Das gibt Ärger: Simone Solga im Interview

Vor gerade mal ein paar Wochen hat sie den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett gewonnen: Simone Solga aus Gera gehört zu den (zu) wenigen Frauen im politischen Kabarett. Am 26. April spielt sie im Bergischen Löwen ihr neues Programm „Das gibt Ärger“. Wir sprachen mit ihr über schwarze Kleidung, eine Geld-zurück-Garantie und den kleinen Mann.

 BB: Bevor wir über Ihren Auftritt im Löwen sprechen, muss ich etwas gestehen: Ich habe bestimmt ein Dutzend Kabarettisten interviewt – aber Sie sind die erste Frau.

Simone Solga: Nee, echt?

BB: Ja. Bin ich ein Sexist?

Solga: (lacht) Nein, nur unachtsam.

BB: Aber zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass die Mehrheit des Inventars in Kabarettsendungen männlich, um die 40 und aus dem Westen ist.

Solga: Das stimmt. Es gibt weniger Frauen, mehr als früher, da hat sich viel getan in den letzten Jahren, aber immer noch weniger. Und aus dem Osten kommen wirklich ganz wenige. Komischerweise. Das verstehe ich auch nicht.

BB: Sie haben gerade den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett gewonnen. Wissen Sie zufällig, die wievielte Gewinnerin Sie seit 1972 sind?

Solga: Die dritte oder vierte erst, glaube ich. Und das ist auch über zehn Jahre her gewesen, dass zuletzt eine Frau gewonnen hat. Ich bin eh kein Freund der Preise. Mich macht das total glücklich, wenn immer mehr Zuschauer kommen. Trotzdem hat es mich überrascht, dass so lange keine Frau mehr gewonnen hat. Ich glaube, man guckt bei Frauen immer noch viel genauer hin, die müssen noch besser und noch besonderer sein als Männer. Und Frauen werden auch viel mehr hinterfragt.

BB: Das ist aber nicht nur im Kabarett so, oder?

Solga: Das ist in der ganzen Gesellschaft so, das wird jede Frau bestätigen können, ohne Opfer oder beleidigt sein zu wollen. Ich merke das auch an Kritiken, da spielen auch immer optische Dinge eine Rolle: Da kommt sie auf Highheels und mit ihren blonden Haaren. Niemand würde schreiben: Pispers kommt mit Pullover, Bart und dickem Bauch. Bei mir wird auch immer das Alter erwähnt, das heißt ja, dass man da immer noch mit anderen Augen guckt.

BB: Dabei sind Sie kleidungstechnisch eher unauffällig unterwegs. Sie tragen meisten Schwarz.

Solga: Ja, weil´s schlank macht und sich gut von der Rückwand abhebt.

BB: Ihre Programme sind Merkel-lastig: Seit 2005 sind Sie die Kanzlersouffleuse, 2009 haben Sie bei Merkels unters Sofa geschaut bis 2017 waren Sie im Auftrag ihrer Kanzlerin unterwegs. Man könnte fast meinen, Sie hätten einen Narren an der Frau gefressen.

Solga: Nee, das ist der Beruf. Die Idee hatte ich schon, da war Gerhard Schröder noch Kanzler, dass ich eine Kanzlerflüsterin sein könnte. Ich fand die Idee reizvoll, dass er seine teilweise unverschämten Aussagen eingeflüstert bekommt. Und dann kam plötzlich Merkel dran und ich musste das alles umschreiben auf die. Und dann blieb die ja auch einfach und sitzt da wie so ein Stöpsel auf dem Abfluss und wir haben sie an der Backe. Und mich damit auch. Inzwischen bin ich in dem Job gefangen.

BB: Seit zwölf Jahren begleiten Sie die Kanzlerin nun schon. Hat sie sich aus Ihrer Sicht in dieser Zeit verändert?

Solga: Nicht zum Positiven. Sie hatte mal eine bessere Zeit, da dachte ich, wir können stolz auf sie sein, weil es mal bei einer Frau um den Inhalt und nicht um die Form ging. Aber das ist durch. Deswegen hat sich die Souffleuse im neuen Programm auch sehr emanzipiert. Man spürt ja im Laufe der Programme eine Veränderung, auch einen Widerstand der Kanzlersouffleuse, vielleicht sogar eine Abrechnung. Es ist ja nicht mehr so, dass ich ihr noch etwas einflüstere, wie am Anfang, das ist ja längst vergebens.

BB: Wenn ich Ihre Arbeit politisch einordnen sollte, würde ich sagen, dass Sie mehr als die meisten anderen Kabarett für und aus der Sicht des kleinen Mannes machen.

Solga: Schön, wenn das auffällt. Dann mache ich alles richtig.

BB: Sie haben zum Beispiel mal gesagt, dass die Frage, wo das Geld für die Flüchtlinge plötzlich herkam, völlig berechtigt ist. Und dass die Kanzlerin diese Frage nicht beantwortet hat. Viele Kabarettisten würden das wohl nicht sagen.

Solga: Dafür muss ich auch viel Kritik einstecken. Und es gibt auch Journalisten, die mich dafür zerreißen. Es gab sicherlich auch mal drei oder vier Leute, die den Saal verlassen haben. Da heißt es dann immer, für so etwas gebe es Beifall von der falschen Seite. Wo ich mich immer frage, was das heißen soll. Was für ein beklopptes Argument. Ich will gar nicht der besserwissende Kabarettist sein, der weiß, wie es geht und immer nur auf Trump rumhackt. Da schlägt der Puls beim kleinen Mann sicherlich woanders. Der so oft verteufelte Stammtisch hat doch schon vor Jahren all die Fragen gestellt, die jetzt wieder aufkommen. Wenn Steinmeier jetzt sagt, dass wir zwischen Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen unterscheiden müssen, dann sag ich, dass das schon vor drei Jahren mal ein Thema am Stammtisch war. Als würde das dem normalen Bürger nicht auffallen. Ich staune, wenn Kabarettisten sagen, dass die Bürger die falschen Ängste haben. Da bin ich fast vom Sofa gerutscht. Was bitte sind denn falsche Ängste? Wenn wir solche Fragen verbieten, dann machen wir wirklich irgendwann die Nazis groß. Ich bin davon überzeugt, dass wir gottseidank ein ganz weltoffenes und tolerantes Land sind. Aber wenn man den Menschen den Mund verbietet, sieht man ja, was dabei rauskommt. Das hat die AfD ja erst groß gemacht.

BB: Ihr neues Programm heißt “Das gibt Ärger” – was genau gibt da Ärger?

Solga: Die Grundstory ist, dass ich im Kanzleramt kündige, was Merkel aber noch nicht weißt. Und das offenbare ich nun dem Publikum und bitte dort um Asyl. Das gibt natürlich Ärger. Aber viele andere Themen eben auch. Wenn die Politik so weitermacht zum Beispiel. Oder das eine oder andere, was ich so sage.

BB: Auf Ihrer Website steht: Wer nicht lachen konnte, bekommt sein Geld zurück. Mutig, oder?

Solga: (lacht) Ja, schon. Aber weil ich mir so sicher bin, dass gelacht wird, kann ich mich weit aus dem Fenster lehnen.

Simone Solga: „Das gibt Ärger“, Do 26. April, 20 Uhr, Bergischer Löwe, Konrad-Adenauer-Platz, Bergisch Gladbach
 www.simonesolga.de

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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