Fleißige Bienen und ihre Imker

Kinderleicht – und ungefährlich: Leon Gregas Sohn Damyan hilft bei der Bienenzucht und der Honigproduktion.

Rhein- und Oberberg In der Nähe von Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern steht einer der größten Schweineställe Europas. In dem riesigen Betrieb, der zusammen mit dem bewirtschafteten Acker- und Grünland so groß ist wie 2.000 Fußballfelder, leben bis zu 34.000 Tiere. Gigantische Zahlen, die wohl eher zu einer Fabrik als zu einem Bauernhof passen. Über die Leon Grega aber nur müde lächeln kann. Die Anzahl der Tiere, die er hält, kann man nur grob schätzen. Sie gehen aber auf jeden Fall in die Millionen. Und das ganz ohne Massentierhaltung.

Leon Grega ist Imker. Rund 100 Bienen-Völker hat der 32-jährige Engelskirchener derzeit. Jedes Volk besteht aus 30.000 bis 50.000 Tieren. Noch ist die Imkerei für Grega ein Nebenerwerb, in den nächsten Jahren soll sein Betrieb aber so weit wachsen, dass er davon leben kann. 300 bis 500 Völker brauche er dafür, schätzt Leon Grega. Und jedem einzelnen muss er möglichst optimale Bedingungen bieten. „Um erfolgreich imkern zu können, muss man die Bienen verstehen“, sagt er. „Und man muss die Bienen respektieren.“

Die Imkerei hat in den letzten Jahren einen enormen Wandel durchgemacht. War die Bienenhaltung bisher meist die Domäne älterer, als leicht schrullig geltender Herren, erleben viele Bienenzuchtvereine derzeit einen großen Zulauf neuer Mitglieder. Und mit denen kommen auch neue Ideen und neue Einflüsse. Dabei profitieren die Imker von gleich zwei gesellschaftlichen Entwicklungen: dem gestiegenen Interesse an hochwertigen und regionalen Lebensmitteln und der Sorge um Insekten im Allgemeinen und Bienen im Besonderen.

In Bayern unterstützten Anfang des Jahres 1,75 Millionen Wahlberechtigte das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, das nun voraussichtlich eins zu eins zum Landesgesetz wird. In Rhein-Berg wurde Ende 2017 die Dorfgemeinschaft Oberodenthal für ihr Projekt „Jede Blüte zählt – Ein Dorf deckt den Bienen den Tisch“ mit dem Engagementpreis NRW ausgezeichnet. Dass die Honig-Biene weniger vom Insektensterben bedroht ist als ihre wilden Verwandten, Käfer und Schmetterlinge, ist für die meisten Menschen kaum von Bedeutung. Die Biene ist zu einer Art Synonym für eine intakte Natur geworden. Auch weil sie durch die Bestäubung der Pflanzen deren Wachstum überhaupt erst ermöglicht.

Eines der drei Bienenvölker von Guido Lander steht direkt bei ihm im Garten. Regelmäßig kontrolliert er, ob es den Tieren gut geht.

Eines der drei Bienenvölker von Guido Lander steht direkt bei ihm im Garten. Regelmäßig kontrolliert er, ob es den Tieren gut geht.

Auf diesem Weg sind auch Andrea und Guido Lander zu ihrem neuen Hobby gekommen. „Man hört ja viel vom Bienensterben“, sagt Guido Lander. Also habe man sich im vergangenen Jahr entschieden, den Garten des eigenen Hauses in Bergisch Gladbach-Paffrath einem Imker als Standort für seine Bienen anzubieten. Doch Markus Bollen vom Bienenzuchtverein Bergisch Gladbach reagierte anders als gedacht. Er war der Meinung, das Ehepaar Lander könne dort lieber gleich selber imkern: „Er hat gesagt: Kauft euch eine Beute, alles andere bekommt ihr von uns“, erinnert sich Guido Lander.

Also kauften sich die Landers eine der „Beute“ genannten Holzkisten, die den Bienen als Heim dienen – und legten mit Unterstützung erfahrener Imker los. Vor einem Jahr kam das erste Bienenvolk, inzwischen haben sie drei. Mehr sollen es aber auch nicht werden, wegen der Arbeit zum einen. Aber auch wegen des Honigs zum anderen. „Im besten Fall hätten wir mit drei Völkern rund 240 Gläser Honig pro Jahr, wir wüssten gar nicht, wohin damit“, sagt Guido Lander.

Doch bisher stellt sich die Frage gar nicht, weil keines der Völker genug Honig produziert, um ihn zu ernten. „Unsere Damen chillen“, lacht Andrea Lander. „Aber wir rechnen auch nicht auf.“ Die Imkerei sei für sie ein Hobby, sagt Ehemann Guido. „Der Honig-Ertrag ist nicht unser primäres Ziel.“ Trotzdem lassen die beiden durchblicken, dass sie sich schon auf ihr erstes Glas aus eigener Produktion freuen: „Das ist wie Salat aus dem eigenen Garten“, sagt Andrea Lander. „Den isst man ja auch anders.“

Wer wie die Landers mit der Imkerei beginnen möchte, findet in den Imker- und Bienenzuchtvereinen der Umgebung meist dankbare Ansprechpartner. Oft bekommen Anfänger einen Paten zur Seite gestellt, von dem gibt es meist auch die erste Königin fürs erste eigene Volk. Zudem gibt es ein umfangreiches Kurs-Angebot für den Imker-Nachwuchs. Die Kosten halten sich anfangs in Grenzen. Etwa 200 Euro pro Beute müsse man rechnen, sagt Guido Lander. Außerdem rund 50 Euro für die Schutzkleidung. Geräte, die man seltener braucht, wie die Honig-Schleuder, stehen in der Regel beim Verein zur Verfügung.

Trotzdem warnt Profi-Imker Leon Grega davor, sich allzu leichtfertig für die Bienenhaltung als Hobby zu entscheiden: „Man kauft ja auch kein Huhn, wenn man Eier braucht.“ Imkern bedeute, sich intensiv mit dem Verhalten der Bienen zu beschäftigen. Ein einjähriger Kurs, wie ihn zum Beispiel der Bienenzuchtverein Bechen in Kürten anbietet, könne da nur der Anfang sein. Leon Grega hat nicht nur zahlreiche Kurse und Seminare besucht, sondern pflegt auch den Austausch mit Imker-Kollegen. Vor allem aber liest er viel zum Thema: „Ich weiß gar nicht, wie viele Bücher ich besitze.“

Ein Problem dabei ist auch, dass sich die Experten und ihre Bücher teilweise widersprechen. Vieles in der Imkerei, so scheint es, ist eine Glaubensfrage. So diskutiert die Szene zum Beispiel heftig darüber, ob man die Beuten farbig anmalen soll. Oder ob man den Bienen am Eingang ein kleines Brett als Landeplatz zur Verfügung stellen soll. Auch der Einsatz des Smokers ist umstritten. Der Rauch signalisiert den Bienen, dass es brennt. So kümmern die sich eher um die Rettung der Honig-Vorräte als um die potenzielle Bedrohung durch den Menschen. Während die einen Imker ihre Völker nicht ständig in Alarmbereitschaft versetzen wollen, sagen die anderen, dass der vermeintliche Brand vermutlich weniger Stress bedeute als sich mit dem möglichen Angreifer zu beschäftigen.

Leon Grega zählt sich zu den modernen Imkern, vieles, was er in seiner Anfangszeit mal gelernt hat, macht er heute nicht mehr oder anders. „Ich imker anders als 80 Prozent der Imker“, sagt er. Ein wesentliches Ziel seiner Arbeit sei, die Völker so selten wie möglich zu stören. Dass er so auch schon mal nicht mitbekommt, wenn ein Teil eines Volkes schwärmt, sich also einen neuen Wohnort sucht, nimmt er in Kauf: „Dann ist das halt so.“

Was sich allerdings kaum vermeiden lässt, sind gelegentliche Umzüge der Beuten. „Am liebsten würde ich meine Völker einmal hinstellen und stehen lassen“, sagt Leon Grega. „Das kann man machen, aber dann verdient man kein Geld.“ Denn dass an einem Standort übers ganze Jahr genug Nahrung zur Verfügung steht, sei selten, auch wegen der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung in der Region. Das Bergische ist zwar grün, bietet aber gar nicht so viel Bienen-Nahrung in Form von Blüten. Dass Kölner Imker mehr Ertrag haben als ihre Kollegen auf dem Land, ist keine Seltenheit.

Und so muss Grega ein Volk, das das Frühjahr noch in der Nähe eines Rapsfeldes verbracht hat, nach der ersten Honigernte Anfang Mai halt an einen Waldrand verfrachten. Insgesamt verteilen sich seine Bienen übers ganze Bergische Land und bis nach Köln. Für den Imker bedeutet das lange Fahrten und, weil er die Bienen früh morgens weniger stört, oft frühes Aufstehen. Die Völker selber sind bei ihren Umzügen nie länger als eine Stunde unterwegs. Das wäre für die Tiere zu viel Stress. Und Stress mindert die Honig-Ausbeute.

Imker Leon Grega bei einem seiner rund 100 Bienenvölker.

Imker Leon Grega bei einem seiner rund 100 Bienenvölker.

Während der Durchschnittsimker im Bergischen rund 20 bis 40 Kilogramm Honig pro Volk und Jahr produziert, kommt Leon Grega auch schon mal auf 100 Kilo. Verkauft wird der vor allem über regionale Wiederverkäufer wie Unverpackt-Läden oder spezialisierte Händler. Und über einen eigenen Online-Shop. In dem bietet Grega auch zahlreiche andere Produkte rund um Honig und Bienenwachs an. Wie Kerzen, Likör, Bonbons, Seifen und Bienenwachs-Tücher, die man als umweltfreundliche Alternative zur Frischhaltefolie aus Plastik nutzen kann. Neu sind Mischungen aus Honig mit Kurkuma, Zimt, Ingwer oder Walnüssen. Und mit Kakao, was sich Leon Gregas Sohn Damyan statt Nuss-Nougat-Creme aufs Brötchen schmiert.

Hauptprodukt bleibt aber der pure Honig, den es in verschiedenen Sorten, mal nach Standort, mal nach Produktionszeit, mal nach der Blüten-Art sortiert, gibt. Guten Honig, sagt Leon Grega, erkenne man vor allem am Geschmack. Aber auch an der Herkunft, die immer auf dem Glas angegeben werden muss. Gerade mal 20 Prozent des in Deutschland verkauften Honigs stammen von hier. Der Rest kommt vor allem aus Mexiko, Argentinien, Rumänien – und China. Obwohl es im Reich der Mitte kaum noch Bienen gibt.

500 Gramm Honig, die im Discounter bei etwa drei Euro beginnen, kosten bei Leon Grega sieben bis acht Euro. Für seine Kunden kein Problem, sagt er, denn die meisten Familien verbrauchen ja nur ein paar Gläser pro Jahr. Und wenn doch mal einer über den Preis moppert? „Dann sag ich immer, dass man nicht nur den Honig, sondern auch die Bestäubung der Pflanzen durch die Biene kauft“, sagt Leon Grega. „Die Frage ist nur, wo ich diese Bestäubung kaufe. Bei mir im Garten oder irgendwo in Asien.“

Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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