Interview: Manchmal fehlt es an Langeweile

Frank Maria Reifenberg hat mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Er engagiert sich zudem in der Leseförderung für Jungen. Zum Lesefestival Käpt‘n Book kommt der Wahlkölner, der sein Abi in Waldbröl gemacht hat, für eine Lesung ins Bergische Museum. Wir sprachen mit ihm über Lesevorbilder, Geschichten mit mehreren Ebenen und Bücher als Therapie.

BB: Bevor wir über Ihre Lesung reden, würde ich gerne über Ihren Lebenslauf sprechen: Sie haben Buchhändler gelernt, dann lange in der PR gearbeitet und schreiben heute Bücher. Klingt wie jemand, der zu seiner Liebe, den Büchern, zurückgekehrt ist.

Frank Maria Reifenberg: Nein. Und ja. Eine Liebe zum Buch hat es immer gegeben. Ich bin in Friesenhagen, einem kleinen Dorf im Westerwald, aufgewachsen, da gab es in den 60er Jahren nicht viel, was man hätte machen können – außer einer katholischen öffentlichen Bibliothek. Die habe ich hoch und runter gelesen. Deswegen gab es früh eine Verbindung zu Büchern, da bot sich die Ausbildung zum Buchhändler an. Als Buchhändler ist man aber eben auch zu einem großen Teil Händler. Dann gab es eine relativ lange Phase in der Public Relations. Bis ich irgendwann keine Lust mehr hatte, etwas für fremde Leute zu entwickeln. Also hab ich das mit dem Bücherschreiben ausprobiert.

BB: Welche Bedeutung haben Bücher für Sie?

Reifenberg: Das ist je nach Lebensphase ein bisschen anders. In der Kindheit war es eine Flucht in fremde Welten. Heute ist ein Buch für mich vor allem auch ein Mittel der Entschleunigung und hat fast schon therapeutischen Charakter.

BB: Was lesen Sie denn so?

Reifenberg: Das fragen mich auch die Kinder in den Lesungen immer. Ich lese natürlich sehr viel um meine Projekte herum. Als ich den Briefroman geschrieben habe, habe ich ganz viele Briefromane gelesen und auch Original-Briefe. Privat lese ich sehr breit gefächert. Gut gemachte Thriller, Abenteuergeschichten über die Entdeckung der Südsee und im Moment eine Biografie über Lucrezia Borgia.

BB: Sie engagieren sich in der Leseförderung für Jungen. So wie das bei Ihnen klingt aber ja nicht aus eigener Erfahrung, dass Lesenlernen sehr mühselig war.

Reifenberg: Ne, ich habe das nie als mühselig empfunden. Aber für viele Jungen ist es tatsächlich so. Viele Jungen haben oft sehr wenig Kontakt zu Büchern. Und wir wissen auch, dass gerade Jungs oft rein technisch nicht gut genug lesen lernen. Und dann ist das fürs Gehirn immer eine sehr schwierige Aufgabe und sehr anstrengend.

BB: Also ist der Einstieg besonders wichtig?

Reifenberg: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, schnell genug lesen zu können, dass ein dickes Buch begeistert und keine Bedrohung ist.

BB: Warum haben überhaupt immer mehr Kinder so wenig Kontakt zur Büchern?

Reifenberg: Ich glaube, heutzutage fehlt Kindern etwas, was zum Lesen eine ganz gute Voraussetzung ist, nämlich Langeweile. In meiner Kindheit gab es nicht nur nur die Bücherei, sondern auch nur drei Fernsehprogramme. Und natürlich kein Smartphone, keine Computer und nichts. Also wurde draußen gespielt oder drinnen geschmökert.

BB: Sie haben an einem Buch mitgeschrieben, das heißt “Jungen lesen ander(e)s”. Was ist bei Jungen anders als bei Mädchen?

Reifenberg: In vielen Fällen sehen Jungen Lesen irgendwann als eine weibliche Tätigkeit an. Das fängt häufig damit an, dass es kaum männliche Erzieher in den Kindergärten gibt und meistens Väter doch weniger vorlesen als Mütter. Es gibt also wenige männliche Lesevorbilder. Und wenn die Jungen dann irgendwann in die fünfte Klasse kommen und anfangen, ihre Rolle neu zu definieren, dann legen sie das Lesen in so eine Kiste, uh, das ist rosa, das ist Mädchenkram. Und wenn dann das Lesen noch mühselig ist, kommt ein Kreislauf in Gang, auch weil andere Medien und Games spannender sind.

BB: Betrifft das viele?

Reifenberg: Das ist eine relativ große Zahl. Im Alter von 15 sagt über die Hälfte der Jungs, dass sie nur lesen, wenn sie müssen.

BB: Und dann?

Reifenberg: Bei den, sagen wir mal, verprellten Lesern kommt es darauf an, denen die richtigen Lesestoffe zu geben, die ihnen Spaß machen, die spannend sind, die ihre Themen sind. Und das ist bei Jungen und Mädchen in diesem Alter sehr unterschiedlich. Da muss man auch gar keine Gender-Diskussion führen. Für einen Jungen ist es einfach hilfreich, wenn er in einem Buch einen männlichen Helden findet, der ein bisschen älter ist und Dinge kann, die der Junge noch nicht kann, der durch die Geschichte marschiert und Probleme löst. Und Jungen mögen Klamauk. Deswegen sind Gregs Tagebücher so erfolgreich.

BB: Die viele Eltern und Pädagogen ja nicht sonderlich mögen.

Reifenberg: Viele haben darüber sehr die Nase gerümpft. Aber man muss da gar nicht immer auf den pädagogischen Mehrwert achten, sondern darauf, dass es Spaß macht. Denn, und das sind Erkenntnisse aus der Hirnforschung, Lesen macht im Gehirn immer dasselbe, egal ob man die Bedienungsanleitung einer Mikrowelle, Gregs Tagebuch oder Dostojewski liest.

BB: Aber der ganz heiße Tipp wäre doch eigentlich, es gar nicht so weit kommen zu lassen.

Reifenberg: Absolut. Lesen muss wieder stärker in dem Lebensalltag von Kindern verankert werden. Ganz wichtig ist, dass die Väter sich da in die Pflicht nehmen lassen – und das nicht nur als Pflicht ansehen.

BB: Bei Käpt´n Book lesen Sie “Lenny unter Geistern”. Auf den ersten Blick eine Gespenstergeschichte. Auf den zweiten aber ein Buch über Freundschaft.

Reifenberg: Das ist bei mir immer so, es gibt immer mehrere Ebenen. Einmal an der Oberfläche eine spannende Geschichte, manchmal auch lustig oder gruselig. Und dann gibt es eine zweite Ebene, auf der sich die eigentlichen emotionalen Dinge abspielen.

BB: Stattfinden wird die Lesung im Besucherbergwerk des Bergischen Museums. Ist so eine Lesung im Bergwerk für Sie etwas Besonderes?

Reifenberg: Ich habe schon in Museumshöhlen und auf Schiffen gelesen, an solchen Orten macht das einfach besonders Spaß. Und sie sind natürlich auch für die Kinder ein Erlebnis. Und genau so lege ich auch meine Lesungen immer an. Ich lese sehr schauspielerisch, zeige Bilder, die Kinder machen mit – gelesen wird da eigentlich am wenigsten. Weil ich möchte, dass die Lesung ein Event für die Kinder wird. Dass sie merken, dass Lesen Spaß machen kann. Wenn die Kinder das mit nach Hause nehmen, bin ich ganz zufrieden. Und wenn sie dann auch noch anfangen zu lesen und vielleicht sogar noch eines meiner Bücher, umso besser.

Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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