Die Tatortreiniger

Ihre Arbeit erledigen die Tatorteriniger in Schutzanzügen und mit Masken. Der Gestank wäre sonst einfach nicht auszuhalten.

Bergisch Gladbach/Wermelskirchen Wenn Peter Weyer gerufen wird, geht es oft um Leben und Tod. Oder es ist schon zu spät. Weyer, im Hauptberuf Feuerwehrmann, arbeitet nebenher als Tatortreiniger. Seine Firma Silent Clean mit Sitz in Bergisch Gladbach rückt dann an, wenn normale Reinigungsunternehmen nicht mehr weiterkommen. Zum Beispiel, weil eine Leiche über Wochen unbemerkt in einer Wohnung lag.

Für die meisten Menschen wäre das vermutlich extrem eklig. Für Peter Weyer hingegen ist es Berufsalltag, über den er entsprechend sachlich sprechen kann. Durch den Tod verliere der Körper Bindung, erklärt er. Irgendwann tritt dann das so genannte Leichenwasser aus. Und mit ihm der Geruch. „Das stinkt erbärmlich“, sagt Weyer. Und was noch schlimmer ist: Organische Materialien – Holz, Tapete, Kleidung – nehmen den Geruch schnell an.

Deswegen gehören für Peter Weyer und seine Kollegen das Herausreißen von Teppichböden und Wandverkleidungen genauso zum Handwerk wie das Entsorgen von Möbeln. „Man muss an die Ursache ran“, sagt er. „Alles andere ist nur Kosmetik.“ Sich selber schützen die Tatortreiniger durch Ganzkörperanzüge, Schutzbrillen und Atemmasken.

Dabei ist der Name Tatortreiniger eigentlich irreführend. 2009 hat Weyer sein Unternehmen, inspiriert durch einen amerikanischen Spielfilm, gegründet – „echte“ Tatorte, also Schauplätze von Gewaltverbrechen, hat er seither nur zwei gesehen. Häufiger entfernt Weyers Firma Taubenkot, entsorgt Gammelfleisch oder räumt Messie-Wohnungen aus. Die Todesfälle, zu denen sie gerufen werden, haben meist eine natürliche Ursache. Und werden nur zu Fällen für Silent Clean, weil der Tote lange unbemerkt bleibt. „Ein gesellschaftliches Problem“, sagt Weyer. „Die Bindungen im sozialen Umfeld nehmen ab.“ Und so kommt es schon mal vor, dass jemand stirbt. Und die Nachbarn das erst merken, wenn die Maden durch die Decke kommen.

Der Beruf des Tatortreinigers ist jung. Erst um die Jahrtausendwende wurden die ersten Unternehmen in Deutschland gegründet. Als Peter Weyer vor knapp neun Jahren startete, fand er nach langer Suche fünf Firmen bundesweit. Und nicht eine einzige im Kölner Raum.

Inzwischen sind noch ein paar hinzugekommen, selten sind die Anbieter aber immer noch. Doch ausgerechnet im Rheinisch-Bergischen Kreis gibt es gleich zwei. Nur ein paar Kilometer von Peter Weyers Silent Clean entfernt hat in Wermelskirchen Thomas Staniol seinen Firmensitz. Sein Unternehmen heißt Bergische Gartenzwerge. Und auch wenn es der niedliche Name kaum vermuten lässt: Auch Staniol kümmert sich, neben Rasenpflege, Terrassenreinigung und Schrottentsorgung, um Messie-Wohnungen und unbemerkt Verstorbene. Und die Kombination aus beidem.

Geplant hatte er das ursprünglich nicht. „Ich hatte einen Rasenmäher und einen Anhänger und dachte, ich könnte mir etwas dazuverdienen“, erinnert er sich an seine Anfänge. Bei einem Einsatz traf er auf einen Tatortreiniger – und erkannte das Geschäftspotenzial. Staniol war zuvor Feldjäger bei der Bundeswehr, hatte im Krankentransport und als Türsteher gearbeitet. Vor allem aber ist er bei der Freiwilligen Feuerwehr in Solingen aktiv. „Da härtet man ab.“

Und abgehärtet muss man auch sein. Beide, Weyer und Staniol, berichten von Szenen wie aus schlechten Filmen. Aus einer Wohnungen in Solingen, die von einer Mutter mit zwei kleinen Kindern und einem Dutzend Hunde bewohnt wurde, habe man sieben Kubikmeter Hundekot herausgeholt, berichtet Staniol. Und in Köln sei ein Mann durch einen Sturz gestorben – und nur so kam ans Licht, dass der leitende Bankangestellte, der jeden Morgen frisch rasiert in seinem neuen Oberklasse-Wagen zur Arbeit fuhr, in einer völlig zugemüllten Wohnung lebte. Inklusive eines von einem Berg Bio-Müll umgebenen Kühlschranks im Wohnzimmer. Peter Weyer und seine Leute mussten mal mehr als 14 Tonnen Müll aus einer Wohnung im zehnten Stock holen, um die tote Bewohnerin der Wohnung zu finden. Und in einem Haus in Köln, in dem eine junge Frau erstochen wurde, stand das Blut zentimeterhoch in den Schubladen.

So etwas wieder sauber zu machen, kann ein paar Stunden dauern. Oder Wochen. So wie in einem Mordfall, bei dem einer mutmaßlichen Drogenhändlerin der Hals aufgeschnitten wurde. Die Frau verblutete in ihrer Badewanne – während das Wasser lief. Durch das überlaufende Badewasser verteilte sich das Blut im halben Haus. Und Thomas Staniol und seine Leute brauchten drei Wochen, um alles zu reinigen und zu entsorgen. 

Was auffällt: Weder Thomas Staniol noch Peter Weyer erwecken, wenn sie so etwas erzählen, den Eindruck, als ginge es ihnen um Sensationsgier oder Schock-Effekte. Beide gehen absolut professionell damit um. „Das ist ein Job, da muss ich funktionieren“, sagt Weyer. Natürlich seien ihm die Schicksale der Toten nicht egal. In erster Linie gehe es aber darum, die Wohnung wieder bewohnbar zu machen. „Das nimmt ja auch Last von den Angehörigen.“

Um das Erlebte zu verarbeiten, würden Gespräche mit Kollegen helfen, sagt Weyer. Während Thomas Staniol gerne Zeit allein verbringt, um den Kopf frei zu kriegen. „Ich nehme mir ein Lunchpaket und setze mich in Hitdorf an den Rhein“, berichtet er. „Und dann sitze ich da auch schon mal ein, zwei Stunden.“

Viele Reinigungsmittel, die Thomas Staniol einsetzt, rührt er selber an. Mit Meister Propper, General Bergfrühling und anderem, was man so im Drogeriemarkt zu kaufen bekommt, hat das nichts zu tun. Noch wichtiger aber, sagt Peter Weyer, sei zu verstehen, was eigentlich Ursache für den Geruch und die Verschmutzung sei. Inzwischen würden auch entsprechende Kurse und Weiterbildungen angeboten. „Aber zu meiner Zeit war das noch Learning by Doing.“

Kunden der Tatortreiniger sind übrigens meist nicht Polizei oder Ordnungsamt, sondern die Hausbesitzer. Schließlich haben die ja ein Interesse daran, die Wohnung bald wieder nutzen zu können. Thomas Staniol arbeitet zum Beispiel regelmäßig für eine große Wohnungsgesellschaft. Nur planbar sei das nicht. „Manchmal habe ich wochenlang nichts und dann wieder kurz hintereinander“, sagt er. Einmal sei er gerade von einem Einsatz auf den Hof gefahren, als der gleiche Kunde wieder anrief – noch während Staniol in dem einen Haus bei der Arbeit war, hatte sich zwei Häuser weiter eine Mieterin im Treppenhaus in den Tod gestürzt. „Da habe ich mir am nächsten Tag aber freigenommen.“

Typischer Einsatz für Tatorteriniger: Vollgemüllte Messie-Wohnungen, in denen man kaum noch treten kann.

Typischer Einsatz für Tatortreiniger: Vollgemüllte Messie-Wohnungen, in denen man kaum noch treten kann.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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