Entspannt – und völlig anders

Jörg Brinkmann mit Julian und Roman Wasserfuhr (v.li.) in Irland.

Hückeswagen Keine zwei Jahre nach dem überaus erfolgreichen Vorgänger „Landed in Brooklyn“ bringen die Hückeswagener Jazz-Brüder Julian und Roman Wasserfuhr ein neues Album an den Start. „Relaxin‘ in Ireland“ erscheint am 26. Oktober – und wird, trotz der Ähnlichkeiten bei Namen, quasi das komplette Gegenteil der letzten Platte. Was neben der besonderen Produktionsweise vor allem der noch besonderen Besetzung zu verdanken ist.

Hatten die Wasserfuhrs bei ihren fünf bisherigen Alben immer auf mehr oder minder typische Jazz-Besetzungen gesetzt, spielen sie diesmal zusammen mit einem Cellisten. Und zwar nur mit einem Cellisten. Vorgeschlagen hatte ihnen das Siggi Loch, Chef ihres Labels ACT – und die beiden damit an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft getrieben. „Im ersten Moment haben wir uns wirklich gefragt, wie das gehen soll“, erinnert sich Roman, der ältere der beiden Brüder, so ganz ohne Rhythmus-Abteilung, Bass und zweites Harmonieinstrument. „Ich kenne kein anderes Album in der Besetzung Trompete-Cello-Piano“, sagt er. „Und schon gar nicht im Jazz.“  Aber da kannten sie ja auch Jörg Brinkmann noch nicht, also eben den Cellisten, den ihnen ihr Label-Chef ans Herz gelegt hatte. „Der macht völlig verrückte ­Sachen“, sagt Roman. Statt nur mit einem Bogen spielt Brinkmann sein Cello auch schon mal, indem er es zupft wie einen Bass oder darauf Akkorde wie auf einer Gitarre erzeugt. Hinzu kommen weitere Effekte wie Loops. Brinkmann, der in Bochum lebt und viel mit Trompeter Markus Stockhausen, dem Sohn von Karlheinz Stockhausen, tourt, besuchte Julian und Roman in Hückeswagen – und die Chemie stimmte sofort. „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden“, erzählt Roman. „Und uns sind schnell wahnsinnig viele neue Songs zu dem Klang eingefallen.“

Track 2 auf der CD: "Drunken Sailor".

Track 2 auf der CD: „Drunken Sailor“.

Um daraus eine Platte zu ­machen, schickte ACT-Boss Siggi Loch die drei auf das Anwesen eines Freundes an der Südküste Irlands, das unter anderem ein komplettes Tonstudio beherbergte. „Das war der totale Luxus“, erinnert sich Roman. „Morgens haben wir auf der Terrasse gefrühstückt und konnten dabei hinter einem grünen Feld den Atlantik sehen. Und wenn wir Bock hatten, Musik zu machen, riefen wir den Tontechniker an und gingen ins Studio.“ Eine Woche lang frickelten die drei so an ihren Songs.

War der Vorgänger „Landed in Brooklyn“ also unter Zeitdruck in nur zwei Tagen und in der Hektik der Großstadt New York entstanden, entwickelte sich „Relaxen in Ireland“ zum kompletten Gegenentwurf. Und das hört man auch. „Das ist eine Platte zum Runterkommen“, sagt Roman. Nicht mehr so „jazzig“ wie die letzte Scheibe, dafür mehr „songdienlicher“, wie Roman es nennt. Die Melodie rückt also wieder mehr in den Fokus. „Da gibt es auch für Musikinteressierte viel zu entdecken, komische Tonarten und ungerade Taktzahlen zum Beispiel. Man kann sich aber auch einfach mit einer Tasse Bier hinsetzen und die Platte hören.“

Neben neun eigenen Songs und drei Covern enthält die CD auch einen „Hidden Track“, der auf die Vinyl-Version nicht mehr draufpasste. Zu den Cover-Songs gehört unter anderem der irische Shanty „Drunken Sailor“. Ein Vorschlag seines Bruders Julian, wie Roman sagt, der bei ihm erstmal gar nicht gut ankam: „Das Stück hat acht Takte und dann ist vorbei. Was soll man daraus schon machen?“ Doch die beiden schufen ihre ganz eigene Version des irischen „Saufliedes“: „Das ist ganz anders als das Original, man erkennt es aber noch wieder.“

Zur neuen Platte wird es im kommenden Jahr auch eine Tour geben. Das traditionelle „Heimspiel“ der Wasserfuhrs ist für den 8. Februar als „Schnafftival“ in der Alten Drahtzieherei in Wipperfürth geplant.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.