Interview: Was die Seele berührt

Briefe von Felix, Die kleine Motzkuh, Der kleine Herr G.Ott: Annette Langen gehört zu  den erfolgreichsten Kinderbuchautoren Deutschlands. Wir sprachen mit ihr über die Bedeutung von Büchern – vor allem für Kinder und Jugendliche: 

BB: Bevor wir über Ihre ­Bücher reden, würde ich gerne über Ihr Verhältnis zu Büchern sprechen. Sie stammen aus einer Buchhändler­familie, haben als Lektorin gearbeitet und jetzt schreiben Sie Bücher. Klingt, als ob sich bei Ihnen alles ums Buch drehen würde.

Annette Langen: Auf alle ­Fälle hatte ich eine frühkindliche Prägung.

BB: Wissen Sie noch, welches Ihr erstes Buch war?

Langen: Das waren mehrere, aber ich weiß nicht mehr wie die hießen. Aber es gab früh viele Bücher, die ich sehr geliebt habe. „Mein Esel Benjamin“ zum Beispiel, das gibt es ja heute noch. Oder „Jens und Michel“, das waren dänische Zwillingsbrüder. Es waren sehr, sehr viele über die Jahre.

BB: Sie sind ja auch selber ­Mutter. Wie wichtig war es Ihnen. Ihre Kinder mit Büchern in Kontakt zu bringen?

Langen: Das war mir immer sehr wichtig. Ich habe auch immer gerne vorgelesen und später dann, in der Grundschule, darauf geachtet, dass sie auch selber ans Lesen kamen.

BB: Wie haben Sie das geschafft?

Langen: Die passenden Bücher ausgesucht. 

BB: Ihre eigenen?

Langen: Nein, meistens Bücher von anderen Autoren. Bei meiner Tochter war es auch immer sehr leicht, sie zum Lesen zu bringen. Aber mein Sohn brauchte schon eine richtig spannende Geschichte, damit er Lust daran hatte.

BB: Sie engagieren sich sehr stark im Bereich Leseförderung, sind unter anderem Botschafterin der Stiftung Lesen. Wenn wir Erwachsenen doch absolut einer Meinung sind, dass Lesen so eine tolle Sache ist, warum ist es eigentlich so schwer, die Kinder auch davon zu überzeugen?

Langen: Für die Kinder ist ­Lesen gerade am Anfang eine harte Übung, bis sie sich die Buchstaben zu einem Wort zusammengesetzt haben. Und oft wissen Kinder dann am Ende einer Seite nicht mehr, was sie am Anfang gelesen haben. Genau diese Frustrationserlebnisse hatte ich als Leseanfängerin auch und sie sind mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Das hat mich dazu bewogen, Kindern Lust aufs Lesen zu machen.

BB: Gibt es da einen Tipp für Eltern?

Langen: Ja, dass man die Interessensgebiete der Kinder aufgreift. Wenn ein Junge zum Beispiel gerne Fußball spielt, kann man ja eine Geschichte suchen, die sich um Fußball dreht. Oder wenn einer sich für große Bagger interessiert, findet man vielleicht im Sachbuch-Bereich das Richtige. Man kann auch mal von einer Kinderseite im Internet einen passenden Text ausdrucken.

BB: Sie schreiben seit bald 30 Jahren Bücher, bisher mehr als 100 Stück. Das sind mehr als drei Bücher pro Jahr. Wie schafft man das?

Langen: Ich habe ja das Glück, dass ich nur die Bücher schreibe und die Illustrationen jemand anderes macht (lacht). Das erleichtert die Arbeit.

BB: Ist das mehr Arbeit oder mehr Leidenschaft für Sie?

Langen: Beides. Eine gewisse Disziplin gehört schon dazu. Und natürlich Spaß an der Arbeit.

BB: Sie haben mal gesagt, dass Sie sich vieles aus Ihren Büchern gar nicht ausdenken mussten, weil das so oder so ähnlich einfach in Ihrem Leben passiert ist. „Im Bann des Tornados“, das Buch zum Welttag des Buches 2016, geht zum Beispiel auf ein Erlebnis mit einer Bekannten aus den USA zurück. Haben Sie so ein spannendes Leben oder schauen Sie einfach nur genauer hin?

Langen: Ich glaube eigentlich nicht, dass ich so ein super-spannendes Leben habe. Ich bin auch noch nicht, anders als im Buch, in einen Tornado geraten. Zum Glück. Aber ich kann mir halt vorstellen, dass das für Kinder ein spannendes Erlebnis ist. Und so war die wahre Begebenheit, dass eine Bekannte in den USA einen Tornado-Bunker in ihr Haus einbauen lässt, die Initialzündung dafür, ein Buch zu schreiben, in dem Kinder in einen Tornado kommen.

BB: Heißt das, Sie sehen die Welt durch die Augen der Kinder?

Langen: Ich glaube schon.

BB: Bekannt sind Sie ja vor allem für Ihre Kinderbücher, vorneweg natürlich Felix. Ihr aktuelles Buch „Dann lieber Luftschloss“ ist aber ein Jugendbuch, für zehn- bis zwölfjährige Mädchen. Ist das was anderes?

Langen: Wenn man ein Bilderbuch schreibt, muss man natürlich auch stark in den Illustrationen denken, dass man nur das schreibt, was der Illustrator nicht zeigen kann. Bei einem Roman kann man sich den ganzen Film vorstellen. Und das dann auch schreiben. So gesehen ist es dann vielleicht sogar leichter, weil man dann für alles zuständig ist.

BB: Was macht denn ein gutes Buch aus?

Langen: Ein gutes Buch berührt die Seele. Wenn man von dem Buch bewegt ist, dann bewirkt es auch etwas mit einem. Wenn ich es nur so runterlese und es mir egal ist, was mit der Hauptfigur passiert, ist mir das Buch ja eigentlich auch egal.

BB: Aber Ihre Bücher erzählen ja oft nicht nur einfach eine Geschichte. Felix bringt uns andere Kulturen näher, die kleine Motz-Kuh hilft, Konflikte zwischen Kindern und Eltern zu entschärfen. Gehört das für Sie dazu?

Langen: Das kommt so mit beim Schreiben. Geplant ist das eigentlich nicht. Klar wusste ich, dass Felix was aus Ägypten berichtet, aber ein Lehrmeister sollte er nie sein.

BB: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee mit den Briefen gekommen?

Langen: Ich hatte selber viele Brieffreunde im Ausland, die ich auch besucht habe. Und die Idee war, die echten Briefe ins Buch zu bringen. So wird das natürlich sehr unmittelbar, dass man denkt, der Hase hat den Brief geschrieben.

BB: Haben Sie denn selber ein Lieblingsbuch?

Langen: Für mich persönlich? (macht eine lange Pause) Schwierig zu sagen. Vielleicht „Das Spiel ist aus“ von Sartre.

BB: Lesen Sie viel?

Langen: Wenn ich schreibe, gar nicht. Das kriege ich nicht hin. Dann komme ich aus meinem Stil raus.

BB: Was liegt denn aktuell auf Ihrem Nachttisch?

Langen: Ich habe gar keinen Nachttisch, das türmt sich alles daneben. Im Moment lese ich ein Buch aus der Romanserie Artemis Fowl des Iren Eoin Colfer, das ist so eine ganz fantastische Welt, das finde ich sehr spannend. Und eine Biografie über Gertrude Bell, eine britische Forscherin.

BB: Können Sie sich vorstellen, dass ein Kind ohne Bücher aufwächst?

Langen: Oh ja, sehr gut sogar, leider. Das ist ja ein bekanntes Phänomen, dass manche Kinder bis zum Schulbeginn noch kein eigenes Buch in Händen gehalten haben. Das deutsche Durchschnittskind von null bis sechs Jahren bekommt nur 0,3 Bücher pro Jahr. Das ist eine Schätzung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugendbuchverlage aus dem Jahr 2004. Wahrscheinlich sind es inzwischen 0,2.

BB: Aber zum Glück gibt es ja noch Büchereien.

Langen: Und die Stiftung Lesen, die zum Beispiel Bücher in die Kitas bringt. Es gibt viele Büchereien, die für Kindergartenkinder Rallyes veranstalten. Aber auch da gibt es eine Begebenheit, die mir mal eine Bibliothekarin erzählt hat: Da war eine Schulklasse zu Besuch und jedes Kind sollte sich ein Buch für zuhause ausleihen. Ein Kind hat geweint, dass es kein Buch mitnehmen wollte. Die Bibliothekarin dachte, weil das Kind Angst hat, dass es das Buch nicht gut behandelt. Aber dann kam raus, dass die Mutter keine Lust hatte, das Buch zurückzubringen.

BB: Sprechen Sie auch mit solchen Eltern?

Langen: Auch. Ich denke, man gibt immer das weiter, was man von zuhause kennt. Und wenn viele, die jetzt Eltern sind, selber ohne Gute-Nacht-Geschichte aufgewachsen sind, sehen sie natürlich auch nicht die Bedeutung des Buches. Dabei gibt es eine Langzeitstudie der Universität Oxford, dass das abendliche Vorlesen den Kindern hilft, später einen guten Schulabschluss zu machen. Da kann man den Eltern eigentlich nur Mut machen und sie da abholen, wo sie stehen. Zu mir kommen nach Lesungen oft Eltern und sagen: Wir trauen uns ja nicht vorzulesen, weil wir das nicht so perfekt können, wie die Sprecher in den Hörspielen.

BB: Was sagen Sie denen dann?

Langen: Dass es gar nicht perfekt sein muss. Aber nur Sie können Ihren Kindern beim Lesen Nähe und Geborgenheit geben. Das kann kein Hörbuch dieser Welt.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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