Ein Haus für schöne Momente

Nachher: Architekt Frank Engelbertz und Holzbau Hamacher haben aus einem 08/15-Fertighaus einen Hingucker gemacht.

Lindlar „Wenn man sich kennt, entwickelt man viele Ideen gemeinsam“, antwortet Bauherr Andreas Reuter auf die Frage, wer den radikalen Umbau des 2016 gekauften Fertighauses geplant habe. Beim Kaffeeplausch mit einer Arbeitskollegin hatte das Lindlarer Ehepaar den Bergisch Gladbacher Architekten Frank Engelbertz  kennengelernt. „Du hast ja schon ein Haus bei uns in der Straße gebaut“, sagt die Hausherrin mit Blick auf den Architekten, der mittlerweile zum Freundeskreis gehört. Und in der Tat, die Straße, in der die Familie Reuter mit ihren beiden KIndern in dem Lindlarer Kirchdorf wohnt, zeichnet sich durch individuell gestaltete Häuser aus. 

Vorher: Das Fertighaus der Marke Allkauf zeichnete sich vor allem durch optische Einfallslosigkeit aus.

Vorher: Das Fertighaus der Marke Allkauf zeichnete sich vor allem durch optische Einfallslosigkeit aus.

Vor zwei Jahren hatten die Reuters das zehn Jahre alte Fertighaus gekauft, „weil wir in der Straße bleiben wollten und es dort keine neuen Baugrundstücke gab“. Dabei zeichnete sich das Haus der Marke Allkauf neben der Lage nur durch eines aus: Einfallslosigkeit. So setzte man sich wochenlang zusammen und schmiedete Pläne, das Ehepaar brachte seine Wünsche nach hellen, lichtdurchfluteteten Räumen ein, Architekt Engelbertz seine Expertise, wie sich das Ganze realisieren lasse. Man entschied, einen riesigen Kubus in die Front des Hauses einzusetzen. Darin konnte man ein komplett neu verglastes Treppenhaus mit Blick weit ins Bergische Land unterbringen. „Manchmal setze ich mich auf die Treppe und genieße einfach nur die Aussicht, wenn ich telefoniere“, sagt Kerstin Reuter. 

Die Reuters hat es aus Lübeck nach Lindlar verschlagen. „Das war ein Experiment für uns, aufs Dorf zu ziehen,“ erinnert sich Andreas Reuter. Heute wollen die beiden nicht mehr weg, auch wenn der Mann jeden Tag in den Westerwald zur Arbeit pendeln muss. „Wir fühlen uns zuhause in Lindlar.“ In ihrer Freizeit engagiert sich Kerstin Reuter in der Dorfgemeinschaft. Die Kinder können zu Fuß zur Schule gehen. Alle vier haben das Landleben liebgewonnen. 

Auch wegen ihres modernen Einfamilienhauses. „Der Umbau eines Fertghauses stellt einen vor besondere Herausforderungen“, sagt Engelbertz. Die Statik der Holzständerbauweise muss neu berechnet werden. Die isolierten Wände müssen neu versiegelt werden, damit keine Feuchtigkeit in die Dämmung eindringt. Aber die Bauweise gibt auch andere Freiheiten als bei einem massiv gemauerten Haus. Die neu angebaute Garage samt Wintergarten und der in die Front eingesetzte Quader wurden als vorgefertigte Bauteile angeliefert. Das Dach des Anbaus innerhalb weniger Stunden per Kran eingesetzt. Die Overather Firma Hamacher, auf Um- und Neubauten in Holzständerbauweise spezialisiert, „hat das ganz phantastisch hingekriegt,“ schwärmt Andreas Reuter.

Architekt Frank Engelbertz mit Andreas und Kerstin Reuter im Eingangsbereich. Eine Glaswand bringt Licht ins Esszimmer.

Architekt Frank Engelbertz mit Andreas und Kerstin Reuter im Eingangsbereich. Eine Glaswand bringt Licht ins Esszimmer.

In den ersten Wochen des Umbaus bekamen die Reuters allerdings kalte Füße. „Eigentlich hatten wir ein fertiges Haus gekauft, in das wir sofort hätten einziehen können“, sagt er. „Als die ersten Handwerker kamen, sah das Haus nach ein paar Tagen aus wie ein Rohbau.“ Wände, Fenster, Elektrik, Heizung, alles wurde herausgerissen. „Weihnachten 2016 sah es aus wie auf einem Schlachtfeld.“ Ins Erd- und Obergeschoss wurde eine neue Fußbodenheizung verlegt. Schätzungsweise 500 Meter Elektrik wurden neu verkabelt, neue Sanitärleitungen verlegt und die Fenster ausgetauscht. 14 verschiedene Handwerkerfirmen musste Architekt Engelbertz, der auch die Bauleitung übernommen hatte, koordinieren. „Die haben teilweise geflucht, weil es so eng war und alle gleichzeitig an den verschiedensten Gewerken gearbeitet haben.“ Doch Anfang Januar, als mit dem Wiederaufbau begonnen wurdesahen die Reuters innerhalb weniger Wochen Land. Im Wohn-Esszimmer entstand der Heizkamin, den sich Kerstin Reuter als Bild aus einer Illustrierten ausgeschnitten und den ihr Mann gleichzeitig auf Pinterest entdeckt hatte. Der Lindlarer Kaminbauer Lars Fahlenbock empfahl den beiden einen Speicherkamin, der wohlige Strahlungswärme produziert. Keramische Speichermaterialien halten die Wärme bis zu zwölf Stunden.

Das Treppenhaus aus Eichenstufen und weißen Holmen vermittelte den ersten Eindruck zukünfitger Transparenz und  langsam verschwanden die Elektrokabel hinter Gipskarton und man konnte das ausgeklügelte Deckenlichtsystem erahnen, das die Reuters sich ausgedacht hatten. Nach drei Monaten war der Umbau abgeschlossen, was einer logistischen Meisterleistung gleichkommt, und die Reuters konnten einziehen. Zum Tag der Architektur zeigten sie 2018 ihr neues Haus stolz der Öffentlichkeit.

"Zuhause muss man sich schöne Momente schaffen", sagt Andreas Reuter über die Sauna im Badezimmer.

„Zuhause muss man sich schöne Momente schaffen“, sagt Andreas Reuter über die Sauna im Badezimmer.

Es sind die vielen Details, die das Haus zu etwas Besonderem machen. Alles musste vor dem Bau akribisch geplant werden, der genaue Platz des Kamins, mit dem man fast das gesamte Erdgeschoss heizen kann, die abgehängte Küchendecke mit ihrem indirekten Licht, die platzsparenden Schiebetüren, die Schubfächer unter der Dachschräge und vieles mehr. Auch in den drei Bädern erkennt man die Liebe zum Detail und intelligente Zukunftsplanung. Für Kinder und Gäste gibt es Extrabäder, die Eltern haben sich eine kleine Sauna im Bad gegönnt. Die bodenebene Dusche entwässert sich in einem kleinen Schlitz mit Edelstahlkante. Im elterlichen Schlafzimmer träumt man unter einem Dachfenster mit Blick auf den Sternenhimmel. Vieles davon machte erst die freundschaftliche und detailversessene Kooperation mit dem Architekten möglich. „Ich habe noch keinen anderen Architekten getroffen, der sich so mit einem Objekt identifiziert hat, wie Frank Engelbertz“, sagt Andreas Reuter anerkennend.

Nach einem Jahr im neuen Zuhause, will man noch eine Glaswand vor den Wintergarten setzen, „weil Wind und Regen reinziehen“. Ansonsten scheinen die Reuters in ihrem umgebauten Fertighaus wunschlos glücklich.

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.