Wenn Worte wirken

Club der Lesseratten: Gizem, Amar, Efe und Ilker mit ihren Lieblingsbüchern auf dem Schuldhof der Grundschule Hebborn.

Ober- und Rhein-Berg Am Anfang war das A. Und in der Folge erschlossen sich neue Welten. Hat ein Kind erst einmal das Alphabet verinnerlicht, Silben geklatscht und kurze Texte gelesen, ahnt es schnell, dass da noch viel mehr wartet. Wenn es sich dann für Geschichten interessiert bzw. das Selberlesen nicht als viel zu mühsam empfindet, wird es beginnen, Büchlein mit wenig Text und großer Schrift zu verschlingen und sukzessive sowohl Wortschatz als auch Horizont immer mehr zu erweitern. Die Kinder-Medien-Studie 2018 zeichnet von 4- bis 13-Jährigen diesbezüglich ein rosiges Bild von Leseratten. Demnach lesen Kinder und Jugendliche viel, und zwar gedruckt. Zwar waren gleich zwei Forschungsinstitute an der Studie beteiligt, jedoch klingt das Ergebnis wie ein frommer Wunsch der ebenfalls beteiligten sechs Verlage. Oder wird wirklich früh und viel gelesen? Mike Altwicker, umtriebiger Buchhändler in Wiehl und Engelskirchen, kann das so pauschal nicht bestätigen: „Wir haben ja nur die Verkaufszahlen. Ob die Bücher auch alle gelesen werden, können wir nicht beurteilen – auch wenn es im Buchhandel ja erfreulich viel direktes Feedback gibt. Zunächst muss man aber mal festhalten, dass sich auf jeden Fall die Art, wie und wo wir lesen, verändert hat.“ Entzaubert also das Bild von großen Kinderaugen im Leselampenlicht? „Viele Faktoren spielen eine Rolle dabei, ob Kinder früh lesen und auch dabeibleiben“, meint der Literaturbegeisterte. So sei es beispielsweise irrelevant, ob man Kindern schon früh vorgelesen habe, dies sei lediglich förderlich für den Sprachgebrauch. 

Das sieht Christiane Müller ähnlich. Die achtfache Oma und Grundschullehrerin im Ruhestand engagiert sich leidenschaftlich im Verein MiKibU (Migrantenkinder bekommen Unterstützung) in Bergisch Gladbach. Der Verein, der 2019 sein 10-jähriges Jubiläum feiert, versammelt weit über 200 Ehrenamtler hinter sich, die in zehn Grundschulen in Bergisch Gladbach Leseförderung anbieten. „Und wir können zu 95 Prozent eine Eins-zu-eins-Förderung ermöglichen“, berichtet Christiane Müller nicht ohne Stolz. In ihrem Bereich geht es jedoch weniger darum, wie früh oder viel Kinder lesen, sondern dass sie überhaupt die Sprache und dann eben auch das Lesen erlernen. „Es sind teilweise kleinste Schritte“, sagt sie und weiß, dass jeder davon wertvoll ist: „Die Kinder strahlen, wenn wir kommen.“ Neben dem Angebot einer Hausaufgabenhilfe bietet MiKibU eben speziell die Leseförderung an; die frühere Grundschullehrerin weiß, wie man die Kinder abholen muss: „Wenn sie uns treffen, haben sie ja bereits einen ganzen Schultag hinter sich, da kann man nicht einfach ein Buch aufklappen und los geht’s. Wir gehen sehr spielerisch an die Sache heran und bieten ehrenamtlichen Mentoren auch regelmäßig Fortbildungen an, um Neues oder auch Bewährtes über Methoden zu erlernen.“ Ausgezeichnet wurde die Initiative dafür bereits 2017 mit einer Urkunde für soziales Engagement, in Berlin, von Kanzlerin Merkel höchstselbst.

Noch mitten im Schulalltag befindet sich Birgit Redicker in Wermelskirchen. Die Hauptschullehrerin weiß, dass direkt in der 5. Klasse das Lesen weiter gefördert werden muss. So werden dienstagvormittags im Leseclub Lektüren für unterschiedliche Jahrgangsstufen angeboten; sie werden vorgestellt, (vor)gelesen, besprochen. „Wir werben direkt in den Schulen dafür. Mit großer Unterstützung der Buchhandlung van Wahden sind wir in der Lage, eine große Auswahl anzubieten oder auch mal Autoren einzuladen.“ Zudem ist man bemüht, sich nicht sklavisch an gelesene Literatur zu klammern, sondern auch spielerisch und gestalterisch das Thema anzugehen. 

Mike Altwicker

Buchhändler Mike Altwicker, der als studierter Germanist auch einen Lehrauftrag für Literatur-Didaktik an der Bergischen Universität in Wuppertal innehat, rät seinen Studenten, immer am Puls der Zeit zu bleiben: „Aktuelle Inhalte zu kennen und am besten auch in den Unterricht zu integrieren, ist enorm wichtig dafür, Kinder und Teenager fürs Lesen zu begeistern.“ Als Negativbeispiel nennt er Unterrichtsstoff, der früher einmal zeitgemäß war, auf den Lehrer aber dann heute immer noch zurückgreifen, obwohl die Kinder damit nichts anfangen können. „‚Ben liebt Anna’ von Peter Härtling gehört beispielsweise dazu. 80er-Jahre-Lebenswelten, die Kinder heute gar nicht nachvollziehen können. Das geht am Schüler vorbei!“

Ganz klar nicht vorbei gehen an Schülern die neuen Medien, die Mike Altwicker aber auch überhaupt nicht verteufeln will; außerdem weiß er, dass die  Entscheidungsmöglichkeit zwischen gedrucktem Buch und E-Reader längst nicht mehr die einzige, sondern ganz im Gegenteil schon wieder überholt ist: „Wenn man zu Hause ein gedrucktes Buch an einer bestimmten Stelle unterbricht und es zum Beispiel nicht mit in die Bahn schleppen will, ermöglicht das Papego-System, das Buch an dieser Stelle zu scannen, sodass man es unterwegs digital weiterlesen kann.“ (Das Buch muss Papego-fähig sein, Anm. d. Red.) Birgit Redicker beobachtet, dass die neuen Medien das „echte“ Buch noch lange nicht verdrängt haben, „ergänzende Apps aber zum Beispiel sehr gut ankommen. Aber egal, ob gedrucktes oder digitales Buch – ein ungezwungener und lockerer Umgang damit ist einfach wichtig.“ Wichtig sei zudem, so Mike Altwicker, dass ein Buch für sich ein Standalone, also völlig eigenständig sei. „Da hat jedes Medium seine Daseinsberechtigung. Film ist das eine, Hörbuch das nächste und so weiter. Das Buch als solches steht immer für sich. Und Literatur – egal in welcher Form – dient dem Reifen und der psychischen Entwicklung.“

Gereifte Menschen also in Deutschland, so scheint’s, gibt es doch laut des Statistik-Portals Statista gut 30 Millionen Buchkäufer hier. Und eine Prognose zum Umsatz im Buchmarkt für Deutschland 2020 liefert immerhin die Zahl 8,7 Mio. Euro. Eine andere spannende Zahl erwähnt abschließend Buchhändler Altwicker: Zwar nicht statistisch belegt, aber psychologisch fundiert betrachtet, wisse man, dass 75 Prozent der Buchkäufer ihre Entscheidung am Cover festmachen. Da lohnt doch in jedem Fall mal eine Selbstbeobachtung…

Spielerisch statt sklavisch an die Literatur geklammert: Auch so kann Leseförderung sein.

Spielerisch statt sklavisch an die Literatur geklammert: Auch so kann Leseförderung sein.

Jörg Degenkolb-Değerli lebt mit seiner Familie in Wuppertal, wo er als Autor und Journalist arbeitet. Von 2003 bis 2016 war er leitender Redakteur der Bergisch-Land-Ausgabe des Stadtmagazins "coolibri". Er moderiert Veranstaltungen und tritt selber als Bühnenliterat auf – im Spannungsfeld zwischen „schreiend komisch“ und „bitterernst“. Seine Programme „Einer lag im Kuckucksnest“ und „Nüchterne Worte für trunkene Menschen“ bieten Texte für Zwerchfell, Herz und Hirn.

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