Interview: Worte mit Gewicht

Wortgewandt, zungenfertig, eloquent: Bei Jochen Malmsheimer wird Alltägliches zum literarischen Erlebnis, vorgetragen mit viel Nachdruck und einer Stimme, die Hallen beben lässt. Nun spielt der diesjährige Gewinner des Deutschen Kabarettpreises im Schulforum Eckenhagen. Wir sprachen mit ihm über dunkle Säle, lange Sätze und die schiere Quantität des Ruhrgebietes.

BB: Bevor wir über Ihren Job ­reden, würde ich gerne über meinen reden: In der Ausbildung hat man mir immer eingebläut, auf keinen Fall lange Sätze zu machen. Das würden die Leser nicht verstehen. So eine Regel käme für Sie doch einem Berufsverbot gleich.

Jochen Malmsheimer: Das ist übrigens auch Quatsch. Und wenn Sie Ihre Leser ständig unterschätzen, ist das sicherlich auch kein Kompliment an Ihre Leserschaft und dem Stil sicher auch nicht zuträglich. Also ich würde solchen Ratschlägen die nackte Kehrseite zeigen.

BB: Bei Wikipedia steht über Sie: „Kennzeichnend für seine Auftritte ist die Herausarbeitung von Profanitäten des Lebens mit großer Stimm- und Wortgewalt.“ Schöner hätte man es nicht ausdrücken können, oder?

Malmsheimer: Mich ärgert der Ausdruck Gewalt. Denn ich bin nun wirklich alles, aber nicht gewalttätig. Ich benutze unsere Muttersprache in all ihrer Varietät, mit Gewalt hat das aber nichts zu tun. Aber ich denke mal, dass das nett gemeint ist.

BB: Wie lange brauchen Sie denn, bis aus einem Smartphone ein „kalter Glasbarren“ oder aus Ihrem Agent ein „benedeiter Vermittler, der du mein Auskommen, Hinkommen, Ankommen und Einkommen besorgst und vermehrst“ wird?

Malmsheimer: Sekundenbruchteile. Allerdings geht dem eine sehr lange Schwangerschaft voraus.

BB: Aber Sie reden privat nicht immer so?

Malmsheimer: Nein, das würde ja kein Mensch aushalten. Und meine Frau würde mich auf die Straße setzen.

BB: Wobei ich mich ja gerade beherrschen muss, nicht auch zu versuchen, so zu reden. Passiert Ihnen das öfters?

Malmsheimer: Eigentlich ständig. Wenn die Leute mir schreiben, sind das zum Teil enorme Elaborate. Dabei wird allerdings meist die Eleganz etwas außer Acht gelassen.

BB: Was macht elegante ­Sprache für Sie aus?

Malmsheimer: Dass man, bevor man sprach, darüber nachdachte, was man sprach.

BB: Aber das gilt doch immer: Vor dem Reden denken, hilft ungemein.

Malmsheimer: Ja, die Welt wäre eine bessere, wenn das alle machen würden.

BB: Jetzt machen Sie auf der Bühne nicht nur etwas anderes als die meisten anderen, Sie haben auch einen anderen Werdegang. Statt sich über die Offenen Bühnen und durch die Wettbewerbe der Republik zu quälen haben Sie mit Literatur-Lesungen in Kneipen angefangen. Wie kommt man auf sowas?

Malmsheimer: Ich glaube, es gibt nichts Naheliegenderes. Das ist ein geschützter Raum, in dem die Versorgung sichergestellt ist. Was sehr beruhigend ist. Ich komme aus einer Familie mit einer Vorlesekultur, deswegen war das naheliegend. Dass sich das mal so entwickelt, konnte ja keiner absehen.

BB: Das heißt, was Sie ­heute machen, ist nur die logische ­Konsequenz daraus?

Malmsheimer: Die absolut logische Konsequenz. Das war ja früher so eine Art literarische Dienstleistung. Dafür haben wir Themen zusammengetragen, die mussten sprachlich relevant und komisch sein. Und irgendwann war die Wiese gemäht, wir hatten alles gefunden, was in unserem Einflussbereich war. Da haben wir angefangen, selber zu schreiben. Aus purer Verzweiflung und Terminnot. Wir hatten noch Termine – aber keine Texte mehr.

BB: Ist das nicht mehr szenische Lesung als Kabarett?

Malmsheimer: Das müssen andere beurteilen. Mich hat das noch nie interessiert, wie man das nennt. Ich habe immer das gemacht, was ich machen wollte.

BB: Aber Ihr Publikum ist doch klassisches Kabarettpublikum. Oder sehen Sie das anders?

Malmsheimer: Ich seh das ja kaum, weils es ja dunkel ist. Ich bin froh, dass die Leute da sind. Aus welchen Gründen sie das sind, kann ich auch nicht beantworten

BB: Ich finde den Deutschen Kabarettpreis in diesem Jahr irgendwie bezeichnend. In den letzten Jahren war da immer ganz viel klassische Kleinkunst bei: Mathias Tretter, René Sydow, Simone Solga, Till Reiners. Dieses Jahr gab es Preise für Anna Mateur, die ja komplett auf der Bühne steil geht, Nektarios Vlachopolous, der ja eigentlich Slammer ist, und Sie. Verändert sich gerade was?

Malmsheimer: Nein, das glaube ich nicht. Die Kleinkunst ist ein sehr vielfarbiger Flickenteppich, auf dem alles friedlich nebeneinander existieren kann – was dann eben auch mal gewürdigt wird. Ich mache das ja jetzt schon eine ganze Weile und hatte schon immer das Gefühl, dass gerade die Kleinkunst alles zulässt. Und auch alles zeigt.

BB: Sie wurden in Essen geboren und sind in Bochum aufgewachsen – mehr Ruhrgebiet geht quasi nicht. Irgendwie ist das Ruhrgebiet zumindest gefühlt in der Kleinkunst echt überrepräsentiert: Sie, Ihr Kollege Frank Goosen, Hagen Rether, Hennes Bender, Torsten Sträter und viele mehr – warum ist das so?

Malmsheimer: Weil das Ruhrgebiet eine relativ kleine Gegend mit vielen Leuten ist. Das ist vermutlich einfach Statistik.

BB: Sie sind also nicht lustiger, sondern einfach nur mehr?

Malmsheimer: Ja, Qualität entwächst bisweilen aus Quantität.

BB: Und jetzt spielen Sie in Reichshof-Eckenhagen, da hat´s knapp 2.000 Einwohner. Fürchten Sie einen Kulturschock?

Malmsheimer: Ich habe mich gewappnet, mir kann nichts passieren.

BB: Macht es denn einen Unterschied, ob Sie in einem der Tempel der Kleinkunst oder in einer Schul-Aula auftreten?

Malmsheimer: Nein, ich komme auf die Bühne und die Bühne ist hell und der Saal ist dunkel. Und wo der Saal dann ist, ist mir für diesen Abend eigentlich relativ wurst.

BB: Wieviel ist dabei Handwerk und wieviel Kunst?

Malmsheimer: Ob das Kunst ist, entscheidet die Nachwelt. Ich persönlich versuche meine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Und wenn es mir Spaß macht, weiß ich, ich bin auf einem guten Weg. Und ob das Kunst ist, interessiert mich einen feuchten Furz.

Jochen Malmsheimer: Dogensuppe Herzogin, Sa 8. Dezember, 20 Uhr, Schulforum Reichshof-Eckenhagen

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.