Die Tafeln: Helfen statt wegwerfen

Bergisches Land Als “es” losgeht, geht es gar nicht so richtig los. Pünktlich um 11 Uhr öffnet sich am Freitag die Tür der Overather Tafel. Und wer jetzt mit Verteilkämpfen oder anderen tumultartigen Szenen, wie es die eine oder andere Horrorgeschichte aus Großstädten berichtet, gerechnet hätte, sieht sich getäuscht. Stattdessen ist ein leises “die Eins bitte” zu hören. Und ein paar Sekunden später betritt die erste Kundin völlig entspannt den Ausgaberaum, wo sie auf ebenso entspannte ehrenamtliche Mitarbeiter trifft. Knapp zehn Minuten dauert es, bis “die Eins” auch schon wieder raus ist. Zusammen mit einem “Hackenporsche” voll mit Lebensmitteln, vor allem Obst, Gemüse und Brot. So unglaublich es eigentlich ist, dass so etwas in Deutschland nicht nur möglich, sondern sogar nötig ist, so unspektakulär ist die Szene dann auch wieder.

Die Overather Tafel ist eine von über 900 Tafeln in ganz Deutschland, mit mehr als 160 hat NRW mehr solcher Einrichtungen als jedes andere Bundesland. Ein knappes Dutzend sind in Ober- und Rhein-Berg aktiv und auch in Remscheid gibt es eine. Jede Tafel ist anders organisiert, hat andere Schwerpunkte und andere Herangehensweisen. Aber eines haben alle gemeinsam: Sie sammeln Lebensmittel ein, die sonst auf dem Müll gelandet wären, und verteilen sie an Menschen mit geringem Einkommen. Geschätzt 264.000 Tonnen jedes Jahr. Die Idee stammt aus Berlin, wo 1993 die erste Tafel ins Leben gerufen wurde, und bekämpft gleichermaßen Armut wie Lebensmittelverschwendung.

Kistenweise holen die Ehrenamtler Lebensmittel bei den Supermärkten und Discountern ab. Verkauft werden können die nicht mehr, verzehrt werden aber noch.

Kistenweise holen die Ehrenamtler Lebensmittel bei den Supermärkten und Discountern ab. Verkauft werden können die nicht mehr, verzehrt werden aber noch.

Doch bis Brote, Salat und Orangen bei den Kunden ankommen, ist vor allem eines nötig: Jede Menge Ehrenamtler, die jede Menge Arbeit leisten. Im Bundesschnitt sind 90 Prozent der Tafel-Mitarbeiter sind ehrenamtlich aktiv. In den kleinen Tafeln liegt der Anteil noch höher. Dabei hat die Verwaltung einer durchschnittlichen Tafel mit eigenen Räumen und eigenen Fahrzeugen längst Ausmaße wie bei einem kleinen mittelständischen Unternehmen angenommen. Und auch die Lebensmittel legen sich nicht von alleine in die Regale und Kühlschränke. Es braucht Freiwillige, die sie abholen, sortieren und ausgeben. Einige Einrichtungen betreiben zudem Cafés oder bieten einen Mittagstisch an.

In Wipperfürth liegt der erste Arbeitsschritt meist in den Händen von Marie-Luise  und Jutta. Die beiden haben bis zu ihrem Ruhestand im gleichen Unternehmen gearbeitet und auch fast zeitgleich bei der Wipperfürther Tafel angefangen. Ein eingespieltes Team – das auf manche Fragen sogar synchron antwortet. Zweimal die Woche fahren sie die Supermärkte, Discounter und Bäckereien der Hansestadt ab, um Lebensmittel abzuholen, die zwar noch verzehrt, aber nicht mehr verkauft werden können.

Bevor die Lebensmittel an die Kunden ausgegeben werden, wird alles noch einmal kontrolliert und sortiert.

Bevor die Lebensmittel an die Kunden ausgegeben werden, wird alles noch einmal kontrolliert und sortiert.

Schon nach der ersten Station, einem großen Supermarkt in der Innenstadt, fahren sie meist erstmal wieder zurück in die Memellandstraße, wo die örtliche Tafel ihren Sitz hat. Viele ältere Wipperfürther kennen das Lokal noch als Pizzeria “Pinocchio”. Zum einen wartet das Sortier-Team auf Arbeit – zum anderen ist die Ladefläche des Transporters dann meist schon voll. “Wahnsinn, was die sonst alles wegschmeißen würden”, sagt Marie-Luise mit Blick auf mehr als 20 Kisten voll mit Kohl, fertigem Blätterteig, Milch und Kartoffeln. “Die meisten Händler sind froh, dass wir das abholen.”

Obwohl Jutta und Marie-Luise vorsortiert haben, einige wenige Märkte scheinen die Tafeln für eine Art Entsorgungsbetrieb zu halten, muss anschließend das Sortier-Team ran. Die Ehrenamtler verräumen die Lebensmittel und überprüfen sie noch einmal. Die Fragestellung dabei ist einfach: Würde ich dieses Lebensmittel so verzehren wollen? Im Zweifel kommt es weg. Meist reicht es aber, wenn beim Salatkopf die äußeren Blätter abgemacht werden. Oder aus einem Netz Clementinen die eine faule entfernt wird.

In Wipperfürth und Overath sind die Kunden in verschiedene Gruppen unterteilt, die zu unterschiedlichen Zeiten kommen dürfen, um die Verteilung zu entzerren. Außerdem wird jeder Kunde von einem Mitarbeiter durch die Ausgabe begleitet. Erst danach darf der nächste in den Ausgaberaum. Viel Arbeit und Organisation im Vorfeld, damit es hinterher möglichst unspektakulär abläuft. “Ich vergleiche das gerne mit einem Ameisenhaufen”, sagt Hildegard Schönenborn, die Vorsitzende der Overather Tafel. “Alle wuseln herum. Aber jeder weiß, was zu tun ist.”

Neben Brot verteilen die Tafeln vor allem Obst und Gemüse. Die Overather Tafel hat dafür ein eigenes Lager.

Neben Brot verteilen die Tafeln vor allem Obst und Gemüse. Die Overather Tafel hat dafür ein eigenes Lager.

Vieles läuft in den Wipperfürther und Overather Tafeln ähnlich, was vor allem daran liegt, dass sich die Wipperfürther ihre Overather Kollegen zum Vorbild genommen haben. Vor über zehn Jahren hatte Barbara Matthias, inzwischen stellvertrende Vorsitzende des Trägervereins, die Overather Tafel gegründet – weil nach einer Hochzeit so viel Essen übrig war. “Ich gehöre ja zur Nachkriegsgeneration, ich kann so etwas nicht wegwerfen”, sagt sie. Also fragte sie bei der Bergisch Gladbacher Tafel an. Dort lud man die pensionierte Lehrerin direkt zur Mitarbeit ein.

Als sie aber erfuhr, dass auch in ihrer Heimatstadt rund 2.000 Menschen Sozialhilfe, ALGII oder ähnliche Leistungen beziehen, gründete sie lieber eine eigene Tafel. Fast 800 Menschen decken sich heute im Tafel-Haus in der Hauptstraße mehr oder minder regelmäßig mit Lebensmitteln ein, zahlreiche Spender im ganzen Stadtgebiet machen das möglich. “Für mich selber könnte ich nicht danach fragen”, sagt Barbara Matthias. “Aber für andere mache ich das gerne.” Wichtig sei es, sagt sie, dass die Menschen, die zur Tafel kommen, sich nicht als Bittsteller fühlen, was sich nicht zuletzt in der Bezeichnung “Kunde” zeige. “Wir bringen jedem Besucher Wertschätzung entgegen.” Dazu gehört auch ein kleines Café, in dem die Kunden warten können, bis sie dran sind. Anstatt in langen Schlangen auf der Straße zu stehen.

Genau dieser “Geist”, wie sie es nennt, war es, der Jutta Marxcors so gut gefiel, als sie 2013 die Gründung der Wipperfürther Tafel vorbereitete und die Overather als ihr Vorbild wählte. Auslöser für die Gründung war bei ihr ihre Tochter, die sie darauf aufmerksam machte, welche unglaublichen Mengen von Lebensmitteln Supermärkte und Co. in der Müll werfen. “Das geht überhaupt gar nicht”, sagt Jutta Marxcors heute noch. “Das ist einfach unanständig.” Also regte sie beim Bürgermeister die Gründung einer Tafel an – und stieß auf viel Unterstützung. “Eigentlich hatte ich echt keine Ahnung, was ich da mache”, erinnert sie sich heute. “Aber wir haben einfach mal aufgemacht.”

Das Publikum, in Wipperfürth wie in Overath, ist so bunt gemischt wie das Leben. Die einen sind fordernd, die anderen eher zurückhaltend. Manche sagen nur das Nötigste, einige freuen sich, ein kleines Schwätzchen halten zu können. Und während der eine Kunde angesichts eines angebotenen Kohlkopfs nur die Nase rümpft, freut sich der nächste auf eine echte Delikatesse. Warum sollte es hier auch anders sein als irgendwo sonst auf der Welt? Wer Lebensmittel von einer Tafel beziehen will, muss Bedürftigkeit nachweisen. Die laut bundesweiter Statistik mit Abstand größte Gruppe unter den Tafel-Kunden sind Arbeitslosengeld-II-Empfänger, im Volksmund meist “Hartz IV” genannt. Aber auch Rentner machen inzwischen fast ein Viertel aus.

Die meisten Helfer, hier die Fahrer, die in Overath die Lebensmittel abholen, machen wenig Aufhebens um ihr Engagement.

Die meisten Helfer, hier die Fahrer, die in Overath die Lebensmittel abholen, machen wenig Aufhebens um ihr Engagement.

So bekämpfen die Tafeln vor Ort die Symptome, ohne an der Krankheit irgendetwas ausrichten zu können. “Das ist für uns eigentlich kein Thema”, sagt Hildegard Schönenborn. “Wir machen vor Ort, was wir machen können. Den Rest haben wir nicht in der Hand.” Auch die “Schuldfrage” stelle sich angesichts der Situation vieler Kunden nicht, sagt sie: “Das kann wirklich jeden treffen”.

Die Motivationslage der meisten Ehrenamtler bewegt sich zwischen “ich hab eh Zeit”, “das ist doch selbstverständlich” und “es macht mir Spaß” – eine besondere Anerkennung oder gar Dank scheinen die wenigsten zu erwarten. Viele “Tafel-Helfer-Biografien” klingen ähnlich: Sie beginnen mit der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung, zum Beispiel im Ruhestand oder wenn die Kinder groß sind, und landen dann bei der Erkenntnis, wie viel Spaß das machen kann.

Das Overather Sortier-Team hat zum Beispiel ganz offensichtlich große Freude bei der Arbeit. Es wird viel gelacht. Und manchmal, passend zum jeweiligen Gemüse, das da zum Sortieren auf den Tisch kommt, werden auch Rezeptideen ausgetauscht. Allerdings nur für eigene, gekaufte Lebensmittel. Keiner der Helfer nimmt Ware mit nach Hause. Was nicht verteilt wird, landet beim Bauern oder in der Biogas-Anlage. Sonst wäre nicht nur die Gemeinnützigkeit gefährdet, sondern es würde auch Kaufkraft von den örtlichen Einzelhändlern abgezogen – und die so für ihr Sponsoring “bestraft”. Und auch Dieter, einer der Fahrer in Overath, und das schon seit über sechs Jahren, empfindet vor allem Spaß bei seinem Ehrenamt: “Ich könnte ja auch zuhause ein gutes Buch lesen”, sagt er. “Und das mache ich manchmal auch.” Aber vier- oder fünfmal im Monat ist er eben für die Tafel im Einsatz. “Die Begegnungen sind überwiegend sehr positiv.”

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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