Interview: Nektarios Vlachopoulos – Ein ganz klares Jein

Bergneustadt Nektarios Vlachopoulos war Deutscher Meister im Poetry Slam, hat die Kabarett Bundesliga gewonnen und bekam gerade erst in Nürnberg den Förderpreis des Deutschen Kabarettpreises. Der 32-Jährige aus Baden-Württemberg ist auf dem besten Weg, eine feste Größe in der deutschen Kleinkunstszene zu werden. Zu seinen Auftritten in Bergneustadt sprachen wir mit ihm über unbemerkte Fehler, Schweiß und Tränen beim Schreiben und die richtige Berufsbezeichnung.

BB: Bevor wir über deine Auftritte in Bergneustadt sprechen, würde ich erstmal gerne deine Berufsbezeichnung klären. Du nennst dich selbst Slampoet und Humorist – hast aber gerade den Deutschen Kabarettpreis bekommen. 

Nektarios Vlachopoulos: Na ja, ich komme ja aus der Poetry-Slam-Szene und mach in meinem aktuellen Programm im Prinzip immer noch die Texte, die ich damals im Wettbewerb gemacht habe, aber inzwischen abendfüllend mit Brücken dazwischen. Es ist eben nicht mehr Slam, weil ich meistens solo spiele. Comedy ist es auch nicht, weil ich nicht diese Punch-Line-Dichte habe wie die Stand-Up-Comedians. So richtig als Kabarettist empfinde ich mich aber auch nicht. Deswegen fand ich Humorist ganz passend. Einfach jemand, der versucht, lustig zu sein.

BB: Du hast in Nürnberg den Förderpreis des Deutschen Kabarett Preises bekommen, der Hauptpreis ging an Jochen Malmsheimer. Man könnte fast schon vom Jahr der Wort-Akrobaten sprechen.

Vlachopoulos: Da habe ich mich auch besonders darüber gefreut, den Preis quasi mit Jochen teilen zu dürfen. Manche Menschen sagen ja tatsächlich, ich wäre so eine Art junger Malmsheimer. Aber da sehe ich mich dann doch nicht auf Augenhöhe.

BB: Es gibt zwei Dinge, die immer im Zusammenhang mit dir erwähnt werden: Erstens bist du Lehrer. Und zweitens griechischer Abstammung. Warum sind gerade diese beiden Punkte so wichtig, dass jeder sie erwähnt?

Vlachopoulos: Ich spreche ja über beides auf der Bühne, auch wenn es nicht mein Programm ist, ich bin ja weder der lustige Lehrer, noch der lustige Grieche. Aber die Leute wollen immer was Greifbares. Und beides sind Bereiche, mit denen sich viele Menschen identifizieren können. Jeder hatte schon mal einen Lehrer. Viele, die ins Kabarett gehen, sind auch Lehrer. Und die Leute wollen offensichtlich ihren lustigen Griechen haben.

BB: Auf der anderen Seite ist eine deiner bekanntesten Nummern “Treffen sich ein Deutscher, ein Amerikaner und ein Türke” – die hätte ein Klaus Müller oder Peter Schmidt ja auch so gar nicht machen können, oder?

Vlachopoulos: Das weiß ich nicht. Ich weiß auch gar nicht, was das Geheimnis dieser Nummer ist. Als ich das geschrieben habe, war ich gar nicht sicher, ob das gut ist. Aber dann hat das auf der Bühne sowas von funktioniert und alle Fernsehsender wollten nur noch diese Nummer von mir spielen. Ich bin davon gar nicht so begeistert wie die meisten anderen.

BB: Vor ein paar Monaten habe ich den Comedian Herr Schröder interviewt, der wirklich Lehrer und derzeit beurlaubt ist, und der hat gesagt, der Unterricht sei die beste Vorbereitung für die Bühne gewesen. Siehst du das auch so?,

Vlachopoulos: Ich sehe das eher andersrum. Ich hab ja schon zu Beginn des Studiums mit der Bühne angefangen und die Bühne war die perfekte Vorbereitung fürs Unterrichten. Ich habe von Anfang routiniert und sicher vor der Klasse gestanden – auch wenn mal eine Situation außer Kontrolle geraten ist, bin ich immer schlagfertig geblieben.

BB: Hat deine Lehrer-Vergangenheit sonst irgendwelche Auswirkungen? Korrigierst du die Texte von Kollegen?

Vlachopoulos: Ich glaube, ich bin da ohne größeres Trauma rausgekommen.

BB: Aber irgendwie ist es doch schon bezeichnend, dass man auf der Bühne nur das Wort „Lehrer“ erwähnen muss und alle lachen.

Vlachopoulos: Das liegt aber eher daran, dass jeder schon mal mit Lehrern zu tun hatte und jeder die Klischees kennt. Um die Stellung des Lehrer-Berufs muss man sich sicher keine Sorgen machen.

BB: Du hastt in Bergneustadt zwei Vorpremieren deines zweiten Programms “Ein ganz klares Jein” gespielt. Für den Vorgänger hattest du acht Jahre Slam-Poetry und deine Zeit als Lehrer als Grundlage, diesmal nicht. War es anders, das neue Programm zu schreiben?

Vlachopoulos: Ja, komplett anders. Das erste Programm habe ich ja eigentlich nie wirklich geschrieben. Ich hatte acht Jahre Slam als Hobby, habe ganz ungezwungen Texte geschrieben und ungezwungen rumprobiert und mir dann die Kirschen rausgepickt. Und was ich zwischen den Texten erzähle, ist dann auf der Bühne gewachsen. Für das zweite Programm hatte ich nur wenige Monate Zeit etwas zu schreiben, das im Idealfall noch besser sein soll. Das hat mich am Anfang Schweiß und Tränen gekostet. Inzwischen sehe ich aber auch die Vorteile, weil ich zum Beispiel viel besser an der Dramaturgie arbeiten kann.

BB: Wird es dadurch weniger experimentell und weniger abwechslungsreich?

Vlachopoulos: Ziel ist, dass ich abwechslungsreich bleibe, aber pointierter werde. Im Moment mache ich ja immer wieder lyrische Nummern. In Zukunft soll es mehr Stand-Up werden mit einer Lyrik-Nummer pro Abend. Dafür hat die dann aber einen ganz anderen Stellenwert.

BB: Insgesamt spielst du sechs Vorpremieren verteilt auf zweieinhalb Monate. Warum?

Vlachopoulos: Je nachdem wie die laufen, will ich mir noch Zeit lassen, das umschreiben zu können. Ich habe ein paar Ideen, bin mir aber nicht bei allen sicher, ob sie den Abend tragen. Und wenn sie es nicht tun, möchte ich noch auf Plan B umschalten können.

BB: Also haben die Bergneustädter quasi direkten Einfluss auf dein neues Programm?

Vlachopoulos: Das ist vollkommen richtig.

BB: Kommen wir nochmal zu Attributen zurück, die dir zugeschrieben werden. Ich finde viel bezeichnender als dein Beruf und deine Herkunft ist, wie schnell und sauber du reden kannst. Wo lernt man das? Und warum verhaspelst du dich nicht? 

Vlachopoulos: Gelernt habe ich das auf der Bühne. Beim Slam ist Tempo eine von vielen Spielarten. Das wurde dann einfach mit den Jahren schneller und schneller. Stimmtraining oder so habe ich nie gemacht. Und der Trick ist: Ich mach Fehler, ich lass es mir aber nicht anmerken. Die Leute wissen ja nicht, wie der Text eigentlich lautet. ich kann mich also verhaspeln, ohne dass es jemand merkt.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.