Geschichte zum Er-Spielen

Nümbrecht Die meisten von ihnen sind gerade mal 75 Millimeter klein – und doch sind sie für Viele, nicht nur für Kinder, die Größten. Playmobil-Figuren bevölkern nahezu alle Kinderzimmer der Republik. Und für die nächsten knapp fünf Monate auch das Museum Schloss Homburg. Dort eröffnet am Sonntag, 15. September, eine Ausstellung, die es so noch nicht gegeben hat. Und die den Spaß an den bunten Plastik-Püppchen auf gerade zu geniale Weise mit dem museumspädagogischen Ansatz des Schlosses verbindet.

Die zahllosen Männchen und Accessoires stammen aus der Sammlung des Hamburgers Oliver Schaffer, der regelmäßig Museen in fantasievolle Spielzeug-Landschaften verwandelt. Die Ausstellung in Nümbrecht ist seine 40. – „aber die erste, für der vorher ein Drehbuch hatte“, wie Museumsleiter Steffen Müller betont. Müller war es, der vor gut zwei Jahren eine Ausstellung von Schaffer im Maximilianpark in Hamm gesehen hatte. Davon sei er sofort begeistert gewesen, erinnert sich Müller. „Aber uns war auch schnell klar, dass das für hier im Museum nicht ausreicht hätte.“

Also kreierten die Museumsmacher und der Playmobilsammler gemeinsam ein Konzept, in dem die Spielzeugfiguren die Ausstellung des Museums aufgreifen, ergänzen und erweitern. So wurde in der riesigen Esse des Schlosses, eine der größten in NRW, eine mittelalterliche Szene aus Playmobil aufgebaut. In einem anderem Raum wurde eine Jagdszene, die als Gemälde an der Wand hängt, nahezu eins-zu-eins nachgebildet. Auch wenn dafür Bauteile, die eigentlich für ein Fort gedacht waren, aus dem Wilden Westen ins Mittelalter transportiert werden mussten.

Vom Mittelalter bis zu den Anfängen der Industrialisierung wird so die Geschichte der Region abgebildet, „mit all den Themen, die das Bergische Land seit 700 Jahren umtreibt“, wie es Steffen Müller formuliert. Mal sieht man die Anfänge des Waldbröler Vieh- und Krammarktes, mal kann man Napoleon beobachten, wie er seine Truppen mit neuen Rekruten auffüllt. Es gibt Ritterturniere, Szenen aus dem Biedermeier – und unendlich viele Details zu entdecken. So findet sich in jedem Aufbau immer eine Gespenster-Figur, die die Besucher zudem durch das umfangreiche Heft zur Ausstellung begleitet. Zusammen mit einer Figur, die Müller und seinen Kollegen vom Lehrer der Playmobil-Schule zum Geschichtsprofessor „beförderten“.

„Darin steckt unfassbar viel vermittlungstechnischer Inhalt“, sagt Steffen Müller zu der Broschüre, die so gestaltet ist, dass sie von nahezu jeder Altersgruppe genutzt werden kann. Dank eines Farbschemas können sich sogar Kinder, die noch nicht lesen können, in der Ausstellung orientieren. Und wer danach noch nicht genug hat, findet am Ende des Heftes Buch- und Literatur-Tipps zum Weiterlesen.

Neben der mit Playmobil erweiterten Dauerausstellung im Schloss finden sich in der Orangerie weitere Ausstellungsstücke aus Oliver Schaffers Sammlung. Eine Szene, die direkt dem Disney-Klassiker „König der Löwen“ entsprungen zu sein scheint zum Beispiel, eine prähistorische Landschaft mit Dinosauriern und eine gigantische Weltkarte, auf der der Sammler die Hochkulturen der Weltgeschichte, von den Inkas bis zu den Römern, aufgebaut hat. Vermutlich die größte zusammenhängende Playmobil-Landschaft überhaupt, sagt Müller: „So etwas hat es bisher noch nicht gegeben. Und ich wüsste auch nicht, wo es das noch einmal geben sollte.“

Alles das ist das Ergebnis von mehr als einem Jahr Vorbereitung und jeder Menge Arbeit. Bei der alle Mitglieder des zehnköpfigen Teams von Schloss Homburg mitgeholfen haben. Dabei haben die Museumsmitarbeiter immer alles soweit möglich vorbereitet, den eigentlich Aufbau übernahm dann Oliver Schaffer. „Eine Kollegin hat zum Beispiel 15 Stunden lang Bäume zusammengesteckt“, berichtet Steffen Müller. Nur einmal, bei der nachgebauten Jagdszene, durfte auch Müller beim Aufbau mit Hand anlegen. „Das empfinde ich als Ritterschlag.“

Abgerundet wird die gesamte Ausstellung durch zwei Spielzimmer und weitere Angebote wie ein Gespenstercasting. „Dafür haben wir extra den Weltgespenstertag am 3. April 2020 ausgerufen, den es vorher nicht gab“, sagt Steffen Müller. Auch das Angebot im Museumsshop wurde angepasst. Und sogar die Kleidung der Mitarbeiter. Wenn die sich, zum Beispiel bei Führungen, durch die Ausstellung bewegen, sind sie als Playmobil-Figuren verkleidet. Mit Kostümen, die eine Schneiderin entworfen und hergestellt hat, die sonst für die Salzburger Kammerspiele arbeitet.

„Geschichte(n) erleben auf  Schloss Homburg“

15. September 2019 bis 9. Februar 2020, Di-So 10-18 Uhr (ab November bis 16 Uhr), Tickets ab 3 Euro, Familientickets 12 Euro

www.schloss-homburg.de

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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