Ahnenforscher: Detektive der Familie

An der Wand eine Ahnentafel und vor ihr auf dem Tisch auch: Ursula Haas aus Gummersbach erforscht die Geschichte ihrer Familie.

Bergisches Land Die Entdeckung Amerikas anno 1492; Napoleon reißt 1799 die Macht an sich; 1883: Bismarck etabliert in Deutschland die gesetzliche Unfall- und Krankenversicherung. Geschichte ist spannend. Sie berichtet uns von vergangenen Zeiten und Menschen, die einst gelebt haben – und Vorfahren waren. Auf der ganzen Welt interessiert man sich für Stammbäume, Familienkunde und Urahnen. Auch im Bergischen und Rheinischen Land.

Das „Waldhotel Tropfsteinhöhle“ liegt im oberbergischen Wiehl, unmittelbar an dem Naturwunder „Wiehler Tropfsteinhöhle“ und an dem beliebten Wildpark. Und: Es beherbergt einmal im Monat eine ganz besondere Interessengemeinschaft, nämlich die Bezirksgruppe Oberberg-Mark, die Teil der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde ist. Gut 50 Mitglieder zählt die Bezirksgruppe, „größtenteils Menschen älteren Semesters“, wie die Gummersbacher Gruppenleiterin Ursula Haas berichtet. Die Kostenrechnerin im Ruhestand – selbst Jahrgang 1944 – weiß, wie zeitintensiv Ahnenforschung ist: „Das ist sicher ein Grund, warum Menschen erst im Seniorenalter damit anfangen. Ein anderer ist aber, dass man sich im höheren Alter auch anders damit auseinandersetzt, selbst irgendwann ein Vorfahr zu werden.“ Ihr früherer Beruf jedenfalls helfe ihr sehr dabei, geduldig Archive auf links zu drehen: „Ich war in der Nachkalkulation tätig. Dort sucht man akribisch nach Differenzen“, erzählt sie schmunzelnd. Das akribische Suchen: Der ganz zentrale Aspekt in der Familienkunde. 

„Man beginnt natürlich – so vorhanden – mit dem Stammbuch der Eltern“, erläutert Ursula Haas ihr Vorgehen. „Mit etwas Glück gibt es dann noch das Stammbuch der Großeltern. Und dann muss man sich, wie wir hier bei uns sagen, immer weiter zurück krosen.“ Zurück vorarbeiten also, in meist kleinen Schritten, mit Geduld und reichlich verfügbarer Zeit. „Man hat die Möglichkeit, in den Kirchengemeinden etwas in Erfahrung zu bringen. Alte Kirchenbriefe geben oft Aufschluss über Geburts- oder Sterbedaten.“ Hilfreiche „Mitglieder“ der Bezirksgruppe sind aber auch das Stadtarchiv Olpe als körperschaftliches Mitglied sowie die drei Tauschpartner Bergischer Geschichtsverein Abteilung Oberberg, Abteilung Hückeswagen und der Heimatverein für Olpe und Umgebung. „Und heutzutage ist natürlich das Internet eine große Hilfe“, so die 75-Jährige, die ihre eigene Familiengeschichte immerhin nachweislich bis 1745 zurückverfolgen kann, etwas diffuser sogar „bis vierzehnhundertirgendwas.“ 

1913 ist die Jahreszahl, die das Gründungsjahr der „Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde e.V.“ beschreibt. Die Bezirksgruppe Oberberg-Mark blickt so weit nicht, immerhin aber auf das Gründungsjahr 1985 zurück. „Die hohe Teilnehmerzahl von etwa 100 Personen bei einer Informationsveranstaltung zum Thema Familienforschung überraschte damals alle“, ist auf der (natürlich akribisch geführten) Website der Westdeutschen Gesellschaft, wgff.de, nachzulesen. Die Idee für eine eigene Bezirksgruppe war geboren. Und was früher noch alles abtelefoniert, erlaufen und erfahren werden musste, ist heute praktischerweise auf so einer Website gebündelt zu finden: Von digitalen Bibliotheken über alle möglichen Archive bis hin zu einer Totenzettel-Datenbank! 

Eine Datenbank ist auch der sogenannte Bergische Datenpool auf der Website des Bergischen Vereins für Familienkunde e.V. Wem bei dem Begriff Datenpool die Ohren klingeln, dem sei gesagt: „Wir berücksichtigen selbstverständlich alle aktuellen Datenschutzbestimmungen.“ So nämlich die Aussage von Harald Stengel, Wuppertaler Vorstandsmitglied des Vereins mit Sitz in Schwelm. „Der Grundgedanke zum Datenpool war und ist: Nutzer geben die Ergebnisse ihrer Recherchen, Suchen und Nachforschungen ein und helfen anderen Nutzern gegebenenfalls damit weiter. Ein Geben und Nehmen.“ Der 68-jährige pensionierte Mediziner betont: „Wir arbeiten alle vereinsintern. Wir übernehmen keine Auftragsforschungen.“ Parallelen zur WGfF oder ähnlichen Interessengemeinschaften gibt es ansonsten aber viele. Zum Thema Akribie findet man beispielsweise auf der Website des Vereins, bvff.de, die Worte: „Durch die fleißige Arbeit unseres Mitglieds Jörg Eckgold können wir eine thematische und chronologische Zusammenstellung über alle Funzeln (0-87) als PDF-Dateien präsentieren.“ „Die Funzel“ ist das Infoblatt sowohl des Vereins als auch der Bezirksgruppe Bergisch Land der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde, und besagtes Mitglied hat auf der Homepage ab der Nullnummer vom Sommer 1977 alle Ausgaben digital hinterlegt.  

So wie in Wiehl trifft man sich auch in Wuppertal einmal im Monat zu Vereinsabenden und Tagungen (bei denen Gäste im Übrigen stets willkommen sind). Tagungsort des Bergischen Vereins ist die Niederländisch-Reformierte Kirchengemeinde. Ein weiterer besonderer Ort ist das Stadtarchiv Wuppertal an der Grenze zwischen Elberfeld und Barmen. Hier befindet sich nämlich auch die Bibliothek des BVfF und der Bezirksgruppe Bergisch Land der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde; einsehen in Bestände kann man allerdings nur online.

Wie so vieles andere zum Thema Familienforschung auch. Informationen rund um die Genealogie findet man zum Beispiel auf den Seiten von GenWiki unter wiki-de.genealogy.net. Tief (und akribisch) in die Materie eintauchen kann man auch auf den Seiten von archion.de. „Der Grundgedanke hinter Archion ist einfach“, informiert die Website. „Die teilnehmenden Archive digitalisieren ihre historischen Quellen und präsentieren diese über ein gemeinsames Portal, um Ihnen bei der Familienforschung und Ahnenforschung so viel Komfort wie möglich zu bieten.“

Mit solcherlei Recherchemöglichkeiten ist es Ursula Haas aus Gummersbach schon gelungen, einen Stammbaum bis in die Zeit von Karl dem Großen zurückzuverfolgen – und der ehemalige König der Franken regierte immerhin vor über 1200 Jahren, von 768 bis 814! 

Sehr ordentlich zurückgekrost also.

Jörg Degenkolb-Değerli lebt mit seiner Familie in Wuppertal, wo er als Autor und Journalist arbeitet. Von 2003 bis 2016 war er leitender Redakteur der Bergisch-Land-Ausgabe des Stadtmagazins "coolibri". Er moderiert Veranstaltungen und tritt selber als Bühnenliterat auf – im Spannungsfeld zwischen „schreiend komisch“ und „bitterernst“. Seine Programme „Einer lag im Kuckucksnest“ und „Nüchterne Worte für trunkene Menschen“ bieten Texte für Zwerchfell, Herz und Hirn.

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