Vom Jacobsweg auf die Tanzfläche

Remscheid Das Video, das Ina Massing per WhatsApp bekommen hat, ist nur wenige Minuten lang. Es zeigt einen jungen Mann beim Tanzen, auf der Hochzeit seines besten Freundes. Eigentlich nichts Besonderes, doch für Ina Massing der Beweis, dass sich ihr Einsatz gelohnt hat. Denn, was man im Video nur erahnen kann: Grzegorz Polakiewicz, dem jungen Tänzer, fehlt ein Teil seines Beines. Und Ina Massing hat mit ihrem Bruder und ihrem Mann dafür gesorgt, dass er trotzdem tanzen kann.

Kennengelernt haben Ina Massing und ihr Mann „Greg“, wie sie Grzegorz nennt, als sie im Mai auf dem Jacobsweg pilgerten. Eines Morgens bog vor ihnen ein junger Mann auf Krücken auf den Weg, dank der Muschel an seinem Rucksack leicht als Pilger zu erkennen. Die beiden sprachen ihn an – und lernten nicht nur einen außergewöhnlichen Menschen, sondern auch seine Geschichte kennen.

Grzegorz hatte durch eine seltene Nebenwirkung seines Diabetes, die sein Fußgelenk zerstörte, sein Bein verloren. „In Deutschland hätte er einfach ein künstliches Gelenk bekommen“, sagt Ina Massing. Doch in seiner polnischen Heimat blieb die Erkrankung so lange unentdeckt, bis das Bein ab musste. 

Spontan entschied sich Ina Massing, die mit ihrem Bruder das Sanitätshaus Goll & Schracke betreibt, „Greg“ eine Prothese zu verpassen. Und ihr Ehemann Dr. Reiner Vogt, Chefarzt einer Reha-Klinik, sagte genauso spontan zu, sich um die Nachsorge zu kümmern. Als dann auch noch ein dritter Pilger versprach, die Reisekosten zu übernehmen, war das Glück perfekt.

Im Juli war „Greg“ zum ersten Mal in Remscheid und bekam von Ina Massings Bruder Torsten eine vorläufige Prothese verpasst. Ende November, bei einem zweiten Besuch, schließlich die endgültige. Dazwischen lag übrigens die Hochzeit seines besten Freundes, auf der das Tanz-Video entstanden ist.

Trotz einiger Rückschläge ist Grzegorz heute sicher auf seinem neuen Bein unterwegs. „Uns verbindet inzwischen eine tiefe Freundschaft“, sagt Ina Massing. Und davon sollen nun auch andere Amputierte profitieren. „Wir wollen ihnen Mut machen“, sagt sie. Und deswegen plant sie für 2019 eine weitere Tour über den Jacobsweg. Zusammen mit ihrem Mann, ihrem Bruder, „Greg“ und weiteren Amputierten. Die ersten haben sich bereits angemeldet.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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