Von Bienen und Menschen

Elf Kindern schenkten Albert und Maria Wedding das Leben. Als da waren: Josef, Bruno, Albert, Hedwig, Paula, Mia, Lisbeth, Agnes, Cilly, Änni und Gretchen. Gretchen war meine Mama. Voller Liebe denk ich an meine zahlreichen Onkel und Tanten zurück. Sie waren alle herzensgut. Ein bisschen bergisch-eigen, fromm und echte Originale. Vor allem Onkel Albert und Onkel Bruno.

Albert hatte bei seinem Vater das Klempnerhandwerk gelernt und seinen Laden übernommen. Bis zum Tod des letzten der Geschwister bestand der Laden am Markt direkt neben der ev. Kirche in Wipperfürth, und bis zuletzt wurde auch die Schaufensterdekoration nicht geändert: eine Badewanne, mehrere Waschbecken und Kloschüsseln!

So sah die Dekoration auch schon im 2.Weltkrieg aus. Niemals werde ich die wahre Geschichte vergessen, die damit verbunden ist. An „Führers Geburtstag“ wurden vom Nazi-Bürgermeister alle Wipperfürther Geschäftsleute aufgefordert, ihr „Führer-Bild“ ins Schaufenster zu hängen. Große Verlegenheit bei Weddings. Sie hatten kein Führer-Bild! Also wurde flugs eins aus der Zeitung (!) ausgeschnitten und – Achtung, kein Scherz! – in die Badewanne gelegt. Der Bürgermeister war außer sich vor Wut. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn sie den „Führer“ in die Kloschüssel drapiert hätten!

Diesen Eigensinn, der mit einem tiefen Gefühl für Gerechtigkeit einherging, hatte sich vor allem mein Onkel Albert bewahrt. „Ick kann dausend Mark an die Schwatten verschenken, äwwer wenn man mick um 5 Pennik bedritt, werd ick düwelswild!“ Übersetzung: „Ich spende gerne, im Rahmen der Entwicklungshilfe, für afrikanische Ureinwohner, aber wenn ich um 5 Pfennig betrogen werde, macht mich das zornig.“

Einmal, während eines Umbaus des Weddingschen Hauses, stand ich im Laden, als ein vornehm wirkendes Ehepaar den Verkaufsraum betrat. Durch die laut scheppernde Glocke hatte der Inhaber des Geschäftes das durchaus mitbekommen, aber die Besucher störten ihn wohl bei seiner Arbeit auf der Baustelle, was das laute Hämmern bestätigte. „Onkel Albert!“, rief ich, als das Hämmern nicht nachließ, „Kundschaft!“ – Und er brüllte, für alle deutlich zu verstehen, zurück: „Schmitt se rutt!“ Übersetzung: „Schmeiß sie raus!“ – „Äh, mein Onkel kommt gleich“, stammelte ich. So war er. Todjut, aber eigen.

Warum erzähl ich das alles? Nun, wegen Onkel Bruno. Er war Lehrer in Wipperfürth und nicht minder ein Orginal als sein Bruder. Er hatte ein Hobby, welches er leidenschaftlich betrieb. Eben jenes Imkern, das Thema dieses Bergischen Boten ist. Und auch darum rankt sich eine wahre Geschichte. Wir befanden uns in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Überall herrschte noch große Not und der Hunger war allgegenwärtig. Onkel Bruno, Junglehrer in Wipperfürth, war schon ein äußerst erfolgreicher Imker, und wegen der Lebensmittelknappheit war sein Honig begehrt. Auch der Schulrat erhielt ein Dutzend Gläser des Nektars. Nur, der Herr Schulrat vergaß offensichtlich, den Honig zu bezahlen!

Wochen später kam genau jener Schulrat in die Klasse des jungen Lehrers Bruno Wedding, um eine der gefürchteten Lehrproben abzuhalten. Wie alle Probanden hatte sich auch mein Onkel akribisch auf die Prüfung vorbereitet. Der Tag kam. „Nun, Herr Wedding“, hob der Schulrat an, „was haben Sie mir anzubieten?“ – „Wir haben wochenlang die Erzählungen über Till Eulenspiegel durchgenommen“, antwortete  der Prüfling, „und wir haben sogar ein kleines Theaterstück vorbereitet, was wir jetzt gerne aufführen möchten. Der Titel des Stückes heißt: Die Honigdiebe!“

Bis zum Ende seines Lebens behauptete Onkel Bruno, er habe gar nicht daran gedacht, wie doppeldeutig der Titel des Theaterstücks war, angesichts der Tatsache, dass der gefürchtete Schulrat ihm noch eine Honigrechnung schuldig war. Jedenfalls mitten in der Aufführung, als zum zigsten Mal der Begriff „Honigdieb“ gefallen war, sprang der Schulrat auf und brüllte: „Was kostet der Honig, Herr Wedding?!“ –„Äh, soundsoviel Mark.“ – „Hier haben Sie das Geld!“, wütete der hochwürdige Vorgesetzte des Junglehrers Wedding, knallte das Geld auf das Pult und verließ mit den Worten „Sie haben bestanden“ das Klassenzimmer. Wie gesagt, Onkel Bruno behauptete stets, er habe das nicht absichtlich getan, aber ich glaube ihm nicht. Er war nämlich auch ein Till Eulenspiegel.

Das, liebe Leserschar, ist die Geschichte, die mir immer beim Thema „Imker und Honig“ einfällt. Fehlt noch ein Witz: Was sagt ein Schalke-Fan, der eine Biene in seinem Garten entdeckt? „Äh, nich mit dem Trikot in meinem Gaaten!“

Ach wie sehr vermisse ich meine Onkel und Tanten aus dem Hause Wedding! Aber, wie sie, bin ich der Überzeugung, dass wir uns irgendwann wiedersehen. 

Euer Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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