Herr Tur-Tur und andere Weisheiten…

Ach herrjeh-herrjehmineh! Jetzt soll ich schon zum dritten Mal eine Kolumne über „Kaptain-Book“ schreiben. Über Bücher, und besonders Kinderbücher ist doch alles gesagt? – Weit gefehlt! Heute erzähle ich, warum ich erst als Erwachsener erkannte, dass in Märchen und Gedichten die wahren Weltgeschichten stehen, und warum die Kinderbücher meine besten Lebenslehrer waren. Beginnen wir mit den „Bremer Stadtmusikanten“:

Da sind vier Tiere. Und alle ziemlich depressiv. Denn sie leiden unter Burn-out! Der Esel hat Rücken. Er kann keine Säcke mehr schleppen. Und da heißt es dann: Outgesourct! „Für Alte, die nix mehr bringen, ham wir keine Verwendung.“ Und so ergeht es auch dem Hund. Keine Zähne mehr. Outgesourct! Die Katze keine Krallen. Outgesourct! Der Hahn hat chronische Bronchitis. Weg mit ihm! Aber dann hat der Esel eine Idee: „Ich werd‘ mich auf die Reise machen. Etwas Besseres als den Tod werde ich überall finden.“ Und mit diesem Satz finden die vier Freunde zusammen: „Komm mit, etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden.“ Und – es funktioniert. Sie vertreiben die Räuber, besetzen deren Haus, und gründen eine Senioren-WG. Wunderbar! Erst als Erwachsener erkannte ich, dass in diesem Kindermärchen eine tiefe Weisheit steckt. Lass dir von niemandem, wirklich niemandem sagen: “Du bist zu alt. Du bist nichts wert“. Nein, hab den Mut aufzustehn und aufzubrechen! Etwas Besseres als den Tod wirst du überall finden! Bleib neugierig, bleib wach! Egal wie alt du bist. Suche Freunde, bilde Gemeinschaften. Und dann werdet ihr die Räuber in euch vertreiben. Die Einsamkeit, die Mutlosigkeit, die Angst. Wie Recht hat der romantische Dichter Novalis: „Wenn in Märchen und Gedichten stehn die wahren Weltgeschichten, dann fliegt von einem einzgen Wort, das ganze falsche Wesen fort!“

Als Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, mit ihrer treuen Lok Emma die endlos scheinende Wüste durchqueren, erschrecken sie zutiefst. Am Horizont erscheint ein Riese, dessen Haupt bis in die Wolken ragt! Aber die drei Abenteurer widerstehen dem Impuls zu fliehen. Sie fahren auf die unheimliche Gestalt zu und bemerken etwas Seltsames. Je näher sie dem Riesen kommen, desto kleiner wird er. Und als sie endlich vor ihm stehen, ist es ein ganz normaler Mensch. Nicht größer als Lukas. Was ist sein Geheimnis? Es stellt sich heraus, dass es sich um einen der höchst seltenen Scheinriesen handelt. Herr Tur-Tur, so sein Name, hat die verblüffende Angewohnheit im Gegensatz zu den Naturgesetzen immer größer zu werden, wenn man sich von ihm entfernt. Und da er deshalb den Menschen eine Heidenangst einjagt, hat er sich in die Einsamkeit der Wüste verkrochen. Aber er leidet schrecklich unter dieser Einsamkeit. „Das können wir ändern“, sagt Lukas. Und sie nehmen ihn mit nach Lummerland. Die kleine Insel brauchte nämlich unbedingt einen Leuchtturm. Da aber für ein solch großes Gebäude auf dem winzigen Eiland kein Platz war, hatten die Drei, Jim Knopf, Lukas und Emma, ihre Heimat verlassen. Und jetzt: Die Lösung! Da Herr Tur-Tur ja eigentlich normal klein ist, braucht er nachts nur mit einer Laterne in der Hand vor die Tür zu treten und für die weit entfernten Schiffe ragt wie gewünscht ein großer leuchtender Turm über Lummerland. Soweit die hinreißende Fantasie vom Autor Michael Ende. Aber was lernen wir Erwachsenen daraus? Nun, sehr viel. Wir alle laufen meistens vor Problemen und Sorgen ängstlich davon. Wenn wir uns aber der Angst stellen und auf das Problem zugehen, geschieht etwas Verblüffendes: Das Problem ist gar nicht so groß, wie wir dachten. Im Gegenteil, je näher wir kommen, desto kleiner wird es. Die fantastische Geschichte vom Scheinriesen Herrn Tur-Tur ist eine Weisheitsgeschichte, die vom Wesen der Ängste, die uns jagen, erzählt. Sie sind nämlich in den allermeisten Fällen Schein-Ängste! Das gilt für die meisten Märchen Erzählungen und Mythen. Auch für die biblischen Geschichten. Für nüchterne Rationalisten sind das alles Kindermärchen. Aber in ihnen ist, wie eine Perle in einer Muschel oder ein Schatz im Acker, oft die tiefste Wahrheit versteckt. Man muss sie nur finden!

…dann fliegt von einem einzigen Wort das ganze falsche Wesen fort!

Meint euer 

Willibert

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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