wie eben Lindenberg oder auch Campino. Mit letzterem hat er für sein Hörspiel „Dann sind wir Helden“ gearbeitet, fiktional basierend auf der Geschichte von Rauschs besagter Band „Die Helden“, Ende der 1970er-Jahre. Und weil es da ja auch noch „Wir sind Helden“ aus Berlin gibt, hat Judith Holofernes neben dem Sänger der Toten Hosen gleich noch eine Gastrolle übernommen.

 Jochen Rausch spricht völlig unprätentiös darüber, wohlgemerkt. Er interessiert sich nicht für Stars, sondern für Menschen. Würde er sonst mit dem Flixbus nach Frankreich oder ständig mit der Bahn nach Köln fahren? Menschen beobachten, Menschen erleben – nirgendwo geht das besser als im Café oder ÖPNV. „Außerdem schreibe ich überall dort.“ Und es spiegelt sich wider in seinen zahlreichen Texten: Kluge und lebensnahe Geschichten, die man schreibt, wenn man was erlebt hat. Oder genau hinhört, was andere erleben. Wie zum Beispiel in seinem 2017 erschienenen Buch „Im Taxi – Eine Deutschlandreise“. Rausch bündelt hier 120 Miniaturen, basierend auf Gesprächen mit Taxifahrern. Sein Roman „Krieg“ wurde gar unter dem Titel „Fremder Feind“ kongenial verfilmt. Erzählt der Autor von der Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig 2017, betont er, dass in diesem speziellen Fall der Rummel doch schon etwas Besonderes war. 2018 gewinnt „Fremder Feind“ den Fernsehfilmpreis – „Ein Meisterwerk“, so die Jury der Akademie der Darstellenden Künste -, Anfang 2019 war er schließlich für den Grimme-Preis nominiert. 

Jochen Rausch mit Hauptdarsteller Ulrich Matthes bei den Dreharbeiten zu der Verfilmung seines Romans "Krieg".

Jochen Rausch mit Hauptdarsteller Ulrich Matthes bei den Dreharbeiten zu der Verfilmung seines Romans „Krieg“.

Verliehen bekommen hat der Film ihn letztlich nicht; jedoch hat Jochen Rausch schon länger ein Grimme-Preis-Exemplar im Regal stehen (stellvertretend für die Innovationsredaktion des WDR und den Input von 1Live), 2015 erhalten für „Mr. Dicks – Das erste wirklich subjektive Gesellschaftsmagazin“ in EinsFestival/WDR. Ein Auszug aus der Begründung der Jury lautet: „Die Kölner Produktionsfirma bildundtonfabrik, 1Live und EinsFestival beweisen mit dieser Sendung, dass es im Segment des öffentlich-rechtlichen Infotainments noch einen Ansatz gibt, der bisher zu oft übersehen wurde: Sein Publikum mitdenken lassen. Das Gezeigte ist ein Angebot an die Zuschauerinnen und Zuschauer. Es darf verstanden werden, muss aber nicht.“

Während Filme geguckt und Bücher gelesen werden, sind die Künstler dahinter längst schon wieder mit Neuem beschäftigt. So auch Jochen Rausch. Kürzlich startete er in Wuppertal ein Talkformat, bei dem als erster Gesprächspartner kein geringerer als Fritz Pleitgen zu Gast war – dieser war von 1995 bis Ende März 2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunks, von 2001 bis 2002 Vorsitzender der ARD. 

Aktuell verfolgt Jochen Rausch ein Foto-Projekt, das auch wieder mitten unter uns Menschen stattfindet. Wie geht das eigentlich alles neben der Arbeit? Schließlich ist der Wuppertaler ja immer noch Leiter des Bereiches Breitenprogramme, in dem die Wellen 1Live, WDR 2 und WDR 4 zusammengefasst sind, zudem Programmchef von WDR 2 und WDR 4. Und als ob das nicht genug wäre, ist er außerdem noch stellvertretender Hörfunkdirektor des WDR. „Man muss wirklich Lust haben, etwas zu machen. Dann denkt man da gar nicht mehr drüber nach, ob was geht oder nicht. Kennst du diese Leute, die immer nur planen und nichts machen? So bin ich nicht.“

www.jochenrausch.com

Gespräch im Garten: Rausch mit BB-Autor Jörg Degenkolb-Degerli.

Gespräch im Garten: Rausch mit BB-Autor Jörg Degenkolb-Degerli.

Jörg Degenkolb-Değerli lebt mit seiner Familie in Wuppertal, wo er als Autor und Journalist arbeitet. Von 2003 bis 2016 war er leitender Redakteur der Bergisch-Land-Ausgabe des Stadtmagazins "coolibri". Er moderiert Veranstaltungen und tritt selber als Bühnenliterat auf – im Spannungsfeld zwischen „schreiend komisch“ und „bitterernst“. Seine Programme „Einer lag im Kuckucksnest“ und „Nüchterne Worte für trunkene Menschen“ bieten Texte für Zwerchfell, Herz und Hirn.

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