„Ich kann fliegen“

75 Jahre ist er im Dezember geworden. Er war der Verzauberer meiner Jugend und begleitet mich bis heute mit seinen wunderbaren Liedern:  Reinhard Mey. Sein bekanntestes – wenn auch nicht bestes – Chanson heißt: „Über den Wolken“. Wir kennen es alle. Und es berührt jedesmal, wenn er von der grenzenlosen Freiheit singt, die der Mensch empfindet, wenn er fliegt.

Mir geht dabei eine Geschichte durch den Sinn, welche zu den wichtigsten Erkenntnissen meines Lebens gehört, und davon möchte ich erzählen: Wir befinden uns im Jahre des Herrn 1680. Da lebte in Düsseldorf ein Schulmeisterlein mit Namen Joachim Neander. Er hatte eine große Leidenschaft: Jeden Sonntag wanderte er in ein romantisches Tal vor den Toren der Stadt und dichtete. Bald sagten die bergischen Bauern: „Da kommt wieder der bekloppte Neander und dichtet“. So bekam der Ort irgendwann seinen Namen: „Neander-Tal“. Von all seinen Liedern hat nur eines überlebt – und jeder fromme Kirchgänger kennt es: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adlers Fittichen sicher geführet …“

Auch ich sang als Kind begeistert mit. Bis ich erwachsen wurde und wie jeder, der seinem Kinderglauben entwächst, erkannte ich: „Dat is doch Quatsch! Bei all der Abgründigkeit und der Not in der Welt – wo ist denn da der liebe Gott, der dich auf Adlers Fittichen sicher geleitet? Blödsinn! Unzählige Menschen, auch Kinder, gehen in dieser Welt elendig zu Grunde.“ So konnte ich dieses Lied nie leiden, bis ich erfuhr, was dieses Bild EIGENTLICH bedeutet.

Es stammt aus der Bibel und beschreibt, wie der Wüstenadler seinen Kindern das Fliegen beibringt: Hoch in seinem Nest hockt das Adlerkind und ist rundum zufrieden. Es ist warm und kuschelig, und jeden Tag kommt Mama vorbei und bringt Essen. Aber dann, eines Tages, packt der Mutter-(oder Vater-)Adler das Kind und – wirft es aus dem Nest! Verzweifelt, schreiend fällt es in die Tiefe. Und, wenn es denken könnte, würde es sagen: „Ich dachte, meine Eltern behüten mich! Aber alles Lüge! Sie haben mich in die Tiefe gestürzt und ich gehe nun zu Grunde.“ Während der ganzen Zeit aber zieht der Adler über dem Kind seine Kreise, und wenn er spürt, es ist noch nicht so weit, es kann noch nicht fliegen, dann jagt er unter das abstürzende Junge und fängt es auf.

Das ist gemeint mit: „…der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet.“ Diese Prozedur wiederholt sich so lange, bis das Adlerkind irgendwann begreift: „Ich gehe ja gar nicht zu Grunde, ich falle zwar, aber zu Grunde gehe ich nicht!“ Und dann geschieht etwas Wunderbares: In dem Augenblick, da das Junge seine Angst verliert, breitet es seine Flügel aus und – fliegt! „Ich kann fliegen! Ja, ich kann´s!“ Diese wahre Geschichte ist für mich eine Offenbarung gewesen; und zwar über das eigentliche Wesen gesunder Pädagogik.

Ziel ist nicht mütterliche/väterliche Betüttelung, sondern Freiheit! Ziel ist es, FLIEGEN ZU LERNEN! Das heißt: Vor Abstürzen in deinem Leben wirst du nicht bewahrt, aber zu Grunde gehen wirst du nie! Selbst wenn du den größten Absturz deines Lebens, nämlich den Tod, erfährst. Hab keine Angst! Gott wird dich auffangen. Oder wie es Michelangelo sagt: „Wenn wir sterben, fallen wir nicht ins Nichts, sondern wir wechseln nur die Räume.“ Wunderbar!

So, und damit das hier nicht zu fromm wird, jetzt noch einen Witz vom Fliegen: In einem Flugzeug vergisst der Pilot das Mikro auszuschalten und alle Passagiere bekommen mit, wie er zu seinem Co-Piloten sagt: „So, jetzt trink ich erst mal einen Kaffee un‘ dann vernasch‘ ich die Stewardess.“ Mit hochrotem Kopf stürmt die Stewardess nach vorne zum Cockpit. Da sagt ein älterer Passagier: „ Ruhich Mädche, loss dir Zig, er will ja erst noch en Kaffee drinke.“

Un im Garten des Lebens ist Humor der beste Dung – Guten Flug wünscht

Der bergische Jung
Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

Hinterlasse einen Kommentar