Über den Wolken

Per Motorflugzeug wird der Segler in die Luft geschleppt. Klinkt das Seil aus, ist die Freiheit grenzenlos...

Bergisches Land Wenn Klaudia und Katharina Weisheit über ihr Hobby sprechen, klingt das fast ein bisschen wie ein Text von Reinhard Mey. „Für mich ist es das letzte Stück Freiheit“, sagt Klaudia Weisheit. Und ihre Tochter Katharina schwärmt: „Da oben habe ich absolute Ruhe.“ Die inhaltliche Nähe zu Deutschlands bekanntestem Liedermacher ist kein Zufall. Mey und die Weisheits teilen sich ein Hobby, die Fliegerei. Und auch wenn die meisten Menschen „Über den Wolken“ wohl nicht mehr hören können, spricht der gebürtige Berliner vielen Fliegern aus tiefster Seele. „Da oben wird einem wirklich klar, dass man sich über die meisten Dinge umsonst aufregt“, sagt Klaudia Weisheit. Oder wie Reinhard Mey singt: „Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Vom Fliegen, seit jeher ein Menschheitstraum, geht schon immer eine besondere Faszination aus. Und die hält bis heute an. Auch oder gerade weil wir in einer Welt leben, in der man mal eben per Billigflieger nach Hamburg, Berlin oder Rom jettet. So wie man früher mit dem Zug gefahren ist. Während die meisten anderen Sportvereine der Republik mit einem Rückgang der Mitglieder zu kämpfen haben, vermeldet der Deutsche Aero Club, der Dachverband der deutschen Luftsportvereine, fast 5.000 neue Mitglieder in den vergangenen sieben Jahren. Und auch der Luftsportverein Wipperfürth, der Club von Klaudia und Katharina Weisheit, kann einen leichten Zuwachs verbuchen.

Vor allem der oberbergische Norden ist ein Zentrum für den Luftsport. Vier Flugplätze gibt es in Rhein- und Oberberg, drei davon in Radevormwald, Wipperfürth und Lindlar. Die beiden Plätze in Rade und Wipperfürth werden auch von anderen Vereinen genutzt. In Radevormwald fliegen neben dem Heimverein auch Clubs aus Schwelm und Wuppertal. In Wipperfürth sind zusätzlich zum LSV Wipperfürth auch Vereine aus Halver und Bergisch Gladbach aktiv. Die Gladbacher zum Beispiel hätten bei sich Probleme, eine freie Fläche von der notwendigen Größe zu finden und wären durch den Flughafen in Köln massiv eingeschränkt. Oberberg ist nicht nur landschaftlich schön und fliegerisch interessant, sondern bildet zusammen mit dem Sauerland auch eine große zusammenhängende Fläche, in der sich Hobby-Piloten ungestört bewegen können.

Einen Hang und etwas Wind, mehr brauchen Arno Gröbner und seine Schüler nicht, um zu fliegen.

Einen Hang und etwas Wind, mehr brauchen Arno Gröbner und seine Schüler nicht, um zu fliegen.

Rund 220 Mitglieder hat der LSV Wipperfürth derzeit, darunter allein vier aus der Familie von Klaudia und Katharina Weisheit. „Die Weisheits fliegen alle“, sagt der Vorsitzende Erich Mock. Er selber ist bereits seit 1960 dabei. Sein Elternhaus steht direkt neben dem Flugplatz Neye in Wipperfürth. „Ich habe das gesehen und war begeistert“, erinnert sich Mock an seinen ersten Kontakt. Erst stieg er bei den Modell-Fliegern ein, später begann er mit dem Segelflug, heute führt er den Verein.

Egal, ob wie Erich Mock durch räumliche Nähe oder wie Katharina Weisheit über die Eltern, egal ob Modell-, Motor- oder Segelflug, wer einmal vom Flug-Virus befallen ist, wird ihn offensichtlich nicht mehr los. „Die meisten Mitglieder bleiben über viele Jahre aktiv“, sagt Katharina Weisheit, die inzwischen als Referentin Segelflug diesen Bereich im Verein verantwortet. Diese Treue liegt sicherlich auch daran, dass Fliegen kein Hobby ist, das man „nebenbei“ betreiben kann. Wer nur mal „reinschnuppern“ will, ist bei der Rösrather Firma ACC richtig. Neben Rundflügen bietet das Unternehmen die Chance, zeitweise selber das Steuer einer Maschine zu übernehmen. „Für viele ein einmaliges Event“, sagt Doris Dapprich-Martiny von ACC. Für manche aber auch der Einstieg in die Fliegerei – quasi zum Testen.

So kann man sich sicher sein, das richtige Hobby gefunden zu haben. Sollte man auch, bei dem Aufwand. Schon den Segelflug-Schein zu machen, dauert zwei bis drei Jahre. Selbst einfache Flugzeuge kosten schnell mehr als ein Kleinwagen. Sie anzuschaffen und in Schuss zu halten und einen Flugplatz zu betreiben, geht nur in der Gruppe. Und sogar das Fliegen selbst klappt nicht alleine. „Segelfliegen ist ein absoluter Teamsport“, sagt Katharina Weisheit. Fünf bis sieben Leute braucht es am Boden, damit einer in die Luft gehen kann. Unter anderem, um die Winde, ein 1.000 Meter langes Stahlseil, das dank eines 350 PS starken Motors die Flugzeuge in die Luft schleppt, zu bedienen.

Erich Mock im Wipperfürther Tower: Fliegen ist Teamsport, der eine hilft dem anderen.

Erich Mock im Wipperfürther Tower: Fliegen ist Teamsport, der eine hilft dem anderen.

Wesentlich weniger aufwendig geht es da bei Arno Gröbner zu. Der diplomierte Sportlehrer betreibt eine Flugschule in Wiehl, für Drachen- und Gleitschirmflug. Gröbner und seinen Schülern genügen Schirm, Gurtzeug, Helm und ein Hang, um in die Luft zu gehen. Technisch sind Segel- und Gleitschirmflug verwandt. Beide nutzen Aufwinde, um an Höhe zu gewinnen, und gleiten dann aus. „Wir erreichen Flughöhen bis 3.000 Meter“, sagt Gleitschirmflieger Gröbner, der es erst vor kurzem noch mit dem Schirm bis Wiesbaden geschafft hat. „Für mich ist das die freieste Form des Fliegens.“

Während eines Ski-Urlaubs Mitte der 1970er Jahre sah Arno Gröbner den ersten Drachenflieger. „Da war es um mich geschehen“, erinnert er sich. Also brachte er sich selbst das Fliegen bei („Flugschulen gab es damals ja noch nicht.“), machte den Pilotenschein, absolvierte schließlich die Fluglehrerausbildung und eröffnete 1988 seine Flugschule im Süden Oberbergs, in der auch schon TV-Entertainer Stefan Raab mit seiner Sendung „TV Total“ zu Gast war. Auch Gleitschirmflieger sind gerne in der Gruppe unterwegs und helfen sich gegenseitig, im Vergleich zu den durchorganisierten Luftsportvereinen legen die meisten aber mehr Wert auf Individualität und Unabhängigkeit, schätzt Gröbner.

Trotzdem gibt es offenkundlich mehr Parallelen als Unterschiede zwischen den verschiedenen Luft-Sportlern – nicht nur, weil für alle die gleichen physikalischen Gesetze gelten. Fliegen, ob mit Flugzeug oder Schirm, erfordert ein hohes Maß an Gewissenhaftigkeit und Verantwortung. „Natürlich gibt es auch bei uns Regeln“, sagt Arno Gröbner. Und Katharina Weisheit meint: „Im Auto kann ich ja auch mal rechts ranfahren, wenn was nicht klappt. Das geht in der Luft nicht.“ Das präge, besonders junge Menschen, und sei eine gute Schule fürs Leben. Vor allem aber eint alle Piloten die Begeisterung fürs Fliegen. Auch Arno Gröbner schwärmt vom „wunderschönen Überblick“, wenn er von seinem Hobby spricht. Und von der „tollen, großartigen Ruhe“, die dort oben herrsche. „Wenn man sich darauf einlässt, das ist die totale Entspannung“, findet er. Und Reinhard Mey singt: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.

Letzten Sommer flogen Karsten Floßbach und Kai Schurmann mit der clubeigenen Pieper 428 nach Südfrankreich. im Winter überholen sie das Fahrwerk.

Letzten Sommer flogen Karsten Floßbach und Kai Schurmann mit der clubeigenen Pieper 428 nach Südfrankreich. im Winter überholen sie das Fahrwerk.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.