Aus „Omas Hobby“ ist ein Trend geworden

Christina Lenz und Frederik Leymann in ihrem Geschäft in Wiehl.

Wiehl/Wipperfürth „Stricken ist wie eine Therapie, es beruhigt und entspannt“, sagt Barbara Pier. Und sie muss es wissen. Bereits im zarten Alter von acht Jahren begann sie zu stricken – und macht es bis heute sehr gerne. Im Februar hat Barbara Pier ihr Hobby zum Beruf gemacht und eröffnete auf knapp 20 Quadratmetern in der Wipperfürther Marktstraße „Die Wollkiste“. Ihr erster Kunde sei übrigens ein Mann gewesen: „Er kam bereits vor der Eröffnung in mein Ladenlokal und verlangte nach Wolle für Socken und geeigneten Stricknadeln“, erinnert sich Pier.

Stricken, Häkeln und Nähen sind ein Trend, der längst auch bei jüngeren Menschen angekommen ist. Und eben auch bei Männern. Was früher als „Omas Hobby“ galt, ist heute wieder angesagt. „Die Menschen wollen individuelle und ausgefallene Sachen tragen, die in den Läden nicht zu finden sind. Oder aber sehr teuer sind“, sagt Christina Lenz, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Frederik Leymann in Wiehl „Abgenäht“, einen Handel für Stoffe und Nähzubehör, betreibt.

Was vor drei Jahren als Onlineshop begann, hat sich in kurzer Zeit zu einem größeren Unternehmen gemausert. In einer ehemaligen Fabrik in Oberwiehl war eigentlich nur das Lager der Jungunternehmer, vor knapp einem Jahr haben Lenz und Leymann hier auch ein Ladenlokal eröffnet: „Bei Stoffen spielt die Haptik eine wichtige Rolle. Unsere Kunden wollen die Produkte anfassen und spüren“, sagt Leymann. „Nun kommen viele vorbei, vergewissern sich, dass es genau dieser Stoff ist, den sie suchen, und bestellen die nächsten Male online.“

Christina Lenz näht selbst gerne: „Nach der Geburt unseres ersten Sohnes habe ich aus Langeweile viele Dinge genäht und auch versucht, diese auf Märkten zu verkaufen.“ Die Resonanz sei allerdings nicht sehr groß gewesen. „Meine Handarbeit wollte keiner bezahlen, also hatten mein Mann und ich die Idee, nicht das Endprodukt, sondern den Rohstoff zu verkaufen.“

Stoffe, übrigens fast alle ÖKO-Tex zertifiziert, gibt es in großer Auswahl bei „Abgenäht“. Von bunt bis dezent in Baumwolle, Filz, Jersey, Viskose, Tüll, Lederimitat oder Vlies. „Zu unseren Kunden zählen auch einige Karnevalsvereine, die ihre Fußgruppen ausstaffieren“, so die beiden Inhaber.

Manchmal nimmt Barbara Pier von der Wollkiste auch Auftragsarbeiten an, so wie diese Babyschühchen.

Manchmal nimmt Barbara Pier von der Wollkiste auch Auftragsarbeiten an, so wie diese Babyschühchen.

Ihre Stoffe beziehen Lenz und Leymann von der Firma Swafing aus Nordhorn in Niedersachsen. Alle vier Wochen kommt Bernfried Horstkamp, Gebietsleiter des Stoffgroßhandels, mit einem voll beladenen Sprinter und präsentiert den beiden Wiehlern die neueste Ware. „Es ist, als würde der Eismann kommen“, lacht Christina Lenz. „Man kauft direkt am Wagen und kann sich bei der großen Auswahl kaum entscheiden.“

Dass die DIY-Bewegung nicht nur die HandarbeiterInnen glücklich macht, sondern auch der Umwelt zugute kommt, beweist die Aktion „Make me Take me“ der Initiative Handarbeit. Weniger Plastikbeutel, mehr DIY lautet hier die Devise: Bis Ende 2019 sollten 10.000 nachhaltige Taschen verteilt werden. Dieses Ziel wurde bereits nach wenigen Wochen erreicht. Ob Trendlooks zum Selbermachen, neue Techniken oder Tipps für DIY-Einsteiger: Die Initiative Handarbeit ist die richtige Adresse für alle, die leidenschaftlich gerne stricken, nähen, häkeln oder es lernen wollen.

Wer öfter im Supermarkt an der Kasse steht und mal wieder seinen Einkaufsbeutel vergessen hat, dem rät Christina Lenz, sich einen Miyako Trageriemen zuzulegen: „Das ist ein einzigartiger Lederriemen, mit dem man nach Lust und Laune Taschen anfertigen kann, ganz ohne nähen.“ Alles, was man sonst noch dafür brauche, sei ein quadratisches Tuch.

Wer seine Einkaufsbeutel lieber fertig kaufen möchte, bekommt in der Wollkiste eine gehäkelte Variante. Die leidenschaftliche Handarbeiterin Barbara Pier bietet einige Stücke zum Kauf an und übernimmt auch hin und wieder Auftragsarbeiten: „Gerade habe ich ein Paar süße Babyschühchen fertig gehäkelt.“ Auch Alpaka-Wolle hat Pier im Sortiment, diese bezieht sie von einer Farm aus Nümbrecht.

Handarbeiten in geselliger Runde macht doppelt Spaß. Christina Lenz möchte ab Ende August bei „Abgenäht“ Kurse für Kinder und Workshops an den hauseigenen Nähmaschinen anbieten. Barbara Pier veranstaltet heute schon zweimal in der Woche Strickkreise: „Weil der Laden so klein ist, treffen wir uns in geselliger Runde eine Etage darüber bei meiner netten Vermieterin.“ Im Wohnzimmer oder auf der Terrasse wird dann bei Kaffee und Keksen gehandarbeitet und geklönt. Ob Socken für die Enkel, Schals für die Freundin oder leichte Sommerpullis für die Tochter, gestrickt wird, was Spaß macht. Jutta Mücher ist noch ein Neuling, während die vier anderen Frauen bereits seit Jahren stricken und häkeln: „Ich habe in kurzer Zeit sehr viel gelernt. In Gemeinschaft macht das Stricken gleich viel mehr Freude.“ 

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