Leidenschaft auf vier Beinen

Fans sind sich einig: Vollblutaraber, wie die von Gut Alemich, sind die schönsten Pferde überhaupt. Sie leben, wie viele andere Rassen auch, auf Höfen im Bergischen Land.

Rhein- und Oberberg Wenn Daniela ­Söhnchen über ihre Liebe zu Pferden spricht, dann scheint es manchmal, als reiche selbst die facettenreiche deutsche Sprache kaum aus. Von „Symbiose“ spricht sie dann und von „Verbindung“, sie schwärmt von der „Einheit“, die Pferd und Reiter im besten Fall bilden. ­Worte wie „Freiheit“ und „Abenteuer“ fallen, „Vertrauen“ und „Beziehung“. Man könne sich auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad in der Natur bewegen, sagt sie. „Aber nur in der Natur. Auf dem Pferd habe ich die Chance, auch ein Teil davon zu werden.“

Fall: Daniela Söhnchen hat den Pferde-Virus. Und das schon eine ganze Weile. Auch nach mehr als 30 Jahren im Stall und im Sattel hat ihre Faszination für die großen Vierbeiner nicht nachgelassen. So wie ihr geht es vielen Menschen. In ganz Deutschland. Und natürlich auch im Bergischen. Fast 700.000 Mitglieder hat die Reiterliche Vereinigung, die damit einer der größten Sportverbände der Republik ist. Nur knapp hinter Handball (750.000 Mitglieder) und weit vor Sportarten wie Tanzen (207.000) oder Volleyball (411.000).

Dabei sind Ober- und Rhein-Berg offensichtlich prädestiniert zum Reiten und zur Pferdehaltung. Die weitläufige, von der Landwirtschaft geprägte Landschaft mit ihrem Wäldern und Feldern ist ideal für Pferde-Freunde. Und die landwirtschaftliche Infrastruktur kann auch genutzt werden. So sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Pferde-Höfe entstanden. Vom Islandpferdehof in Wermelskirchen bis zur Western-Ranch in Rösrath, von der Reitsportanlage in Hückeswagen bis zum Pferdeflüstern für Manager in Nümbrecht.

„Das hat wohl auch mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft zu tun“, sagt Evelyn Biesenbach. Wenn Bauern ihre Milch- und Rinder-Betriebe aufgeben, werden die gerne schon mal von Pferdehaltern übernommen. So wie es die Eltern von Evelyn Biesenbach gemacht haben, als sie vor rund 30 Jahren von Lindlar nach Kürten zogen. „Das war damals der einzige Pferde-Hof weit und breit“, erinnert sie sich. „Heute haben wir allein hier im Dorf fünf.“ Einer davon ist ihr eigener, den sie vor einigen Jahren in Kürten-Weiden gründete, wo sie auf über fünf Hektar rund 30 Pferde und Ponys hält.

Evelyn Biesenbach lebt davon, den Pferde-Virus weiterzugeben, andere anzustecken, indem sie ihnen den Umgang mit Pferden und das Reiten näherbringt. Neben Kutschfahrten, Sätteln und Einstellmöglichkeiten für Pferde bietet sie vor allem Reitunterricht an. „Meine größte Kundengruppe sind Kinder zwischen drei und 13 Jahren“, sagt sie. Spielerisch führt Evelyn ­Biesenbach, die neben zahlreichen Trainerscheinen auch eine sozialpädagogische Ausbildung hat, die kleinen Reitschüler ans Thema ran. 

„Ich möchte keine verkopften Reiter produzieren, ich möchte kleine Pferde-Menschen erziehen“, sagt die 41-Jährige. Dazu gehört die Bodenarbeit, also das Führen des Pferdes, genauso wie dessen Haltung, Fütterung und Versorgung nach dem Ritt. „Das ist eine gute Schule fürs Leben“, sagt Evelyn Biesenbach, allein schon weil die Kinder so lernen, Verantwortung zu übernehmen. Eine Aussage, die Daniela Söhnchen sofort unterschreiben würde. Kinder, aber auch Erwachsene, würden beim Reiten viel fürs Leben lernen, sagt sie. „Zum Beispiel, dass jede Aktion eine Reaktion auslöst. Das ist bei Pferden wie im echten Leben. Nur viel direkter und authentischer.“ Dieses absolut ehrliche Feedback, sagt sie, sei vielleicht das größte Geschenk der Pferde: „Man lernt, geschätzt zu werden. Und zwar für das, was man wirklich ist.“

Nicht alle Curlys haben gelockte Haare, aber bei vielen kann man ihre Rassenzugehörigkeit klar erkennen.

Nicht alle Curlys haben gelockte Haare, aber bei vielen kann man ihre Rassenzugehörigkeit klar erkennen.

Daniela Söhnchen, im Hauptberuf Architektin, züchtet auf ihrem Hof in Wipperfürth Pferde. Und zwar eine ganz besondere Rasse. Ihre American Bashkir Curly Horses sind die einzigen Pferde, die auch für Allergiker geeignet sind. Das gleiche Gen, das für die namensgebenden gelockten Haare verantwortlich ist, hat vermutlich auch die Eiweißstruktur der Tiere so verändert, dass sie kaum noch Allergene enthält. Und die etwa 45 Tiere von Daniela Söhnchen sind übrigens auch fast ein Prozent der weltweiten Population dieser Rasse.

Während Daniela Söhnchen peinlich genau darauf achtet, dass nicht eine Hautschuppe eines anderen Pferdes ihren Hof erreicht, zum Schutz der Allergiker, geht es rund 25 Kilometer entfernt wesentlich bunter zu. Der Aktivstall Werheid in Bergisch Gladbach bietet ein Zuhause für Pferde und Ponys unabhängig von ihrer Rasse. „Wir halten hier seit 50 Jahren Pferde“, sagt Gaby Werheid. Früher, wie alle anderen auch, in Boxen. Seit 2011 aber geht der Betrieb einen anderen Weg. In zwei Gruppen leben jeweils rund 20 Tiere in einer Herde zusammen. Jeder Gruppe stehen rund 3.000 Quadratmeter Lauf­fläche plus Weide zur Verfügung. Per Zeitschaltuhr und über Chips, die die Tiere an einem Halsband tragen, wird der Zugang zu Futter und zur Weide geregelt.

„Rasse und Größe sind egal“, sagt Gaby Werheid. „Die Grundbedürfnisse – Licht, Luft, Bewegung, Sozialkontakt und Futter – sind ja bei allen gleich.“ Und genau denen versucht man hier so gut wie möglich nachzukommen. Durch das Leben im Herdenverbund. Vor allem aber durch die Bewegung. „Jedes Pferd bewegt sich hier auf der Anlage zehn bis 16 Kilometer am Tag“, sagt Gaby Werheid. Das verhindere Probleme mit dem Bewegungsapparat und mache die Tiere ausgeglichener.

Weiterer Vorteil: Die Pferde leben nahezu autark, man muss sich nicht jeden Tag um sie kümmern. „Wenn der Besitzer es mal nicht schafft oder im Urlaub ist, sind die Tiere in der Gruppe auch so glücklich“, sagt Gaby Werheid. All das zusammen sorgt dafür, dass auch Pferdebesitzer aus Remscheid, Düsseldorf und Köln ihre Vierbeiner in Bergisch Gladbach einstellen. „Für viele ist das Pferd ein Familienmitglied“, sagt Gaby Werheid. Und damit es ihm gut geht, nimmt man eben auch längere Anfahrten in Kauf.

So sind Pferde längst auch zum Wirtschaftsfaktor geworden, nicht nur für Evelyn Biesenbach, Gaby Werheid und Daniela Söhnchen. Bundesweit würden rund 10.000 Firmen direkt oder indirekt von Pferdehaltung und Reitsport leben, schätzt die Reiterliche Vereinigung. Der Umsatz der deutschen Pferdewirtschaft liegt bei 6,7 Milliarden Euro. Dass Reiten aber ein teures Hobby ist, möchte Evelyn Biesenbach so nicht stehen lassen. 60 bis 80 Euro monatlich müsse man am Anfang für die Reitschule rechnen, schätzt sie. „Musikunterricht ist auch nicht günstiger.“ Später würden dann etwa 150 Euro pro Monat für eine Reitbeteilgung, eine Art Pferd-Sharing, reichen.

„Ich möchte keine verkopften Reiter produzieren, ich möchte kleine Pferde-Menschen erziehen“, sagt Reitlehrerin Evelyn Biesebach.

„Ich möchte keine verkopften Reiter produzieren, ich möchte kleine Pferde-Menschen erziehen“, sagt Reitlehrerin Evelyn Biesebach.

Man kann aber auch mehr Geld investieren, wie Silvia Garde-Ehlert zeigt. Auf dem Gestüt Gut Alemich in Overath züchtet sie edelste Vollblut-Araber. „Das sind die schönsten Pferde der Welt“, sagt sie. „Und das ist nicht nur meine Meinung.“ 1970 erwarben Silvia Garde-Ehlert und ihr Mann im sowjetischen Staatsgestüt Tersk ein männliches und vier weibliche Tiere. Der Hengst namens Kilimandscharo, ein Sohn von Aswan, den Ägypten zuvor dem sowjetischen Regierungschef Chruschtschow geschenkt hatte, entwickelte sich zu einem der meist prämierten Tiere – und begründete den Ruf des Gestüts.

Rund ein Dutzend Fohlen ­werden heute jedes Jahr auf Gut Alemich geboren. Tiere, die nicht in Overath bleiben, gehen in die ganze Welt. Vor allem US-Amerikaner hätten bis vor ein paar Jahren zu den wichtigsten Kunden gehört, sagt Silvia Garde-Ehlert. Inzwischen verkaufe sie vor allem in den arabischen Raum. „Dort gibt es seit einiger Zeit eine Rückbesinnung auf eigene Traditionen und damit auch auf die eigenen Pferderassen.“ Und vor allem gibt es dort auch genug Kaufkraft. Stuten aus dem Overather Gestüt beginnen preislich in der Größenordnung eines Mittelklassewagens, können aber auch in die Regionen von Mehrfamilienhäusern vorstoßen. Mehrfach ausgezeichnete Hengste seien „unbezahlbar“, sagt Silvia Garde-Ehlert. Und das ist nicht nur sprichwörtlich gemeint.

Silvia Garde-Ehlert ist weltweit vernetzt. Gerade erst war sie in Prag, davor bei einer Pferdeschau in der Nähe von Warschau, bald geht es nach Frankreich. Neben ihrer Zucht ist sie auch als Richterin bei Schauen aktiv. Ein verantwortungsvoller Job. Denn die dort vergebenen Titel bestimmen, nebem den sportlichen Leistungen, auch den Wert der Tiere. Wichtiger ist nur der jeweilige Stammbaum. „Jedes Pferd muss direkt auf arabische Vorfahren zurückzuführen sein“, sagt sie. Und das absolut lückenlos. „Wenn eine unklare Abstammung auftaucht, wird das Pferd nicht ins Stutbuch eingetragen“, sagt Silvia Garde Ehlert. Und das war es dann mit dem Wert des Pferdes.

So etwas klingt stark nach Business, doch Grundlage ist, auch bei Silvia Garde-Ehlert, die Liebe zu Pferden. „Aber natürlich“, antwortet sie fast schon ein wenig entrüstet auf die Frage, ob sie denn auch selber reitet. Und dann berichtet sie von ihrem Vater, einem Kölner Internisten, der ihr die ersten Reitstunden in Müngersdorf ermöglichte. Vor etwa 50 Jahren, erzählt sie, habe sie erstmals auf einem Pferd „mit arabischem Blutanteil“ gesessen. Ab da sei es um sie geschehen gewesen. Sie studierte an der Kölner Kunstwerkschule, arbeite bei einer Kaufhaus-Kette – und landete am Ende doch in der Pferdezucht. Da ist er also wieder, der Pferde-Virus. Und er funktioniert ganz offensichtlich unabhängig von Alter, Herkunft und Geldbeutel. Denn all das ist den Pferden auch egal. III

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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