Weihnachten 2018

Liebe verehrte, treue Leserschar. Der kleine Fehlerteufel hat zugeschlagen. In der letzten Kolumne hatte ich ja für mein Buch: „Lachen-Leiden-Lust am Leben“ geworben. Und da hat doch das fiese Teufelchen den falschen Erscheinungstermin eingeschmuggelt. „März“ schrieb es. Quatsch! Dat Buch es ald längs da. Und eignet sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk. (Grins!)

 A propos Weihnachten. Bei diesem Fest muß ich neuerdings immer öfter an Donald Trump denken. Hä – wieso das denn? Nun, weil Weihnachten das genaue Gegenteil von Donald Trump (Putin, Erdogan und allen Alpha-Männchen, die sich wie ein Gorilla-Bulle triumphierend auf die eigene Brust trommeln) ist. Warum? Weil die Geschichte des Kindes im Stall von Bethlehem eigentlich die Geschichte der Loser und Abgehängten erzählt. Das will ich gern erklären: Die größte Provokation im Christentum ist für die übrigen Weltreligionen die Behauptung, dass der unbegreifliche Gott, der Grund von allem, der mit menschlichen Denkkategorien niemals Begreifbare, der jenseits von Raum und Zeit Seiende, der Schöpfer der Dinge und des unendlichen Universums, dass dieser unfassbare Gott Mensch gewordenen ist. Allein diese Behauptung ist für die anderen Religionsgemeinschaften, und für die Atheisten erst recht, eine unglaubliche Provokation. Aber es kommt noch schlimmer: Dieser Mensch gewordene Gott erscheint nicht als mächtiger Triumphator (Trumpator, Erdoganator, Putinator…), sondern als schwacher kleiner Mensch. Symbol dafür sind die Windeln. Es gibt wohl kein demütigenderes Erleben, als wenn man „es“ nicht bei sich behalten kann. Wenn man völlig abhängig ist von der Pflege und Zuneigung anderer Menschen. Was für eine Provokation! Gott erscheint auf dieser Welt als Wesen mit beschissenen Windeln! Und diese Solidarität mit den Schwachen, den Hilflosen, den Losern zieht sich wie ein roter Faden durch die Botschaft dieses Rabbi aus Nazareth – bis hin zum Kreuz. Der Aufgehängte solidarisiert sich mit den Abgehängten. Einer der Sätze von Donald Trump, die mich am meisten verstören, ist folgender: „I hate Loser!“. Tja, Mr. Trump und Co., Weihnachten ist das Gegenteil. Dazu passt ein Witz: Obama, George W. Bush und Trump stehen beim jüngsten Gericht vor Gottes Thron. Und Gott fragt Obama: „Was glaubst du?“:  Obama: „Ich glaube an Gott und die Gleichheit aller Menschen.“ „Wohl geantwortet“, sagt Gott. „Setze dich zu meiner Linken“. Dann fragt er Bush: „Was glaubst du?“ Bush antwortet: „Ich glaube an Gott und die Demokratie.“ – „Gut, mein Sohn, setze dich zu meiner Rechten.“ Und schließlich wendet sich Gott an Trump: „Was glaubst du?“ Und Mr. President antwortet: „Ich glaube, du sitzt auf meinem Stuhl.“ 

Und nochmals sei‘s gesagt: Die Geschichte von Bethlehem ist das genaue Gegenteil. Ja, Ja, antwortet der Kritiker: Ihr Christen mit eurer Weihnachtsgeschichte. Die ist doch historisch wahrscheinlich gar nicht wahr. Und darauf sage ich: Ihr habt gar nichts begriffen. Es gibt Erzählungen, die sind zu schön, um nicht wahr zu sein, weil sie eine Wahrheit beschreiben, die viel tiefer geht, als historische Fakten. Wie der Chefredakteur der New Yorker Zeitung The Sun vor über 100 Jahren in seinem berühmten Brief an die achtjährige Virginia schrieb. Die hatte ihm folgenden Brief geschickt: „Ich bin acht Jahre alt. Einige meiner Freunde sagen, es gibt keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der ‚Sun‘ steht, ist immer wahr. Bitte sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann?“

Daruf bekam sie folgende Antwort: „Virginia, deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie sind angekränkelt vom Skeptizismus eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben nur, was sie sehen: Sie glauben, dass es nichts geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, Virginia, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Solcher Ameisen-verstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen. Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und die Großherzigkeit und die Treue. Und du weißt ja, dass es all das gibt, und deshalb kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so dunkel, als gäbe es keine Virginia. Es gäbe keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das ewige Licht der Kindheit, das die Welt erfüllt, müsste verlöschen. Gewiss, du könntest deinen Papa bitten, er solle an Heiligabend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und keiner von ihnen würde ihn zu Gesicht bekommen. Aber was würde das schon beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens unsichtbar. All die Wunder zu denken – geschweige denn sie zu sehen –, das vermag nicht der Klügste auf der Welt. Was du auch siehst, du siehst nie alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal die größte Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. „Ist das denn auch wahr?“, magst du fragen. Virginia, nichts auf der ganzen Welt ist wahrer und nichts beständiger. Der Weihnachtsmann lebt, und er wird ewig leben. Sogar in zehn mal zehntausend Jahren wird er da sein, um Kinder wie dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.“

Dem schließe ich mich an.

Frohe Weihnachten
Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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