„…für den Teller, den ihr mir zu den euren stellt…“

Von den zahlreichen Liedern aus der Feder Reinhard Meys erfreut mich eines bis heute, obwohl es zu den Allerersten seines langen Schaffens zählt. Bekannt wurde es allerdings durch ein Gesangsduo, welches schon lange von der Bühne verschwunden ist: Inga und Wolf. Nur die älteren Semester, wie der Schreiber dieser Zeilen, erinnern sich noch an sie. Und nur wir Alten wissen auch jetzt, welches Chanson gemeint ist: „Gute Nacht Freunde, es ist Zeit für mich zu geh´n, was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette, und ein letztes Glas im Stehn…“ 

Eine Zeile aus diesem wunderschönen Lied hat mich immer besonders berührt. Der Sänger zählt auf, wofür er sich bei seinen Gastgebern bedankt: „..habt Dank für die Zeit, die ich mit euch verplaudert hab, habt Dank für die Geduld, wenn’s mehr als eine Meinung gab…“ Und dann heißt es: „… für den Teller, den ihr mir zu den eueren stellt, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt.“ 

An diese Stelle mußte ich denken, als ich von dem Thema des Bergischen Boten hörte, den Sie jetzt in den Händen halten. Die Tafeln. Also jene großartigen Einrichtungen, die überall in unsrem Land denen, die am Rande stehen, Speis und Trank geben, denen, die aus welchem Grund auch immer, sich regelmäßige Mahlzeiten nicht leisten können, die Gescheiterten und Armen. Sie alle sind zu den Tafeln eingeladen, wo unzählige Ehrenamtliche ihnen den Teller dazustellen, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt. 

Ich fand und finde dieses Engagement wunderbar, und ich dachte, das sähen alle so. Weit gefehlt! Es gibt nicht Wenige, besonders aus der politisch linken Szene, die die Tafeln kritisch sehen und sogar den Helfern Vorwürfe machen. Warum? Nun, ihre Argumentation geht so: „Es ist die Aufgabe des Staates, Armut in einer Gesellschaft nicht zuzulassen und zu bekämpfen. Wenn nun freiwillige Helfer dem Staat diese „Arbeit abnehmen“, stabilisieren sie ein Unrechtsystem. Sprich: Jede Bekämpfung der Armut auf ehrenamtlicher Basis verfestigt eine ausbeuterische, kapitalistische Gesellschaft. – Loriot würde jetzt sagen: „Ach!“

Man kann das alles natürlich so sehen – und wie gesagt: Nicht Wenige tun das auch. Aber, so meine ich, was für eine kalte Welt wäre das. Den Preis, den man für eine paternalistische Gesellschaftsform, einen Rundumversorgungsstaat bezahlt, ist hoch. Privateigentum wird abgeschafft oder zumindest radikal eingeschränkt, Vermögen vergesellschaftet und auf alle gerecht verteilt. Richtig , liebe Leser, das ist die sozialistische Utopie und Viele, Viele halten sie immer noch für die Rettung aus Armut und Elend. Ich sehe das allerdings wie Ephraim Kishon, der gesagt hat: „Die gerechteste Staatsform ist eindeutig der Sozialismus. Er hat nur einen einzigen Fehler. Er funktioniert nicht.“ 

Aber abgesehen davon empfinde ich eine andere Konsequenz als viel schlimmer. Wenn ich die ehrenamtlichen Tafeln abschaffe, um dadurch ein Recht auf umfassende Versorgung  zu stärken, nehme ich dem Menschen ein großes Stück dessen, was ihn ausmacht: Zu helfen. Einfach so. Gut und barmherzig zu sein, ohne danach zu fragen woher jemand kommt, was jemand ist und wohin er geht. Den Tisch für Menschen zu decken, die ich nicht kenne, bei denen ich nicht frage, wie sie in ihre prekäre Lage gekommen sind. Zu helfen einfach „weil der Mensch ein Mensch ist“ (Brecht).

Natürlich kann ich eine Staatsform anstreben, wo jeder ein Anrecht auf tägliche kostenlose Speisung hat. Dann gäbe es staatliche Tafeln, organisiert und durchgeführt von festangestellten Tafel-Beamten – es bliebe aber das demütigende Gefühl: „Die tun es ja nur, weil sie gutes Gehalt dafür bekommen. Außerdem hab ich ja ein Recht darauf. Es steht mir zu!“ Brrrrr. Mich fröstelt vor solch einer Gesellschaft. 1000-mal wertvoller und tiefer als erkämpftes „Recht auf…“ ist die Erfahrung, dass Menschen mir Gutes tun aus der Haltung heraus: „Du hast eine Seele, Mensch, einmalig und kostbarer als das ganze Universum. Deshalb bist du mein Bruder, meine Schwester und deshalb, nur deshalb deck ich dir den Tisch. Nur aus einem einzigen Grund: Aus Liebe.“ Deshalb ist in der Bibel das häufigste Bild für das Paradies: „Das himmlische Gastmahl.“ Deshalb heißt die zentrale Bitte im Vater Unser: „…unser täglich Brot gib uns heute…“

A propos: Der Chef von Coca-Cola ruft den Papst an: „Heiliger Vater, wenn wir Ihnen 100 Millionen Dollar bezahlen, würden Sie dann das Vater- Unser ändern in „..unser tägliches Coke gib uns heute.. .“? „Auf keinen Fall“, antwortet der Pontifex. „Und wie wär‘s bei 100 Milliarden Dollar?“ Der Papst zögert und ruft dann seinem Sekretär zu: „Luigi, schau mal nach. Wie lang läuft noch unser Vertrag mit der Bäcker-Innung?!“

Ihr Ehrenamtler bei den Tafeln und sonst wo. Ich ziehe meinen Hut vor euch – bis auf den Boden. „..vielleicht liegt es daran, dass man von draußen meint, dass in euren Fenstern das Licht wärmer scheint.“

Euer Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.